Zehntausenden Kindern droht Hungertod Uno bittet um Rekordspenden für Afghanistan

Es ist der größte Spendenaufruf der Vereinten Nationen für ein Land: Die Uno will 4,5 Milliarden Euro sammeln, um Millionen Afghaninnen und Afghanen zu helfen. Die Lage im Land ist dramatisch.
Ein Mann verteilt Brot in Kabul: »Riesige humanitäre Katastrophe«

Ein Mann verteilt Brot in Kabul: »Riesige humanitäre Katastrophe«

Foto: Petros Giannakouris / AP

Die Uno-Hilfe für Afghanistan und Nachbarländer mit afghanischen Flüchtlingen kostet in diesem Jahr mindestens 4,5 Milliarden Euro. Das sei der größte humanitäre Spendenaufruf, den die Vereinten Nationen je für ein Land verfasst hätten, teilte das Uno-Nothilfebüro (Ocha) am Dienstag in Genf mit. So viel Geld brauchen die Vereinten Nationen, um mehr als 27 Millionen Menschen zu helfen. »Ohne Unterstützung drohen Zehntausende Kinder durch Mangelernährung zu sterben, weil die grundlegendsten Gesundheitsdienste zusammengebrochen sind«, so Ocha.

Knapp fünf Millionen Menschen leiden an Unterernährung

Nach Uno-Angaben dürften in diesem Jahr 4,7 Millionen Menschen in Afghanistan an schwerer Unterernährung leiden, davon 3,9 Millionen Kinder. 131.000 Kindern drohe ohne zusätzliche Hilfe der Hungertod. »Es zeichnet sich eine riesige humanitäre Katastrophe ab«, sagte Uno-Nothilfekoordinator Martin Griffiths. Solche Spendenaufrufe richten sich in erster Linie an Regierungen und Stiftungen.

Die Wirtschaft Afghanistans ist nach dem chaotischen Abzug der USA und ihrer Verbündeten und der Machtübernahme durch die militant-islamistischen Taliban im August 2021 eingebrochen. Ausländische Geldgeber stellten Hilfen in Milliardenhöhe ein. Die alte Regierung hatte davor jährlich rund 8,5 Milliarden US-Dollar (rund 7,5 Milliarden Euro) an militärischer und ziviler Hilfe erhalten. Mit diesen Geldern wurden rund 75 Prozent der Staatsausgaben finanziert, darunter etwa das Gesundheits- und Bildungssystem.

Die USA kündigten am Dienstag zusätzliche 308 Millionen Dollar (272 Millionen Euro) humanitäre Hilfe für Afghanistan an. »Damit erhöht sich die gesamte humanitäre Hilfe der USA in Afghanistan und für afghanische Flüchtlinge in der Region seit Oktober 2021 auf fast 782 Millionen Dollar, und wir bleiben der größte Einzelgeber humanitärer Hilfe in Afghanistan«, teilte eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats mit. Sie machte deutlich, dass die Mittel nicht über die Taliban-Regierung, sondern über unabhängige Hilfsorganisationen fließen würden.

Geld soll auch geflohenen Afghanen in den Nachbarländern helfen

Viele Geberländer befinden sich in einem Dilemma. Sie wollen den Taliban nicht helfen, ihr Regime zu stabilisieren, schließlich unterdrücken sie Frauen, missachten Menschenrechte und schließen andere politische Kräfte aus. Die Einstellung der Hilfen und Sanktionen treffen Beobachtern zufolge aber vor allem die Bevölkerung.

»Mütter und Väter verkaufen alles, sogar ihre Organe, damit die Kinder überleben«, schrieb die Direktorin von »World Vision Afghanistan«, Asuntha Charles, nach dem Besuch mehrerer Provinzen. Kleine Kinder müssten sich Krankenhausbetten teilen und stürben an Unterernährung.

Geflüchtete Kinder in einem Camp in Herat: Die Zahl der Bettelnden steigt

Geflüchtete Kinder in einem Camp in Herat: Die Zahl der Bettelnden steigt

Foto: HECTOR RETAMAL / AFP

Eloi Fillion vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) teilte mit, die Zahl der bettelnden Menschen auf den Straßen steige wie nie zuvor. Die Menschen verkauften ihr Hab und Gut und verbrannten Möbel, um sich warmzuhalten. Gesundheitsmitarbeiter seien aus ihren Wohnungen geworfen worden, weil sie ihre Miete nicht bezahlen konnten.

Für humanitäre Hilfe im Land selbst benötigen die Vereinten Nationen gut 4,4 Milliarden Dollar (rund 3,9 Milliarden Euro). Damit sollen 22 Millionen Menschen unterstützt werden. Es geht um Nahrungsmittelhilfe, Unterstützung von Bauern, Gesundheitsdienste, Notunterkünfte, Versorgung mit sauberem Wasser und Schulen. Zudem sollen 5,7 Millionen Afghaninnen und Afghanen sowie ihre Gastgeber in fünf Nachbarländern unterstützt werden. Dazu gehören Iran und Pakistan. Dafür sind 623 Millionen Dollar nötig (550 Millionen Euro).

Der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) warnte am Dienstag allerdings vor Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Uno-Hilfen. Geld bereitzustellen helfe wenig, wenn »die Außenwelt und die Taliban-Regierung nicht schnell daran arbeiten, sicherzustellen, dass Bargeld im Land verfügbar ist«, sagte NRC-Chef Jan Egeland. Mit der Taliban-Machtübernahme wurden internationale Überweisungen in das Land über das Swift-System ausgesetzt.

slü/dpa
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