Tagesüberblick Taliban marschieren in Kabul ein, Präsident flieht

Kabul ist in ihren Händen, der Präsident auf der Flucht: Nach 20 Jahren stehen die Taliban in Afghanistan kurz vor der Machtübernahme. Deutsche werden evakuiert. Die Bevölkerung befürchtet Kämpfe.
Afghanische Sicherheitskräfte stehen an einem Kontrollpunkt in Kabul, bevor die Taliban die Stadt einnehmen

Afghanische Sicherheitskräfte stehen an einem Kontrollpunkt in Kabul, bevor die Taliban die Stadt einnehmen

Foto: Stringer / EPA-EFE

Die radikalislamischen Taliban sind bei ihrer Offensive in Afghanistan fast an ihrem Ziel – und haben inzwischen die Hauptstadt Kabul eingenommen. Sie kämen »von allen Seiten«, sagte ein ranghoher Ministeriumsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Nach eigenen Angaben sind die Taliban inzwischen sogar in den Präsidentenpalast eingedrungen und haben die Kontrolle über das Gebäude übernommen. Die afghanische Regierung bestätigte die Angaben der zwei Taliban-Befehlshaber zunächst nicht.

Zu Beginn des Tages standen die Taliban noch vor der Stadt. Die Kämpfer waren zunächst angewiesen, nicht in die Millionenmetropole einzudringen. Sie sollten vielmehr vor den Toren der Stadt Stellung beziehen, heißt es in einer Erklärung der Islamisten.

DER SPIEGEL

Seit vergangenem Freitag hatte die Taliban in einem rasanten Vormarsch mehr als zwei Drittel der Provinzhauptstädte des Landes eingenommen und sind dabei immer näher an die Hauptstadt herangerückt. Am Sonntagmorgen (Ortszeit) übernahmen sie mit Jalalabad im Osten des Landes die vorletzte noch unter Regierungskontrolle stehende Großstadt.

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Der Eroberungsfeldzug der Taliban

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Sidiqullah Khan / dpa

USA evakuiert Botschaft

Der afghanische Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal sagte noch am Vormittag, es gebe eine Vereinbarung mit den Taliban für einen friedlichen Machtwechsel. Die Sicherheit der Stadt sei garantiert, sagte er in einem Video. Auch Verteidigungsminister Bismillah Khan Mohammadi erklärte in einer Videoansprache, als Vertreter der Streitkräfte garantiere er die Sicherheit Kabuls. Die Menschen sollten nicht in Panik verfallen.

Mehrere Staaten brachten in aller Eile Evakuierungseinsätze auf den Weg. Die USA begannen damit, Diplomaten aus der Botschaft per Hubschrauber zum Flughafen von Kabul zu bringen. Der Prozess sei »in vollem Gange« und solle bis spätestens Dienstagmorgen abgeschlossen sein, berichtete der Sender CNN  unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten US-Regierungsbeamten.

Die US-Botschaft in Kabul wies Landsleute an, sich in Sicherheit zu bringen. »Die Sicherheitslage in Kabul ändert sich schnell, auch auf dem Flughafen. Es gibt Berichte, dass der Flughafen unter Beschuss geraten ist; daher weisen wir US-Bürger an, sich in Sicherheit zu bringen«, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten Warnung. Der sichere Betrieb des Flughafens ist Voraussetzung dafür, dass etliche Staaten, ihr Personal wie geplant schnell ausfliegen können.

Auch Deutschland schloss wegen des Vorrückens der Taliban seine Botschaft in Kabul. Die etwa 20 Botschaftsangehörigen und die Bundespolizisten, die zum Schutz der diplomatischen Vertretung abgestellt sind, wurden aus Sicherheitsgründen ebenfalls zum militärisch gesicherten Flughafen gebracht. Fallschirmjäger der Bundeswehr sollen am Montag in Militärtransportern nach Kabul fliegen. Es geht um den bislang wohl größten Evakuierungseinsatz der Bundeswehr.

Chaotische Szenen und Schießereien in der Stadt

In der Stadt spielten sich im Laufe des Tages chaotische Szenen ab. Es kam zu einer Schießerei vor einer Bank, wie ein Bewohner der Stadt sagte. Viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben und Lebensmittel zu kaufen. Ein Soldat aus Kabul sagte, seine gesamte Einheit habe die Uniformen abgelegt.

Am Abend teilten die Taliban in einer weiteren Erklärung mit, sie hätten Berichte erhalten, dass Polizeistationen und Ministerien verlassen worden seien. Die Sicherheitskräfte seien geflohen. Um Plünderungen zu verhindern, habe die Taliban-Führung ihre Kämpfer angewiesen, jene Gebiete zu betreten, aus denen der Feind geflohen sei.

Außerdem wurde bekannt, dass Präsident Ashraf Ghani das Land verlassen hat. Das bestätigte der Vorsitzende des Nationalen Rats für Versöhnung, Abdullah Abdullah, in einer auf Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Der »Ex-Präsident« habe in dieser Situation das Land verlassen, und Gott möge ihn zur Rechenschaft ziehen, sagte Abdullah weiter. Auch das Volk werde über ihn richten.

Angaben dazu, wohin der Präsident das Land verlassen habe, machte Abdullah nicht. Lokale Medien berichteten, er sei nach Tadschikistan geflogen.

»Man kann die Angst in ihren Gesichtern sehen«

Die Taliban waren seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen im Mai zuletzt immer schneller bis vor die Tore Kabuls vorgestoßen. Auch brachten sie sämtliche großen Grenzübergänge und damit alle wichtigen Landwege in die Nachbarstaaten unter ihre Kontrolle. Tausende Familien machten sich daraufhin auf den Weg nach Kabul in der Hoffnung, sich wenigstens dort in Sicherheit bringen zu können oder über den Flughafen außer Landes zu gelangen.

Am Sonntag bildeten sich auf vielen Straßen Kabuls lange Staus. »Manche Leute haben ihre Schlüssel im Auto gelassen und sich zu Fuß auf den Weg zum Flughafen gemacht«, schilderte ein Bewohner gegenüber Reuters die Lage am Telefon. Die Menschen hätten Angst vor Kämpfen. Krankenhäuser mühten sich um die Versorgung zahlreicher Verletzter. Vor den Pforten der Botschaften standen ganze Familien. In der Innenstadt versuchten sich viele Menschen mit Vorräten einzudecken. Hunderte Menschen übernachteten zusammengekauert in Zelten oder im Freien an Straßenrändern oder auf Parkplätzen, wie ein Anwohner berichtete. »Man kann die Angst in ihren Gesichtern sehen.«

Viele Flüchtlinge befürchten, dass die Taliban mit der Rückkehr an die Macht erneut eine sehr strenge Auslegung des islamischen Rechts durchsetzen könnten. Die Islamisten hatten Afghanistan bereits von 1996 bis zu ihrem Sturz durch die US-geführten Truppen Ende 2001 beherrscht. In einer Erklärung werteten sie ihren raschen Vormarsch in den vergangenen Wochen als Beleg für ihre Akzeptanz in der Bevölkerung. Niemand müsse um sein Leben fürchten, auch Ausländer nicht. Ein Taliban-Vertreter sagte zu Reuters, die Extremisten-Gruppe wolle Opfer vermeiden. Bislang sei noch niemand in Kabul von einem Taliban-Kämpfer getötet oder verletzt worden. Er verwies aber auch darauf, dass keine Waffenruhe erklärt worden sei.

Noch vor wenigen Tagen hatte es in einer Einschätzung der US-Geheimdienste geheißen, dass Kabul noch mindestens drei Monate gehalten werden könne. In Katar erklärte die Taliban-Führung jetzt, dass allen Menschen, die Kabul verlassen wollten, ein sicherer Abzug gewährt werde. Die Taliban-Kämpfer seien angewiesen worden, Gewaltanwendung zu vermeiden. Frauen sollten sich an geschützte Orte begeben. Gegenüber der BBC erklärte ein Sprecher, dass Frauenrechte respektiert würden. Auch werde es Sache der Gerichte sein, über Strafen wie Hinrichtungen, Steinigungen und Amputationen zu entscheiden. Medien solle eine kritische Berichterstattung erlaubt werden.

US-Präsident Joe Biden warnte die Taliban vor Übergriffen auf Amerikaner. Jede Aktion, die US-Bürger und -Soldaten in Gefahr bringe, werde »mit einer schnellen und starken militärischen Reaktion der USA beantwortet«.

kfr/yes/dpa/Reuters
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