Afghanistan In diesem Waisenhaus lernen Kinder, ihre Traumata hinter sich zu lassen

Im House of Flowers in Kabul finden Mädchen und Jungen, die bei Anschlägen ihre Eltern verloren haben, ein neues Zuhause. Ein Ort des Friedens in einem Land, das bald wieder von den Taliban beherrscht werden könnte.
Von Maria Stöhr und Alessio Mamo (Fotos)
Mittagessen im House of Flowers: »Hier können die Kinder spielen, sie haben Freiraum und Schutz«

Mittagessen im House of Flowers: »Hier können die Kinder spielen, sie haben Freiraum und Schutz«

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Alessio Mamo

Globale Gesellschaft

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Als das House of Flowers zum ersten Mal seine Türen öffnete, für die Kinder von Kabul, die ihre Eltern im Krieg verloren hatten, kamen drei Mädchen an die Pforte.

Sie standen da am Eingang, begleitet von ihrem Vater. Die Mutter war tot. Es war 2002, einige Monate nach Beginn des Afghanistan-Krieges. Fatima, eine der Schwestern, ist heute, fast 20 Jahre später und als erwachsene Frau, immer noch dort. Als Lehrerin, für die Waisenkinder von heute. Fatima sagt, sie fühle sich da am wohlsten, wo sie ein neues Zuhause fand.

Das House of Flowers in der afghanischen Hauptstadt ist ein Waisenhaus mit angegliederter Schule. Es ist die einzige Montessori-Schule in dem Land. Die US-amerikanische Montessori-Pädagogin Allison Lide und ihr Mann Mostafa Vaziri, ein Arzt, gründeten die Einrichtung vor 20 Jahren. Etwa 30 Kinder leben dort, Kleinkinder bis Jugendliche. Wenn sie 18 sind, ziehen sie spätestens aus. Die meisten haben ihre Mütter und Väter durch Anschläge der Taliban verloren.

Fatima, Mitte 30, ganz rechts im Bild, kam 2002 als Halbwaise ins House of Flowers. Sie und ihre Schwestern waren die Ersten, die in der Einrichtung betreut wurden. Heute ist sie zurück – als Englischlehrerin

Fatima, Mitte 30, ganz rechts im Bild, kam 2002 als Halbwaise ins House of Flowers. Sie und ihre Schwestern waren die Ersten, die in der Einrichtung betreut wurden. Heute ist sie zurück – als Englischlehrerin

Foto: Alessio Mamo

Lide erinnert sich bei einem Telefonat an die Anfangsjahre, wie Kinder mangelernährt, traumatisiert, stumm hier ankamen. Und wie sie nach vier oder sechs Wochen anfingen, zu entkrampfen, sich zu entspannen, irgendwann lächelten.

»Hier können die Kinder spielen, sie haben Freiraum und Schutz«, sagt Lide. »Wir machen viel Musik, Kunst und die Kinder bekommen Verantwortung für kleine Dinge im Haus übertragen. So verblasst das Trauma langsam. Die Kinder lernen, wozu sie imstande sind. Sie werden resilient.«

»Diese Menschen sind immer von Gefahr umgeben.«

Fotograf Alessio Mamo

Der italienische Fotograf Alessio Mamo besuchte das House of Flowers im Jahr 2019. Zu einer Zeit, in der die Selbstmordattentate in der Stadt wieder zunahmen. Das Besondere an der Einrichtung sei, dass es ein »Platz des Friedens« ist, so Mamo. Kinder aus verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen lernen und leben hier zusammen. Nur zum Schlafen seien Jungen und Mädchen in getrennten Schlafsälen untergebracht.

»Die Lehrerinnen wollen damit den Grundstein für ein anderes Afghanistan legen. Eines, das nicht von Streit und Kampf durchzogen ist«, sagt Mamo. Eine neue Generation solle heranwachsen, die verstehe, wie schön es sei, verschieden zu sein, und die an die Idee glaube, dass man trotzdem friedlich zusammen leben könne.

Blick auf Kabul: Werden die Taliban die Hauptstadt stürmen, wenn die internationalen Truppen abgezogen wurden?

Blick auf Kabul: Werden die Taliban die Hauptstadt stürmen, wenn die internationalen Truppen abgezogen wurden?

Foto: Alessio Mamo

In der Coronakrise musste die Einrichtung auf Anordnung der Regierung für einige Monate schließen, die Kinder wurden vorübergehend zu Verwandten oder Betreuern in der Stadt geschickt. Seit vergangenem Herbst ist das Haus wieder geöffnet – die Kinder werden wieder betreut und beschult. Die Verantwortlichen tauften das House of Flowers daher in Garden of Flowers um. Über Nacht darf aktuell jedoch noch niemand bleiben. Morgens stehen die Kleinen jetzt meistens schon um sieben Uhr an der Pforte, obwohl der Unterricht erst um acht Uhr beginnt, sagt Allison Lide.

Mamo erzählt, für ihn sei die Zeit der Recherche mit viel psychischem Stress verbunden gewesen. Als Fotograf habe er so viel Alltag wie möglich erfahren und verstehen wollen. »Doch ständig sagte jemand zu mir: ›Geh hier nicht hin, geh dort nicht hin, geh nicht auf den Markt, geh nicht nach einer bestimmten Uhrzeit nach draußen‹.« Die Menschen in Kabul hätten ihn beschützen wollen vor den Gefahren in der Stadt: explodierende Autobomben, Selbstmordattentate. Dinge, mit denen die Bewohnerinnen und Bewohner leben müssen. »Diese Menschen sind immer von Gefahr umgeben«, sagt er.

Allison Lide (l.) hat die Montessori-Einrichtung 2002 gegründet. Inzwischen baut sie eine ähnliche Einrichtung in Casablanca, Marokko, auf

Allison Lide (l.) hat die Montessori-Einrichtung 2002 gegründet. Inzwischen baut sie eine ähnliche Einrichtung in Casablanca, Marokko, auf

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Alessio Mamo und Allison Lide sagen beide, dass die Betreuerinnen im House of Flowers sich sorgten, wie die Zukunft in ihrem Land aussieht, wenn sich die internationalen Truppen im Herbst zurückziehen und Afghanistan sich selbst überlassen. Erst vor ein paar Tagen starben bei einem Angriff auf eine Schule in Kabul 85 Menschen, die meisten davon Schülerinnen.

Werden die Taliban Kabul stürmen, wenn die Nato weg ist ?

Werden wieder mehr Kinder ihre Eltern verlieren?

Was wird dann aus dem Waisenhaus? Werden die ganzen Erfolge dann zurückgedreht?

Und was wird aus den vielen Frauen, die in der Einrichtung arbeiten – werden sie das künftig noch dürfen?

Es gibt darauf keine Antworten, nur diesen Vorsatz von Allison Lide: »Wir konzentrieren uns auf die Dinge, die wir beeinflussen können. Nicht darauf, was wir nicht beeinflussen können. Wir werden da sein für die Kinder, die uns brauchen.«

In der Fotostrecke erfahren Sie mehr über das House of Flowers:

Fotostrecke

Die Waisenkinder von Kabul

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Alessio Mamo

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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