Islamisten in Kabul Afghanische Regierung plant »friedliche Machtübergabe« an Taliban

Die Taliban haben in den vergangenen Tagen blitzartig die Kontrolle in großen Teilen Afghanistans übernommen. Jetzt soll offenbar ein früherer Innenminister eine Übergangsregierung bilden.
Afghanistans Hauptstadt Kabul am Sonntag

Afghanistans Hauptstadt Kabul am Sonntag

Foto: Wakil Kohsar / AFP

Die afghanische Regierung plant offenbar eine friedliche Machtübergabe Kabuls an die vorrückenden Taliban. Das kündigte Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal an. Ein Taliban-Sprecher erklärte gegenüber dem Nachrichtensender Al Jazeera bereits zuvor, dass die islamistischen Kämpfer »eine friedliche Übergabe der Stadt Kabul erwarten«.

DER SPIEGEL

Ein afghanischer Beamter, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollte, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, Taliban-Unterhändler hätten sich am Sonntag zum Präsidentenpalast begeben, um die Übergabe zu besprechen. Es blieb unklar, wann die Übergabe stattfinden würde.

Innenministerium plant »Übergangsregierung«

»Es wird keinen Angriff auf die Stadt geben«, sagte Innenminister Mirsakwal in einer aufgezeichneten Ansprache. Demnach soll eine Übergangsregierung gebildet werden. Auch der Stabschef von Präsident Ashraf Ghani, Matin Bek, schrieb im Onlinedienst Twitter: »Keine Panik! Kabul ist sicher.«

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Afghanistans ehemaliger Innenminister und Botschafter in Deutschland Ali Ahmed Jalali soll nach SPIEGEL-Informationen heute Morgen in Kabul gelandet sein. Er solle demnach eine kommende Übergangsregierung bilden. Auch die Nachrichtenagentur Reuters berichtet über die Personalie. Welche tatsächliche Macht Jalali mit 81 Jahren spielen würde, bleibt abzuwarten.

Auch das Gerücht, dass Abdullah Abdullah, jahrelang Gegenspieler und zweiter starker Mann der afghanischen Regierung, eine prominente Rolle beim Machtwechsel spielen würde, hält sich hartnäckig. Abdullah hatte bisher die Regierungsverhandlungen mit dem Taliban-Exil-Führer Mullah Baradar geführt, die Verhandlungen mit der Islamisten-Spitze in Kabul wurden mittlerweile aus dem Palast bestätigt. Es gehe im Kern um eine Übergangsregierung, darum, weitere Kämpfe zu vermeiden. Auch innerhalb zumindest der Einheiten des Innenministerium und des Geheimdienstes NDS sei der Befehl ergangen, nicht das Feuer zu eröffnen, sondern sich ruhig zu verhalten.

DER SPIEGEL

Taliban stellen Bedingungen

Sobald Präsident Ashraf Ghani abtrete, seien die Taliban zu einem Waffenstillstand bereit, hieß es zuletzt. Sie würden nur auf das Abtreten des Kabinetts bis hinunter zur Ebene der stellvertretenden Generaldirektoren in den Ministerien bestehen. Der übrige Verwaltungsapparat solle vorläufig Bestand haben. Eine offizielle Bestätigung für diese Pläne gibt es bisher von keiner der Parteien.

Das US-Militär hat die Sicherung des Präsidentenpalastes von der bisherigen afghanischen Eliteeinheit PPU übernommen, so zwei Quellen im Palast und einer Sicherheitsfirma gegenüber dem SPIEGEL. Vorläufig werden keine Kämpfe in der Stadt gemeldet, wohl aber einzelne, kurze Schießereien.

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Andere Bereiche der Stadt haben die Taliban bereits unter ihre Kontrolle gebracht: Nach Berichten von Augenzeugen aus verschiedenen Teilen Kabuls sind bereits mehrere Polizeidirektionen übernommen worden. So etwa die Hauptquartiere der Polizeibezirke 5, 6 und 17 im Westen der Stadt und des Bezirks 7 im Süden der Stadt nahe der Grenze zur Nachbarprovinz Logar, die vor wenigen Tagen von den Taliban eingenommen wurde.

Freigelassene Häftlinge skandieren »Allahu Akbar«

Der Bruder eines SPIEGEL-Mitarbeiters, der auf verschiedenen Wegen zu Fuß vergeblich versuchte, zum abgeriegelten Flughafen zu kommen, berichtet von beängstigenden Szenen: »Überall strömen die entkommenen, freigelassenen Gefängnisinsassen durch die Stadt, skandieren »Allahu Akbar«, preisen die Taliban.« Am Samstag hatten die Taliban das größte Gefängnis der Stadt am östlichen Stadtrand in Pol-i Sharkhi erobert und Tausende Gefangene, viele davon Taliban, freigelassen.

Die Islamisten hatten in den vergangenen Tagen eine afghanische Stadt nach der anderen oft kampflos eingenommen, zuletzt auch das strategisch wichtige Jalalabad im Osten und den früheren Bundeswehrstandort Masar-i-Scharif im Norden. Kabul war damit die letzte noch verbliebene Bastion der Regierungstruppen.

Die Geschwindigkeit des Taliban-Vormarsches seit dem Beginn des Abzugs der Nato-Truppen im Mai sorgte international für Fassungslosigkeit. Unter Hochdruck arbeiten westliche Staaten, darunter Deutschland, derzeit an der Rückführung von Botschaftspersonal sowie der Ausreise von afghanischen Ortskräften aus Kabul. Viele Menschen drängten zuletzt zum mittlerweile abgeriegelten internationalen Flughafen, in der Hoffnung, die Hauptstadt auf dem Luftweg verlassen zu können.

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Bislang hatte es noch einen regen Flugverkehr von und nach Kabul gegeben, da sämtliche Maschinen aus dem Land heraus völlig ausgebucht waren, die Ticketpreise sich verdreifachten. Doch der Emirates-Flug EK640 aus Dubai, der eigentlich heute in Kabul landen sollte, kehrt zurück nach Dubai. Die Passagiere, die mit der Maschine Kabul verlassen wollten, hängen nun am Flughafen fest.

mgb/cre/rai/AP/AFP
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