Russlands Botschafter in Kabul »Leute, entspannt euch, lasst uns in unsere Botschaftssauna gehen«

Wie geht es in Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban weiter? Russlands Botschafter in Kabul sieht die neuen Herrschaftsverhältnisse optimistisch – und kann sich vorstellen, dass bald Touristen ins Land kommen.
Ein Interview von Timofey Neshitov
Kämpfer der Taliban in Kabul

Kämpfer der Taliban in Kabul

Foto: Rahmat Gul / AP

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

SPIEGEL: Herr Botschafter, Sie sind einer der wenigen Diplomaten, die in Afghanistan geblieben sind – haben Sie keine Angst?

Schirnow: Die Tage seit dem Machtwechsel waren die friedlichsten, die ich in Kabul erlebt habe. Früher hat man hier jede Nacht Schüsse gehört, Explosionen. Jetzt ist Ruhe, nur ganz am Anfang gab es Plünderungen, die Taliban haben diese Art von Kriminalität schnell unterbunden. Sie haben Zettel mit Hotline-Nummern an die Bevölkerung verteilt, da kann man anrufen, wenn man belästigt wird.

Zur Person

Dmitrij Schirnow, 44, ist seit April 2020 Russlands Botschafter in Kabul.

SPIEGEL: Jüngste Schlagzeilen: Taliban töten einen Verwandten eines Journalisten der Deutschen Welle. Ein Deutscher wird auf dem Weg zum Kabuler Flughafen angeschossen. In der Provinz Ghazni foltern die Taliban mehrere Hazara-Männer zu Tode. So ruhig klingt das nicht.

Schirnow: Diese Berichte muss man genauestens überprüfen. Gerüchte werden in Afghanistan schnell zu Nachrichten. Soweit ich weiß, gibt es vor allem außerhalb Kabuls Banden, die sich als Taliban ausgeben – so kommen die schneller an ihre Beute, die Leute leisten ja keinen Widerstand. Wenn man die Taliban-Hotline anruft, kommen die echten Taliban und helfen.

Flughafen in Kabul

Flughafen in Kabul

Foto: Planet Labs Inc. / picture alliance/dpa/Planet Labs Inc./AP

SPIEGEL: Waren Sie denn mal vor der Tür, informieren Sie sich konkret draußen bei den Menschen, wie die Lage in der Stadt ist?

Schirnow: Wir sind in telefonischem Kontakt mit sehr vielen Menschen. Zum Beispiel mit Hazara (Angehörigen der schiitischen Minderheit. Anm. d. Red.). Sie hatten tatsächlich große Angst vor dem Vormarsch der Taliban, sie sind Schiiten und haben in der Vergangenheit sehr unter den Taliban gelitten. In Kabul haben wir gezielt mehrere Familien im Hazara-Viertel gefragt, wie es ihnen geht. Keiner hat sich beschwert. Gestern war Aschura, ein wichtiges religiöses Fest der Schiiten. Sie gehen an diesem Tag jedes Jahr auf die Straße – und immer wieder gab es Terroranschläge. Offiziell hieß es, es waren die Taliban, nach unseren Informationen war es der IS. Dieses Jahr war jedenfalls Ruhe, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Die Taliban haben sogar Patrouillen losgeschickt, um den Straßenzug der Schiiten zu beschützen. Sie wissen gut: Wenn was passiert, sind sie schuld.

SPIEGEL: Ob das so bleibt, werden wir sehen. Sie selbst fühlen sich offensichtlich in Sicherheit. Seit wann wussten Sie, dass Sie und Ihre Mitarbeiter nach dem Machtwechsel in Kabul bleiben?

Schirnow: Seit etwa Anfang Sommer.

SPIEGEL: Gingen Sie damals bereits davon aus, dass die Taliban bald in den Präsidentenpalast einziehen?

Schirnow: Es ging weniger um den genauen Zeitpunkt, es ging um den Rahmen, in dem die Taliban an die Macht kommen. Ja, wir gingen bereits im Mai davon aus, dass sie diesmal kein Interesse an einer Gewaltherrschaft haben. Das habe ich auch meinen westlichen Kollegen immer wieder gesagt, beim Borschtsch hier in der Botschaft. Sie sagten alle, es werde ein Blutbad geben. Ich sagte, Leute, entspannt euch, lasst uns in unsere Botschaftssauna gehen.

SPIEGEL: Wie konnten und können Sie so sicher sein?

Schirnow: Erstens, weil jedem seit einer Weile klar war, die Mehrheit der Afghanen lehnt die Regierung von Ashraf Ghani ab, sogar viele in seinem engsten Umfeld. Es war abzusehen, dass niemand Ghani ernsthaft verteidigen würde. Zweitens bestätigten unsere Quellen in den vergangenen Monaten mehrfach, dass die Taliban sich diesmal sehr bemühen werden, zivilisiert aufzutreten – sie hatten das offenbar intern für sich beschlossen. Die Art, wie sie Kabul einnahmen, zeigt, dass sie kein Blutvergießen wollen: Sie schickten erst eine unbewaffnete Vorhut, sie boten den Polizei- und Armeeeinheiten an, die Waffen niederzulegen.

SPIEGEL: Haben Sie selbst vor dem 15. August mit den Taliban gesprochen?

Schirnow: Nicht persönlich, über Vermittler, viel lief über Moskau. Dort wurden die Sicherheitsgarantien für unsere Botschaft vereinbart.

SPIEGEL: Was beinhalten diese Garantien?

Schirnow: Dass keinem von uns ein Haar gekrümmt wird, auch denjenigen nicht, die nicht mehr viele Haare haben, so wie ich. Diese Garantien galten übrigens nicht nur uns, sie galten allen Diplomaten in Kabul, auch den westlichen. Bereits am vergangenen Montag übernahmen die Taliban die Verantwortung für die Sicherheit unserer Botschaft. Die Mitarbeiter des Innenministeriums zogen ab, die Taliban besetzten alle Posten, sie brachten zwei eigene gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren mit.

SPIEGEL: In Russland sind die Taliban eine verbotene Terrororganisation. Jetzt schützen also Terroristen Ihre Botschaft.

Schirnow: Die Einstufung als Terrororganisation basiert auf den Erfahrungen der Neunzigerjahre und Nullerjahre. Wir werden die Taliban jetzt genau beobachten, wir ziehen keine voreiligen Schlüsse. Die Erfahrung der ersten fünf Tage ist positiv, aber sie muss sich festigen.

SPIEGEL: Am Dienstag kam ein ranghoher Talib zu Ihnen in die Botschaft, wer war das?

Schirnow: War das am Dienstag? Ich verliere langsam das Zeitgefühl, ich gehe hier um drei ins Bett und bin seit sieben Uhr auf den Beinen.

SPIEGEL: So sagten Sie es im Moskauer Sender Echo Moskwy.

Schirnow: Der Mensch kam ohne Tross, ohne Leibwächter, allein mit seinem Fahrer. Sie müssen wissen, es gibt noch keine politische Führung in Kabul, es gibt eine Art Kommandantur. Ich traf mich mit dem Menschen, der am 15. August die Kapitulation afghanischer Armeeeinheiten entgegennahm, er ist sozusagen der Kabul-Verantwortliche der Taliban.

SPIEGEL: Wie heißt er?

Schirnow: Ich sag mal so, er hat einen Vollbart und ist mittleren Alters.

SPIEGEL: Gibt es unter den Menschen, die jetzt am Flughafen von Kabul ausharren, russische Staatsbürger?

Schirnow: Meines Wissens nicht. Unsere Bürger warten auf die Wiederaufnahme des kommerziellen Flugbetriebs. Nach meinen Informationen fliegen hier in einer Woche wieder die üblichen Airlines. Wer weiß, vielleicht wollen die Taliban, dass Touristen nach Afghanistan kommen. Die Natur hier ist umwerfend, die Luft, die Berge, die Sonne – Afghanistan erinnert mich an die Krim, nur das Meer fehlt. Die Menschen sind einerseits vom Krieg abgehärtet, andererseits warmherzig, bisweilen fast kindisch naiv, vielleicht kompensieren sie dadurch den ewigen Krieg. Nun sagen die Taliban: Der Krieg ist vorbei.

SPIEGEL: Konnten Sie sich mit Präsident Ghani unterhalten?

Schirnow: Zweimal ausführlich, in seinem Amtszimmer und im Garten des Präsidentenpalasts. Er ist ein sehr gebildeter, weltgewandter Mensch, war bei der Weltbank. Das einzige, was mir nicht gefiel: Er wollte nicht über den Friedensprozess reden. Ich habe ihm gesagt, Herr Präsident, wir beide wollen engere wirtschaftliche Beziehungen, aber wie soll ich unsere Investoren hierherholen, in einen Bürgerkrieg? Er hat immer das Thema gewechselt.

SPIEGEL: Warum?

Schirnow: Er wollte lieber über Nusshandel reden. Die Taliban hatten gesagt, es wird nur Frieden geben, wenn Ghani geht. So kam es auch, hoffentlich bleibt der Frieden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.