Bildungschancen von Mädchen »Afghanistan war der Trauma-Porno für die ganze Welt«

Im März sollten Mädchen in Afghanistan endlich wieder zur Schule gehen. Dann machten die Taliban eine Kehrtwende. Die Aktivistin Pashtana Durrani kritisiert die internationale Gemeinschaft und sagt, was jetzt zu tun ist.
Ein Interview von Nicola Abé
Die Schülerinnen Marwa Ayoubi und Madina Mohammadi lernen gemeinsam zu Hause in Kandahar

Die Schülerinnen Marwa Ayoubi und Madina Mohammadi lernen gemeinsam zu Hause in Kandahar

Foto: Javed Tanveer / AFP
Globale Gesellschaft

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Voller Vorfreude hatten sich Afghanistans Schülerinnen am 23. März auf den Weg zum Unterricht gemacht – nur um gleich darauf wieder enttäuscht zu werden: Alle Mädchen von weiterführenden Schulen wurden nach ein paar Stunden nach Hause geschickt. »Ich wollte Ärztin werden«, schluchzt ein Mädchen in einem Video, das die BBC veröffentlichte, »aber heute haben sie alle Türen für uns zugemacht. Wir haben keine Hoffnung mehr.«

Seit die Taliban im August vergangenen Jahres in Afghanistan erneut an die Macht gelangten, haben sie die Rechte von Mädchen und Frauen massiv eingeschränkt. Zunächst wurden allgemeine Schulschließungen mit der Coronapandemie begründet. Doch während Jungen nach wenigen Monaten wieder zum Unterricht durften, blieben Mädchen ab 13 Jahren ausgeschlossen.

Mädchen lernen in einer Schule in Kabul am 23. März. Nur wenige Stunden später wird der Unterricht wieder suspendiert.

Mädchen lernen in einer Schule in Kabul am 23. März. Nur wenige Stunden später wird der Unterricht wieder suspendiert.

Foto: Ahmad Sahel Arman / AFP

Für den 23. März hatten die Taliban die Wiedereröffnung der Schulen auch für jugendliche Mädchen angekündigt. Auf die plötzliche Kehrtwende des Regimes reagierten nun internationale Organisationen und die Außenministerinnen zahlreicher Länder mit Kritik.

Die afghanische Aktivistin Pashtana Durrani hält das für unzureichend. Sie unterstützt Mädchen in ländlichen Regionen seit Jahren mit digitalen Lernangeboten. Seit der Machtübernahme der Taliban organisiert sie heimliche Schulen.

SPIEGEL: In der vergangenen Woche sollten Mädchen in Afghanistan endlich wieder zur Schule gehen dürfen. Doch dann schickten die Taliban sie plötzlich doch wieder nach Hause. Hat Sie das überrascht?

Durrani: Die Taliban überraschen mich kein bisschen. Aber es ist natürlich unerträglich, dass die Schulbildung von Mädchen, die vor sechs Monaten noch legal war, jetzt plötzlich illegal sein soll. Ich bin wütend, enttäuscht und ich fühle mich hilflos. Aber überrascht bin ich nicht.

Zur Person
Foto: privat

Pashtana Durrani, geboren 1987, ist eine afghanische Aktivistin, die sich für die Rechte von Mädchen und Frauen einsetzt. Sie verließ Afghanistan im Oktober 2021 und ist derzeit Gaststudentin am Wellesley College in Massachusetts, USA, einer privaten Hochschule für Frauen. Sie studiert weiterhin im Fernstudium an der Amerikanischen Universität in Kabul Politikwissenschaften und forscht zur Schulbildung von Mädchen in Konfliktsituationen. Zudem ist sie Direktorin der von ihr gegründeten Organisation LEARNAfg, die Mädchen in Afghanistan mithilfe von Online-Bildungsangeboten unterstützt.

SPIEGEL: Die Bilder der weinenden Mädchen gingen um die Welt.

Durrani: Es ist unwürdig, dass diese Mädchen weinen müssen, damit die Welt hinsieht.

SPIEGEL: Der Bildungsminister der Taliban rechtfertigte den Ausschluss der Mädchen mit der Religion. Angeblich stehe in der Scharia, Mädchen sollten nur bis zur sechsten Klasse unterrichtet werden; danach würde die Schulbildung schlechtes Benehmen fördern.

Durrani: Das Ganze hat mit Religion nichts zu tun, das bestätigen auch viele Islamgelehrte. Die Taliban kreieren hier einfach ihre eigenen religiösen beziehungsweise kulturellen Ideen, an die sie aber selbst gar nicht glauben – warum sonst können ihre Töchter in Katar oder Pakistan studieren, nicht aber die afghanischen Mädchen?

SPIEGEL: Was bedeutet diese Entscheidung für Afghanistan?

Durrani: Wenn die Mädchen nicht zur Schule gehen können und nicht studieren können, dann wird auch die Zahl der qualifizierten Arbeitskräfte in den kommenden Jahren stark sinken. Wir werden weniger Ärztinnen haben, weniger Lehrerinnen, Ingenieurinnen und Technikerinnen. Dabei brauchen wir sie dringend. Die Taliban setzten das ganze Land einem hohen Risiko aus, produzieren wirtschaftliche und humanitäre Krisen. Bildung ist nicht nur ein Recht, sie ist auch eine schlichte Notwendigkeit, um zu überleben.

Mädchen am 23. März auf dem Schulweg in Kabul: Schülerinnen ab 13. Jahren wurden wieder nach Hause geschickt

Mädchen am 23. März auf dem Schulweg in Kabul: Schülerinnen ab 13. Jahren wurden wieder nach Hause geschickt

Foto: Ahmad Sahel Arman / AFP

SPIEGEL: Die Entscheidung der Taliban wurde international kritisiert, das Recht von Frauen auf Bildung betont.

Durrani: Dass Bildung ein Recht ist, das ist längst akzeptiert. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Wir müssen über die Realität reden: Was brauchen diese ausgeschlossenen Mädchen jetzt, um Zugang zu Bildung zu erhalten? Wir können die Bildung von Mädchen nicht einfach suspendieren, nur weil jetzt diese Leute an der Regierung sind. Wir müssen ihnen einen Raum geben, in dem sie lernen können, Geld verdienen und verstehen, was ihre Rechte sind. Dann fangen sie von selbst an, für sie zu kämpfen.

SPIEGEL: Sie haben bereits 2019 damit begonnen, Mädchen in ländlichen Regionen mit digitalen Lehrprogrammen zu versorgen. Könnte das ein Modell sein?

Durrani: Meine Organisation LEARNAfg hatte 18 Schulen, mehr als 7000 Mädchen haben davon profitiert. Wir haben sie in Biologie, Chemie, Physik und Mathematik unterrichtet, in Gegenden, in denen es keine Lehrer gab. Die Tablets haben wir ihnen zur Verfügung gestellt, die Programme waren offline.

SPIEGEL: Was änderte sich mit der Machtübernahme der Taliban?

Durrani: Unsere Arbeit hat sich verändert: Wir haben kleine, digitale Schulen in Gemeinden aufgebaut. Die Mädchen bekommen Laptops von uns und Internet via ISB. Wir unterrichten sie digital, sie lernen vor allem von zu Hause aus, aber es finden auch persönliche Treffen mit den Lehrerinnen statt.

SPIEGEL: Ist das nicht riskant?

Durrani: Das ist illegal, und es passiert im Geheimen und versteckt. Die Mädchen erzählen nicht, dass sie zur Schule gehen.

Pashtana Durrani bei der Eröffnung einer digitalen Schule ihrer Organisation LEARNAfg

Pashtana Durrani bei der Eröffnung einer digitalen Schule ihrer Organisation LEARNAfg

Foto: privat

SPIEGEL: Wie viele Mädchen erreichen sie damit?

Durrani: Im Moment sind es 700. Sie sind zwischen 13 und 18 Jahren alt, denn diese Altersgruppen sind von den Schulen ausgeschlossen. Wir haben im Oktober in Kandahar angefangen, nun sind wir auch in Kabul, Masar-i-Scharif und Bamiyan aktiv.

SPIEGEL: Was bringen Sie den Mädchen bei?

Durrani: Wir unterrichten zum einen die Inhalte des offiziellen Lehrplans, aber eben nicht nur: Die Mädchen lernen bei uns auch Dinge wie Webdesign oder Grafikdesign, die es ihnen ermöglichen, als Freiberuflerinnen selbstständig im Internet Geld zu verdienen.

SPIEGEL: Warum ist das so wichtig?

Durrani: Afghanistan befindet sich bekanntermaßen in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Viele Familien haben Probleme, sich überhaupt nur zu ernähren. Eltern sind gezwungen ihre Töchter zu verheiraten, damit weniger Kinder am Tisch mitessen. Wenn die Mädchen aber ganz konkret im Hier und Jetzt Geld nach Hause bringen und damit ihre Familien unterstützen können – dann werden sie als Entscheidungsträgerinnen innerhalb der Familien anerkannt.

Afghanische Grundschülerinnen stehen vor ihrer Schule in Kandahar an. Ältere Mädchen bleiben vom Unterricht ausgeschlossen.

Afghanische Grundschülerinnen stehen vor ihrer Schule in Kandahar an. Ältere Mädchen bleiben vom Unterricht ausgeschlossen.

Foto: STRINGER / EPA

SPIEGEL: Und das funktioniert?

Durrani: Unsere Mädchen bieten ihre Dienste über Onlineplattformen wie LinkedIn an und werden von Kunden weltweit für Aufträge gebucht. Natürlich machen wir auch Marketing für sie, etwa in den sozialen Medien. Ja, es funktioniert.

SPIEGEL: Und die Mädchen bringen sich dadurch nicht in Gefahr?

Durrani: Natürlich gibt es Fußsoldaten der Taliban, die nicht wollen, dass die Mädchen lernen. Es ist eine heimliche Schule, das kann man nicht leugnen. Aber die Führung der Taliban interessiert es im Grunde wenig, was die Mädchen tun. Sie benutzen sie schlicht als Köder, als politische Geiseln für ihre Zwecke. Es ist der einzige Hebel, den sie gerade haben, um international Druck auszuüben. Sie wollen Legitimation. Solange die Welt sie nicht anerkennt, lassen sie die Mädchen nicht in die Schule. Die Sache mit der angekündigten Öffnung, die dann nicht stattfand, zeigt das doch deutlich: Wie sie die Mädchen geärgert und provoziert haben! Es war eine einzige große Drama-Inszenierung, ein großes Machtspiel.

SPIEGEL: Dann würden Sie also für den Fall einer Anerkennung des Regimes mit einer Schulöffnung für Mädchen rechnen?

Durrani: Nein, nicht unbedingt. Wenn die Taliban anerkannt werden, dann könnten sie das auch benutzen, um Mädchen und Frauen noch mehr zu kontrollieren. Man kann ihnen schlicht nicht trauen.

Ein Mädchen in Kabul liest zu Hause in ihrem Schulbuch

Ein Mädchen in Kabul liest zu Hause in ihrem Schulbuch

Foto: STAFF / REUTERS

SPIEGEL: Gibt es große Organisationen, die ihre Arbeit unterstützen?

Durrani: Ich weine mir seit sechs Monaten die Augen aus. Ich habe im Fernsehen gesprochen und immer wieder gesagt: Der Schulbann ist Realität, damit müssen wir jetzt leben und Alternativen entwickeln. Aber darüber will niemand reden. Ich habe große Organisationen kontaktiert. Sie starten gern Appelle und reden viel über Solidarität, aber wenig über konkrete Lösungen. Sie machen Selfies mit mir. Aber die Initiative, die ich gestartet habe, unterstützen sie nicht. Hauptsächlich finanzieren wir uns über GoFundMe, Privatpersonen spenden uns Geld. Wir hätten unsere Schulen längst in allen Provinzen aufbauen können, wenn wir besser finanziert wären und mehr Tablets hätten.

SPIEGEL: Was erwarten Sie jetzt von der internationalen Gemeinschaft?

Durrani: Afghanistan war zwei Jahrzehnte lang der Trauma-Porno für die ganze Welt. Sie haben unsere hungernden Kinder gesehen, unsere durch Bombenattentate verwundeten Kinder und unsere Frauen in Burkas. Die internationale Gemeinschaft tut immer noch so, als ob sie in Afghanistan irgendetwas kontrollieren würde. Aber das ist nicht so. Ihre Gelder fließen weiter an die Weltbank oder das Welternährungsprogramm, Organisationen, die einen Großteil ihres Budgets verbrauchen, um operativ zu sein. Sie sollten endlich auf das hören, was die Afghaninnen und Afghanen zu sagen haben, was sie für Lösungen vorschlagen. Und ihnen dann die Ressourcen geben, die sie benötigen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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