Afghanistan Taliban schießen auf Sicherheitskräfte und erobern weitere Provinzen

Die radikalislamischen Taliban vermelden weitere Gebietsgewinne in Afghanistan. Indien bringt bereits Diplomaten in Sicherheit. Das deutsche Innenministerium erwägt derweil ein Ende der Abschiebungen in das Land.
Ein Soldat der Afghanischen Nationalarmee steht an einem Checkpoint in der Provinz Herat: An vielen Orten kämpfen die Sicherheitskräfte der Regierung gegen die radikalislamischen Taliban

Ein Soldat der Afghanischen Nationalarmee steht an einem Checkpoint in der Provinz Herat: An vielen Orten kämpfen die Sicherheitskräfte der Regierung gegen die radikalislamischen Taliban

Foto: JALIL REZAYEE / EPA

Die afghanische Regierung verliert die Kontrolle über immer größere Gebiete des Landes. Die radikalislamischen Taliban sind inzwischen in mehrere Provinzhauptstädte in Afghanistan eingedrungen oder kontrollieren bereits Teile der Städte. Das bestätigten lokale Behördenvertreter der Nachrichtenagentur dpa.

In der Stadt Ghasni im Südosten des Landes kontrollierten die Taliban zwei Polizeibezirke, hieß es. Die Lage sei Behördenvertretern zufolge sehr kritisch. Die Radikalislamisten würden sich in Häusern von Zivilisten verschanzen und auf afghanische Sicherheitskräfte schießen. »Das macht die Situation für die Afghanischen Sicherheitskräfte sehr schwierig«, sagte Hassan Rezayi, ein Behördenvertreter von Ghasni, der Nachrichtenagentur Reuters.

Auch in Faisabad im Nordosten hätten die Taliban einen Polizeibezirk bereits erobert. Aus anderen Stadtteilen seien sie von Sicherheitskräften vertrieben worden.

Soldaten der Afghanischen Nationalarmee in der Provinz Herat

Soldaten der Afghanischen Nationalarmee in der Provinz Herat

Foto: JALIL REZAYEE / EPA

In der westlichen Stadt Kala-e Nau, die die Islamisten in der Vorwoche angegriffen hatten, seien sie in einigen Teilen der Stadt präsent und lieferten sich sporadische Gefechte mit den Sicherheitskräften, sagten Provinzräte. Täglich würden Bewohner aus der Stadt fliehen.

Indien bringt Konsulatsmitarbeiter in Sicherheit

Auch die Provinzhauptstadt Kandahar im Süden des Landes stand in den vergangenen Tagen unter Druck. Dort konnten die Sicherheitskräfte die Angriffe offenbar vorerst abwehren. Rund 50 Mitarbeiter des indischen Konsulats in Kandahar, darunter Diplomaten und Sicherheitspersonal, waren am Wochenende nach Neu-Delhi ausgeflogen worden.

Beobachter befürchten, dass die Taliban nach dem vollständigen Abzug der USA und ihrer Nato-Partner aus Afghanistan wieder die Macht in dem Land übernehmen könnten.

Deutschland prüft Pause für Abschiebeflüge

Die deutsche Bundesregierung prüft nun einen zeitlich begrenzten Stopp von Abschiebungen nach Afghanistan. Die afghanische Regierung hatte europäische Staaten am vergangenen Wochenende aufgefordert, Rückführungen in das Krisenland für drei Monate auszusetzen. »Diese Bitte ist auch bei uns in Deutschland eingegangen«, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Die Bundesregierung werde darüber »zeitnah« entscheiden und auch das Gespräch mit den anderen EU-Staaten sowie mit der Regierung in Kabul suchen.

Das Auswärtige Amt arbeitet aktuell an einem neuen Lagebericht für Afghanistan, der nach Angaben einer Sprecherin voraussichtlich noch in diesem Monat fertiggestellt werden soll.

Wegen der zunehmenden Gewalt der radikalislamischen Taliban und steigender Coronainfektionen sei die Rückführung abgelehnter Asylbewerber derzeit ein Grund zur Sorge, hieß es in einer Erklärung des für Flüchtlinge zuständigen afghanischen Ministeriums. Außerdem sei man besorgt über eine wachsende Zahl von Menschen, die im Ausland Asyl suchten sowie im Land selbst auf der Flucht seien.

Am vergangenen Mittwoch war eine Maschine mit 27 abgeschobenen Männern an Bord in Kabul eingetroffen. Davon sollen einige zuvor in Deutschland Straftaten begangen haben.

fek/lau/dpa/Reuters
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