Afghanistan Taliban nehmen Bezirk nahe Kabul vollständig ein

Die Nato-Truppen in Afghanistan räumen bereits das Feld, künftig ist das dortige Militär auf sich allein gestellt. Nun hat die Regierung einen Bezirk direkt vor der Hauptstadt Kabul komplett an die Taliban verloren.
Afghanische Sicherheitskräfte an einem Checkpoint vor Kabul (im April)

Afghanische Sicherheitskräfte an einem Checkpoint vor Kabul (im April)

Foto: Rahmat Gul / AP

Jüngst verkündeten die Taliban eine Feuerpause zum Ende des Ramadans. Kurz vorher hat die radikalislamistische Gruppe offenbar noch weitere Landgewinne gemacht – in einem strategisch wichtigen Bezirk unweit der Hauptstadt Kabul.

Das Zentrum von Nerch in der zentralen Provinz Wardak sei am späten Dienstagnachmittag (Ortszeit) an die Islamisten gefallen, sagten zwei Provinzräte am Mittwoch. Der Bezirk ist nur 26 Kilometer von Kabul entfernt, ihn durchqueren wichtige Überlandstraßen.

Laut lokalen Behördenvertretern hielten die Islamisten bereits davor einen großen Teil des Bezirks. Rund eine Woche hätten sie auch das Bezirkszentrum belagert. Die Sicherheitskräfte in Nerch hätten in Kabul um Unterstützung angefragt, aber niemand sei zu Hilfe gekommen, hieß es weiter.

Taliban setzten Verwaltungsgebäude in Brand

Die Taliban setzen den Angaben zufolge nach der Eroberung das Bezirksverwaltungsgebäude in Brand. Widersprüchliche Angaben gab es dazu, was mit den rund 70 Sicherheitskräften dort passierte. Laut Innenministerium zogen sie sich taktisch zurück. Es gab auch Berichte, dass sich Teile von ihnen nach einem Kampf mit mehreren Toten ergaben.

Der Provinzrat Sardar Bachtiari sagte, die militärischen Fortschritte der Taliban in Nerch könnten eine ernsthafte Bedrohung für die Provinz Wardak und für Kabul darstellen. Erst Anfang Mai war der Bezirk Burka im nördlichen Baghlan an die Taliban gefallen, Anfang März der Bezirk Almar im nördlichen Fariab.

Experten befürchten, dass sich die Sicherheitslage nach dem Abzug der zuletzt rund 10.000 verbliebenen Soldaten der USA und anderer Nato-Länder bis spätestens zum 11. September weiter verschlechtern könnte. Zuletzt waren bei Anschlägen in Kabul mindestens 55 Menschen ums Leben gekommen, darunter viele Schülerinnen. Die Friedensgespräche zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul kommen kaum voran. Ausländische Militärs hielten zuletzt auch einen »Sturm auf Kabul« nicht für ausgeschlossen. 

US-Generalstabschef Mark Milley hatte zuletzt jedoch betont, dass ein Angriff auf Kabul nicht zwangsweise eintreten müsse. »Das ist keine ausgemachte Sache. Es gibt signifikante militärische Fähigkeiten der afghanischen Regierung. Wir müssen sehen, was dabei herauskommt«, sagte Milley.

Taliban erhöhen den Druck

Seit Beginn des offiziellen Abzugs der US- und Nato-Truppen aus Afghanistan am 1. Mai haben die Taliban mehrere Offensiven im Land gestartet. Sie greifen die Sicherheitsringe rund um mehrere Provinzhauptstädte an, aber auch mittelgroße Militärbasen. Dutzende Sicherheitskräfte sind seither getötet worden.

Einige Offensiven konnten die Sicherheitskräfte zurückschlagen, andernorts stehen sie schwer unter Druck. Für die am Donnerstag beginnenden Eid-Feiertage haben die Islamisten eine dreitägige Waffenruhe angekündigt.

fek/dpa/AFP
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