Seit Machtübernahme der Taliban Mehr als hundert afghanische Sicherheitskräfte getötet oder verschwunden

Die Taliban-Führung hatte früheren Sicherheitskräften eine Generalamnestie zugesagt. Ein Bericht dokumentiert nun Dutzende Fälle, in denen lokale Kommandeure der Islamisten dagegen verstoßen haben sollen.
Talibankämpfer patrouillieren in Kabul: Im August übernahmen die Islamisten die Macht in Afghanistan

Talibankämpfer patrouillieren in Kabul: Im August übernahmen die Islamisten die Macht in Afghanistan

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WAKIL KOHSAR / AFP

Für die Taliban gelten Sicherheitskräfte, die sich in den Dienst der früheren Regierung gestellt hatten, als Verräter. Mit dem Vormarsch der Islamisten wuchs unter ehemaligen Angehörigen von Militär und Polizei die Angst vor Racheaktionen. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) belegt nun, dass diese Angst begründet ist.

Zahlreiche ehemalige Sicherheitskräfte der Regierung sind demnach seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan verschwunden oder exekutiert worden. Taliban-Kräfte hätten in vier der 34 Provinzen des Landes mehr als hundert ehemalige Soldaten, Polizisten oder Geheimdienstler hingerichtet oder verschwinden lassen, heißt es in einem nun veröffentlichten Bericht.

Der Report dokumentiert auf 25 Seiten die Tötungen oder das Verschwindenlassen von ehemaligen Angehörigen der Sicherheitskräfte – Militärs, Polizei, Geheimdienst oder regierungsfreundlichen Milizen – die sich ergeben hatten oder von den Taliban zwischen 15. August und Ende Oktober festgenommen worden seien. Die Untersuchungen von HRW hätten ergeben, dass allein in den Provinzen Gasni, Helmand, Kandahar und Kunduz mehr als hundert ehemalige Angehörige der Sicherheitskräfte getötet worden oder verschwunden seien.

Daten der ehemaligen Regierung genutzt

Die Führung der Taliban habe ihre Mitglieder angewiesen, Mitglieder von Einheiten, die sich ihnen ergeben hatten, zu registrieren. Sie hätten zudem auf zurückgelassene Beschäftigungsunterlagen der ehemaligen Regierung zugreifen können. Die Daten hätten sie genutzt, um Ex-Sicherheitskräfte zu verhaften oder zu töten.

Die Taliban-Führung hatte bereits viele Monate vor ihrer Machtübernahme eine Generalamnestie für alle Sicherheitskräfte erklärt und diese auch nach dem Fall der Hauptstadt Kabul mehrmals erneut bekräftigt. Die meisten Provinzen und auch die Hauptstadt Kabul waren weitgehend kampflos an die Islamisten gefallen. In mehreren Provinzen ergaben sich die Sicherheitskräfte in Massen.

»Die von den Taliban versprochene Amnestie hat lokale Kommandeure nicht davon abgehalten, ehemalige Sicherheitskräfte zu exekutieren«, sagte Patricia Gossmann, Leiterin der Asien-Abteilung bei HRW. In einer Antwort auf die Ergebnisse des HRW-Berichts hätten die Taliban erklärt, dass sie 755 für Übergriffe verantwortliche Mitglieder entlassen und Militärtribunale für Mord, Folter und rechtswidrige Festnahmen eingerichtet hätten. Informationen zur Untermauerung ihrer Behauptung seien jedoch nicht vorgelegt worden.

asc/AFP
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