Radikale Islamisten in Kabul Taliban dringen in afghanische Hauptstadt vor

Sie haben bereits fast das ganze Land unter ihrer Kontrolle, jetzt sind die Taliban auf Kabul vorgerückt. Die Regierung will die Stadt den Islamisten »friedlich übergeben«.
Talibankämpfer in Herat, Afghanistan

Talibankämpfer in Herat, Afghanistan

Foto: - / dpa

In Afghanistan sind die Taliban nach Angaben des Innenministeriums in die Hauptstadt Kabul eingedrungen. Die Islamisten stießen von allen Seiten vor, teilte das afghanische Ministerium mit. Nach SPIEGEL-Informationen befinden sich die Kämpfer derzeit noch in den Außenbezirken, ein Vordringen bis in die Stadt dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein. Ein Widerstand der afghanischen Truppen sei nicht erkennbar. Vor dem Innenministerium wurde schon am Vormittag eine afghanische Flagge eingeholt, die schlaff am Boden hing. Von wem, ist unklar, das Gebäude wirkte verwaist.

In einer Erklärung, die am frühen Morgen über die offiziellen Kanäle der Taliban verbreitet wurde, hatte die politische Führung die Kämpfer noch aufgefordert, nicht nach Kabul einzumarschieren. Vielmehr liefen Verhandlungen über eine friedliche Übergabe der Stadt an die Taliban-Milizen, damit es keine Toten gebe. Die Taliban-Führung mahnte zudem, die Kämpfer am Boden sollten keine Rache an Mitgliedern der Regierung oder der Armee nehmen. »Wir wollen, dass alle Afghanen eine gute Zukunft in einem islamischen System und mit einer verantwortungsvollen und von allen akzeptierten Regierung haben«, so das Ende der Erklärung, die offenbar von der politischen Führung der Taliban verfasst wurde, die sich in Katar befindet. ​

Die Taliban strömen nach Augenzeugenberichten in kleinen Gruppen aus mehreren Richtungen in die Stadt. Der westliche Vorort Paghman, ein ehemaliger Residenzort der Monarchie, soll fast vollständig in ihre Hände gefallen sein. Die Kämpfer kämen unter anderem über die Stadtteile Darulaman und Dascht Bartschi im Westen, eine vor allem von Hazara bewohnte Gegend, das sind Angehörige der schiitischen Minderheit im Land. In Darulaman rücken sie durch die als »Company road« bekannte Gegend vor, wo schon vor Wochen immer wieder Talibankämpfer gesehen wurden. Nach Berichten von Sicherheitsexperten westlicher Botschaften in Kabul seien die Taliban im Westen der Stadt bereits im Polizeibezirk 5, am östlichen Stadtrand im Polizeibezirk 12 eingedrungen.

DER SPIEGEL

»Safe Houses« für internationale Mitarbeiter

Aus Sicherheitskreisen heiß es, dass sich alle internationalen Mitarbeiter wie Diplomaten und Entwicklungshelfer in sogenannten Safe Houses verbarrikadiert hätten und meist in Bunkern abwarteten, wie sich die Lage entwickelt. Ein Nato-Vertreter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass mehrere EU-Mitarbeiter an einen sicheren Ort in Kabul gebracht worden seien.

Inwieweit in der Stadt gekämpft wird, ist unklar. Schüsse, die in der Nähe einer Bank zu hören waren, wurden von Wachleuten der Bank abgegeben, um herankommende Plünderer auf Abstand zu halten. Am großen Verkehrskreisel vor der Einfahrt zum Flughafen prügelten sich Polizisten mit Menschen, die Einlass begehren. In vielen Teilen der Stadt staut sich der Verkehr, weil Menschen versuchen, nach Hause zu kommen. Mehrere Zeugen berichten gegenüber dem SPIEGEL, auf den verstopften Straßen festzustecken. Die Stimmung sei panisch, nur wisse niemand, was überhaupt genau geschehe.

USA evakuiert seine Diplomaten

Die USA haben bereits in den vergangenen Stunden mit der Evakuierung ihrer Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul begonnen. Über dem riesigen Compound der US-Botschaft im Zentrum sind große, zweirotorige Chinook-Hubschrauber zu sehen, die mehrere Dutzend Passagiere aufnehmen können und offenbar das Personal abholten. Auch gepanzerte Geländewagen von Diplomaten wurden dabei beobachtet, wie sie das Gebiet um die Botschaft verließen. Alle noch in Kabul verbliebenen Botschaften wurden von den USA aufgefordert, sich mit ihrem Personal zum internationalen Flughafen zu begeben. Wer Hilfe brauche, um per Hubschrauber dorthin gebracht zu werden, solle sich bei einer bestimmten Basis in der Stadt bis zum Nachmittag einfinden.

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Auch Deutschland will Mitarbeiter der diplomatischen Vertretung und deutscher Hilfsorganisationen sowie einheimische Helfer möglichst schnell ausfliegen. Die Bundeswehr bereitet dazu einen eiligen Evakuierungseinsatz vor. Der rasante Vormarsch der Taliban stellt gleich mehrere Regierungen vor logistische Herausforderungen: Noch letzte Woche hieß es in einer Einschätzung der US-Geheimdienste, Kabul könne den Angriffen der Taliban mindestens drei Monate lang standhalten.

Russland will seine Botschaft in der afghanischen Hauptstadt hingegen vorerst nicht räumen. Eine Evakuierung sei nicht geplant, sagte der Afghanistan-Beauftragte des russischen Außenministeriums, Samir Kabulow, der Agentur Interfax. »Der Botschafter und unsere Mitarbeiter nehmen ihre Aufgaben in aller Ruhe wahr.«

Der Fall der letzten Hochburg

Die Taliban haben seit vergangenem Freitag mehr als zwei Drittel der Provinzhauptstädte des Landes eingenommen. Sie sind dabei immer näher an die Hauptstadt Kabul herangerückt. Am Sonntagmorgen (Ortszeit) übernahmen sie mit Jalalabad im Osten Afghanistans die vorletzte noch unter Regierungskontrolle stehende Großstadt.

Einen Tag zuvor hatten die Taliban die Großstadt Masar-i-Scharif eingenommen, die nicht weit von der Grenze zu Usbekistan entfernt liegt. Dort war noch bis vor wenigen Wochen ein großes Feldlager der Bundeswehr, Ende Juni erst zogen die deutschen Soldaten ab. Unter den Großstädten war Kabul die letzte Hochburg der afghanischen Regierung.

mgb/rai/cre/Reuters/dpa/AP
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