Zweitgrößte Stadt Afghanistans Taliban nehmen Kandahar ein

Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan geht weiter: Nun kontrollieren die radikalen Islamisten auch die zweitgrößte Stadt des Landes. Die staatliche Armee soll sich zurückgezogen haben.
Taliban-Kämpfer in Afghanistan (in Ghazni, Foto vom Vortag)

Taliban-Kämpfer in Afghanistan (in Ghazni, Foto vom Vortag)

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Gulabuddin Amiri / AP

Mit enormer Geschwindigkeit nehmen die Taliban nach dem Rückzug der westlichen Truppen Stadt um Stadt in Afghanistan ein. Nun ist ihnen nach eigenen Angaben gelungen, die Kontrolle über die Metropole Kandahar zu ergreifen.

»Kandahar ist vollkommen erobert«, erklärte ein Taliban-Sprecher am Freitag im Onlinedienst Twitter. Ein Anwohner sagte der Nachrichtenagentur AFP, die afghanische Armee habe sich offenbar aus der Stadt zurückgezogen. Zwei Parlamentarier und ein Provinzrat bestätigten der Nachrichtenagentur dpa, dass die wichtigsten Regierungseinrichtungen von Kandahar in den Händen der Islamisten seien. Weitere Details sind noch nicht bekannt.

Kandahar hat mehr als 650.000 Einwohner. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz ist das wirtschaftliche Zentrum des Südens und war der Geburtsort der Taliban-Bewegung in den Neunzigerjahren.

Mit Kandahar haben die Taliban nun innerhalb einer Woche 13 Hauptstädte der 34 Provinzen des Landes überrannt. Am Donnerstag allein konnten sie drei Städte einnehmen – darunter die drittgrößte Stadt Herat und die strategisch wichtige Stadt Gasni, die nur 150 Kilometer von Kabul entfernt liegt.

Laut AFP fiel am Freitag auch die seit Tagen umkämpfte Hauptstadt der Provinz Helmand, Laschkar Gah, im Süden des Landes an die Taliban. Ein Sprecher der afghanischen Sicherheitsbehörden bestätigte AFP zufolge entsprechende Angaben der Taliban. Die Armee und Regierungsvertreter hätten die Stadt verlassen. Die Provinz Helmand ist wegen der zahlreichen Mohnfelder zur Heroin-Produktion für die Taliban finanziell besonders interessant.

USA verlegen Tausende Soldaten nach Afghanistan

Das Vorgehen der Islamisten wird im Ausland mit Sorge beobachtet. Schon bald könnte auch die Hauptstadt Kabul unter ihre Kontrolle geraten. Deshalb hat das US-Verteidigungsministerium die sofortige Entsendung von rund 3000 Soldaten nach Kabul angekündigt. Sie sollen bei der Evakuierung von US-Botschaftsmitarbeitern helfen, wie Pentagon-Sprecher John Kirby am Donnerstag in Washington sagte. Zuvor war die drittgrößte Stadt Herat in die Hände der Islamisten gefallen.

In einem ersten Schritt sollten innerhalb von 24 bis 48 Stunden drei Infanterie-Einheiten zum Internationalen Flughafen von Kabul verlegt werden, sagte der Pentagon-Sprecher. Die rund 3000 zu entsendenden Soldaten sollen sich seinen Angaben zufolge mit den rund 650 US-Soldaten vereinen, die derzeit noch in Afghanistan stationiert sind. Zudem würden rund 3500 US-Soldaten nach Kuwait entsandt. Sie sollen Kirby zufolge als Reserve bereitstehen, falls sich die Situation in Kabul weiter verschlechtere.

Der Pentagon-Sprecher versicherte zugleich, dass die USA den internationalen Flughafen nicht für Luftangriffe gegen die Taliban nutzen wollten. Die US-Botschaft soll nach Angaben des Außenministeriums in Washington geöffnet bleiben, es gehe nicht um eine vollständige Evakuierung.

Auch aus Großbritannien kommen Einheiten

Auch Großbritannien kündigte die Entsendung von Truppen nach Kabul an. Die rund 600 Soldaten sollten »die diplomatische Präsenz in Kabul unterstützen, britischen Staatsbürgern beim Verlassen des Landes helfen und die Ausreise von früheren afghanischen Ortskräften unterstützen, die ihr Leben beim Einsatz an unserer Seite riskiert haben«, erklärte am Donnerstagabend Verteidigungsminister Ben Wallace.

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Die radikalislamischen Taliban haben seit dem Beginn des Abzugs der USA und der Nato-Verbündeten Anfang Mai zahlreiche Regionen und Städte Afghanistans unter ihre Kontrolle gebracht. Inzwischen nehmen die Taliban bereits die Hauptstadt Kabul ins Visier. Die Regierungstruppen haben mittlerweile die Kontrolle über den größten Teil des Nordens und Westens von Afghanistan verloren. Die Regierung kontrolliert neben der Hauptstadt lediglich noch eine Handvoll Gebiete und belagerte Städte.

jok/aar/fek/AFP/dpa
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