Eskalation in Afghanistan Erdoğan schlägt persönliches Treffen mit Taliban-Chef vor

»Vielleicht werde ich sogar die Person treffen, die ihr Anführer ist«: Der türkische Präsident Erdoğan will das direkte Gespräch mit den Taliban suchen. Im Fokus soll Kabuls Flughafen stehen.
Recep Tayyip Erdoğan (im März)

Recep Tayyip Erdoğan (im März)

Foto: imago stock / Depo Photos / imago images

Seit Wochen verschlechtert sich die Sicherheitslage in Afghanistan rapide, Stadt um Stadt wird von den radikalislamischen Taliban eingenommen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will nun mit deren Führung über eine Deeskalation beraten.

»Die jüngsten Entwicklungen und die Lage der afghanischen Bevölkerung sind wirklich sehr beunruhigend«, sagte Erdoğan dem TV-Sender CNN Türk. Die Türkei suche daher das Gespräch mit den Taliban. »Vielleicht werde ich sogar in der Lage sein, die Person zu treffen, die ihr Anführer ist«, so Erdoğan.

Der türkische Präsident hatte zuvor bereits angekündigt, Gespräche mit den Taliban über die Sicherung des Kabuler Flughafens zu führen. Ankara hatte sich grundsätzlich bereit erklärt, den internationalen Flughafen nach dem vollständigen Abzug der internationalen Truppen aus dem Land abzusichern. Die Türkei fordert aber diplomatische, finanzielle und logistische Unterstützung der USA. Die Verhandlungen zwischen Ankara und Washington dauern an.

Parallel zum rasch fortschreitenden Abzug der US- und anderer Nato-Truppen aus Afghanistan hatten die Taliban in den vergangenen Monaten große Teile des Landes erobert. Die Miliz kontrolliert inzwischen mehr als ein Viertel der Provinzhauptstädte in Afghanistan.

Noch im Juni waren US-Geheimdienstmitarbeiter davon ausgegangen, dass die afghanische Hauptstadt Kabul in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach dem Abzug des US-Militärs unter Kontrolle der Taliban geraten könnte. Angesichts des schnellen Vormarschs der Islamisten wurden diese Schätzungen mittlerweile offenbar deutlich nach unten korrigiert. Der Zusammenbruch könnte in 30 bis 90 Tagen erfolgen, berichtete die »Washington Post«  unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten.

Biden: Afghanen müssen »selbst um ihren Staat kämpfen«

Die letzten Soldaten der Nato hatten Anfang Juli den US-Stützpunkt Bagram verlassen. Damit endete der 20 Jahre dauernde Einsatz der Truppen am Hindukusch. Wegen der derzeitigen Lage im Land hat Deutschland seine Abschiebungen nach Afghanistan vorerst ausgesetzt.

Trotz der erneuten Eskalation der Gewalt halten die USA derzeit an ihren Abzugsplänen fest. Das Weiße Haus und das Pentagon betonen immer wieder, dass der Kampfeinsatz der US-Truppen in Afghanistan wie geplant in rund drei Wochen enden wird. Nun müssten Afghanen »selbst um ihren Staat kämpfen«, sagte US-Präsident Joe Biden am Dienstag im Weißen Haus in Washington. Die Taliban hatten von 1996 bis zur US-geführten Intervention 2001 weite Teile Afghanistans unter ihrer Kontrolle.

jok/AFP
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