Flucht aus Kabul nach Deutschland »Es ist grausam, aus seiner geliebten Heimat gerissen zu werden«

Zarifa Ghafari war die einzige Bürgermeisterin Afghanistans. Dann kamen die Taliban an die Macht und ihr Leben war akut bedroht. Hier berichtet sie von ihrer Flucht – von Kabul über Pakistan und die Türkei bis nach Bonn.
Ein Interview von Maria Stöhr
Am Montagabend kam Zarifa Ghafari mit ihrer Familie in Deutschland an und traf direkt den Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU)

Am Montagabend kam Zarifa Ghafari mit ihrer Familie in Deutschland an und traf direkt den Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU)

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Federico Gambarini / dpa

Globale Gesellschaft

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DER SPIEGEL: Frau Ghafari, als wir vor einer Woche telefonierten, saßen Sie in einer Kabuler Wohnung. Sie sagten, Sie rechneten mit dem Tod. Dass die Taliban schon Ihren Vater und Großvater ermordet haben, und dass Sie selbst akut bedroht sind. Nun haben Sie es außer Landes geschafft. Wie liefen die Stunden Ihrer Flucht ab?

Ghafari: Ich bin am Montagabend in Bonn angekommen, gemeinsam mit meiner Familie. Ende vergangener Woche – die Tage verschwimmen in meinem Kopf – haben wir es an den Kabuler Flughafen geschafft. Ein Fahrer kam mit einem Auto. Ich versteckte mich im Fußraum. Die Situation war schrecklich. Wir hatten alle solche Angst. Man muss auf dem Weg zum Flughafen Checkpoints der Taliban passieren. Wir wurden dort angehalten, ein Mann fragte unseren Fahrer, wohin wir wollten. Er antwortete, dass wir unterwegs seien von einer Provinz in die nächste. Ich kauerte weiter geduckt hinter den Sitzen, bei den Füßen meiner Familie. Ich konnte fast nicht atmen, mein Herz schlug so wild.

Zarifa Ghafari
Foto: Carolyn Kaster/ AP

Zarifa Ghafari, Jahrgang 1992, wuchs in Kabul als Tochter einer Lehrerin und eines Soldaten auf. Mit ihrer Organisation Assistance and Promotion of Afghan Women (APAW) setzt sie sich für Frauenrechte in ihrem Land ein. Sie war Bürgermeisterin von Maidan Shar in der Provinz Wardak, lebte in Kabul. Als die Taliban am 15. August die afghanische Hauptstadt einnahmen, floh sie schließlich außer Landes.

SPIEGEL: Und dann?

Ghafari: Ließ uns der Talib weiterfahren. Keine Kontrolle des Wagens, keine Nachfragen. Wir hatten ein Riesenglück. Wie viele Leute, die akut bedroht sind, jeden Tag an genau diesen Checkpoints scheitern!

Ghafari als Bürgermeisterin in Maidan Shar: »Ich versteckte mich im Fußraum«

Ghafari als Bürgermeisterin in Maidan Shar: »Ich versteckte mich im Fußraum«

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ddp/Newscom

SPIEGEL: Wie haben Sie es dann in eine Evakuierungsmaschine  geschafft?

Ghafari: Wir wurden von verschiedenen internationalen Behörden unterstützt. Aber auch am Flughafen war noch mal Chaos, wir hatten Schwierigkeiten, uns zurechtzufinden, durchzukommen durch die Menschenmengen. Schließlich bestiegen wir ein Flugzeug nach Islamabad, dann flogen wir weiter in die Türkei. Dort kümmerte sich das deutsche Konsulat in Istanbul, sodass wir gestern Abend weiter nach Deutschland fliegen konnten.

SPIEGEL: Dort haben Sie direkt den Kanzlerkandidaten Armin Laschet getroffen.

Ghafari: Er versicherte mir, er wolle sich kümmern, dass meine Familie dauerhaft in Sicherheit ist. Ich habe Herrn Laschet gesagt, dass aber 99 Prozent der Frauen  in Afghanistan weiter in absoluter Unsicherheit leben. Dass sie niemals auf einen Evakuierungsflug hoffen, niemals auf einer dieser Ausfliegelisten deutscher, amerikanischer oder türkischer Behörden stehen werden. Dass ihm das klar sein muss. Ich bin Deutschland aber auch sehr dankbar, dass mir und meiner Familie geholfen wurde und dass wir am Leben sind.

»Ich habe eine kleine Dose voll mit afghanischem Sand mitgenommen. Ich kann nicht einschlafen, ehe ich an dem Häufchen Sand gerochen, es berührt habe.«

Zarifa Ghafari

SPIEGEL: Wie geht es Ihnen jetzt?

Ghafari: Wenn jemand wissen will, wie ich mich fühle, soll er sich einfach mal vorstellen, wie es wäre, aus seiner geliebten Heimat gerissen zu werden. Es ist grausam. Nicht zu wissen, ob man sie je wiedersehen wird. Ob man die Menschen, mit denen man aufwuchs, mit denen man Dinge geschafft hat, je wieder umarmen wird. Mein Land bedeutet alles für mich. Sollte ich es je wieder betreten, werde ich es noch wiedererkennen?

SPIEGEL: Was gibt Ihnen gerade Kraft?

Ghafari: Wissen Sie, ich will der Welt jetzt erst recht von den Frauen in Afghanistan erzählen. Ich will eure Herzen, eure Gefühle für die Frauen in Afghanistan gewinnen. Wir Frauen müssen weltweit zusammenstehen. Wir müssen unsere Stimmen erheben. Ich will eine Kämpferin sein für die Rechte der Afghaninnen.

SPIEGEL: Haben Sie eine Nachricht an die Taliban?

Ghafari: Ich werde mich einsetzen, dass die Taliban zurück an den Verhandlungstisch kehren. Werft nicht euren Schleier an Grausamkeit und Gewalt über unser Land! Sondern lasst uns unsere Grundrechte! Lasst Mädchen weiter zur Schule gehen! Das ist das Wichtigste: dass die Schule für alle Kinder offen bleibt. Hunderttausende Afghaninnen und Afghanen sind durch die Rückkehr der Taliban in ihrer Freiheit bedroht.

SPIEGEL: Sie sind innerhalb weniger Stunden und völlig überstürzt aus Afghanistan geflohen und nun in einem ganz anderen Land. In der Stadt Bonn.

Ghafari: Wir konnten nichts mitnehmen. Gepäck schürt Verdacht. Ich habe die Militärmütze meines Vaters mitgenommen. Die trug er immer, als er noch lebte. Er war General, vor neun Monaten wurde er von den Taliban ermordet. Ich habe meine eigene Militäruniform mitgenommen, die aus meiner Zeit als Mitarbeiterin am Verteidigungsministerium stammt. Sie erinnert mich an die Zeit, die gut war in Afghanistan. Und ich habe eine kleine Dose voll mit afghanischem Sand mitgenommen. Ich kann nicht einschlafen, ehe ich an dem Häufchen Sand gerochen, es berührt habe.

SPIEGEL: Wie geht es Ihnen damit, plötzlich ein neues Zuhause aufbauen zu müssen?

Ghafari: Ich will kein neues Zuhause. Ich habe eine Heimat. Ich habe ein Land. Ich habe eine Gesellschaft, aus der ich komme. Das alles bleibt. Ich bin in Sicherheit, das ist gut. Dafür bin ich dankbar. Aber ich wünschte, jede Afghanin könnte eine Zarifa Ghafari sein.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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