Sima Samar

Kabul Diary »Dann können wir Frauen uns nicht sicher sein, ob wir lebend zurückkehren, wenn wir das Haus verlassen«

Sima Samar
Eine Kolumne von Sima Samar
Ich bin eine Frau in Afghanistan. Ich weiß, was Leben unter den Taliban bedeutet. Was geschieht, wenn sie an der Macht sind. Seit dem Abzug der internationalen Truppen lebe ich in großer Sorge.
Sima Samar setzt sich für Menschenrechte in Afghanistan ein: »Es fällt es gerade schwer zu schlafen, ohne furchtbare Träume zu haben«

Sima Samar setzt sich für Menschenrechte in Afghanistan ein: »Es fällt es gerade schwer zu schlafen, ohne furchtbare Träume zu haben«

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Kayana Szymczak / DER SPIEGEL

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Sima Samar, 64, ist eine Ärztin aus Afghanistan. Sie war die erste Ministerin für Frauenangelegenheiten in dem Land und setzt sich seither dort für Frieden ein. Ihr Fokus liegt auf Frauenrechten und der Frage, wie Mädchen eine bessere Bildung bekommen können. Samar arbeitete in Camps für afghanische Geflüchtete in Pakistan und baute in der Grenzstadt Quetta ein Krankenhaus für Frauen und Kinder auf. In ihrer SPIEGEL-Kolumne schreibt sie über das Leben in der afghanischen Stadt Kabul nach dem Ende des Nato-Einsatzes.

Neulich war ich zu einem Abendessen bei Freunden in Kabul eingeladen. Wir saßen da zusammen, wir diskutierten. Über den Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan. Darüber, wie sich unser Land in den vergangenen 20 Jahren, in denen die Soldaten hier waren, verändert hat. Darüber, wie unsere Zukunft in Afghanistan ohne sie wohl aussehen wird.

Wir haben auch über die deutschen Soldaten gesprochen. Angela Merkel hatte gesagt, die Bundeswehrkräfte würden mindestens bis Januar 2022 in unserem Land bleiben. Doch dann kündigten die USA ihren Rückzug für diesen Sommer an. Daher gingen auch die Deutschen viel früher als gedacht, schon am 27. Juni.

Jemand erzählte bei dem Abendessen die Anekdote, dass die Deutschen das gesamte Bier, das sie noch in ihren Militärlagern gelagert hatten, nach Deutschland ausgeflogen hätten. Ein Freund fragte, wie viel das wohl gekostet habe?

Straßenszene in Dschalalabad, Afghanistan, 2014

Straßenszene in Dschalalabad, Afghanistan, 2014

Foto: NurPhoto / NurPhoto / Getty Images

Alle am Tisch haben gelacht, aber es war ein bitteres Lachen. Es zeigte die ganze Ratlosigkeit darüber, was von diesem – für viele von uns so überstürzten – Abzug zu halten ist.

Der Nato-Einsatz ist beendet. Und wir hier, in Afghanistan, in Kabul, überall an den Esstischen unter Freunden, sind zu einer Bilanz gezwungen: Was haben die vergangenen 20 Jahre mit unserem Land gemacht? Was kommt?

Die Pul-e Khishti-Moschee in Kabul, 2014

Die Pul-e Khishti-Moschee in Kabul, 2014

Foto: NurPhoto / NurPhoto / Getty Images

Der Zeitraum, über den wir dann sprechen, beginnt mit dem 11. September 2001, als zwei Flugzeuge die Türme des World Trade Centers in New York zerstörten. Ich sah damals die Nachrichten in der BBC. Ich war schockiert. Ein paar Wochen später zogen die USA in den Krieg gegen das Taliban-Regime. Bomben fielen auf Kabul. Der Afghanistankrieg begann. Die internationalen Truppen kamen.

Zu diesem Zeitpunkt, im Jahr 2001, war das Leben für viele Menschen, aber gerade für Frauen in Afghanistan, unerträglich, ja fast unmöglich, geworden. Die Taliban traten die Rechte von Frauen mit Füßen. Sie durften nicht zur Schule gehen. Sie durften nicht ohne Begleitung eines Mannes vor die Tür, um Brot für ihre Kinder zu kaufen.

Im Nachbarland Pakistan wuchsen die Flüchtlingslager. Millionen Afghaninnen und Afghanen flohen dorthin. Auch ich lebte damals in der pakistanischen Grenzstadt Quetta. Ich war ebenfalls geflüchtet, schon im Jahr 1984. Ein paar Jahre zuvor, 1979, war mein Mann verhaftet worden, ich habe seitdem nie wieder etwas von ihm gehört. Er gilt als verschollen. Ich hatte bei der Flucht meinen Sohn bei mir, der damals sechs Jahre alt war. Später bekam ich noch eine Tochter, in Pakistan, mit meinem zweiten Ehemann.

Ich bin Ärztin. In Quetta gründete ich eine Organisation, die sich um die Gesundheitsversorgung, Bildung und Hebammenkurse für geflüchtete afghanische Frauen und Kinder kümmerte. 2001 bin ich dann nach Kabul zurückgekehrt, als mich der neue Präsident Hamid Karzai zur Frauenministerin machte.

Sima Samar auf dem Weg in ihr Büro in Kabul im vergangenen März

Sima Samar auf dem Weg in ihr Büro in Kabul im vergangenen März

Foto: Rahmat Gul / AP

Eine der wichtigsten Aufgaben der ausländischen Soldatinnen und Soldaten war es, Menschenrechte in Afghanistan durchzusetzen und zu schützen. Die Freiheit der Frauen. Wenn wir hier von einer Bilanz sprechen, kann ich sagen: Gemeinsam haben wir vieles erreicht.

Gerade die afghanischen Frauen: Sie haben sich die gleichen Rechte wie Männer in der Verfassung erstritten. Wie sehr mussten wir kämpfen, bis die Verfassung um das Wörtchen »Frau« ergänzt wurde. Aber wir haben es geschafft! Häusliche Gewalt wurde zur Straftat erklärt, eine weitere wichtige Veränderung. Dann der Zugang zu Bildung für Mädchen: Drei Millionen Mädchen gehen heute zur Schule; mehrere Millionen Mädchen und Jungen haben leider weiter keinen Zugang zu Bildung. Die Gesundheitsversorgung wurde besser. Die Mütter- und Kindersterblichkeit nahm ab, sie fiel um 50 Prozent. Immer mehr Frauen sind präsent in den Medien, in Unternehmen, in der Politik, im Sport.

Flüchtlingscamp in Kabul, Afghanistan (September 2020)

Flüchtlingscamp in Kabul, Afghanistan (September 2020)

Foto: Sayed Mominzadah / Xinhua / imago images

Viele fragen sich jetzt: Was bedeutet der Abzug für die Frauen im Land? Wurde erreicht, was einmal das Ziel war: Frieden in Afghanistan?

Ich lebe gerade in großer Angst, wie alle Menschen in Afghanistan. Ich kenne den Krieg, wir alle hier kennen ihn. Wir trauen dem Fundament nicht, auf dem die Fortschritte der vergangenen zwei Jahrzehnte gebaut sind. Wir sehen, dass die Taliban viele Provinzen des Landes bereits wieder unter ihrer Kontrolle  haben.

Die Gewalt nimmt zu , seit die USA mit den Taliban im Februar 2020 dieses Abkommen unterzeichnet haben, das sie ein Friedensabkommen nennen. Journalisten werden umgebracht, Richter, Menschenrechtskämpferinnen. Zivilisten werden aufgrund ihrer Ethnie und Religion ermordet. Es sind seitdem mehr Zivilisten getötet worden als in irgendeinem anderen Jahr seit Beginn des Konflikts.

Die Taliban haben sich nicht verändert. Wir wissen, was diese Terroristen tun, wenn sie an der Macht sind. Dann können wir Frauen uns nicht sicher sein, ob wir lebend zurückkehren, wenn wir das Haus verlassen. Das gilt für mich. Das gilt für meine Freundinnen. Jemandem wie mir, die sich für Menschenrechte einsetzt, fällt es gerade schwer zu schlafen, ohne furchtbare Träume zu haben. Manchmal denke ich, ich habe nicht genug Tränen, um alle Opfer dieser Terroristen zu beweinen.

Redaktion und Übersetzung: Maria Stöhr

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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