Bericht der »New York Times« US-Angriff auf den IS-K traf wohl eine Familie

Nach dem Anschlag am Flughafen Kabul haben die USA Angriffe gegen die Terrormiliz IS-K gestartet. Dabei sollen einem Bericht zufolge zehn Mitglieder einer Familie umgekommen sein. Die USA wollen die Vorwürfe prüfen.
Verwandte und Nachbarn der Opfer kommen am Tag nach dem US-Luftangriff zum Ort des Drohneneinschlags

Verwandte und Nachbarn der Opfer kommen am Tag nach dem US-Luftangriff zum Ort des Drohneneinschlags

Foto: WAKIL KOHSAR / AFP

Am Sonntag hat das US-Militär nach eigenen Angaben aus der Luft ein Auto in Kabul angegriffen. So sollte angeblich eine »unmittelbare Bedrohung« für den Flughafen Kabul durch Terroristen abgewendet werden. Doch einem Bericht der »New Yorks Times« zufolge  haben die amerikanischen Truppen zehn Unschuldige in die Luft gesprengt – alle Mitglieder derselben Familie.

Eine Drohne habe auf ein Fahrzeug des örtlichen Ablegers der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) gefeuert, erklärte das US-Militär am Sonntag. Die Taliban berichteten ebenfalls von dem Angriff, meldete die Nachrichtenagentur AP.

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Weil es nach dem Raketeneinschlag zu »bedeutenden sekundären Explosionen« kam, sei davon auszugehen, dass in dem Fahrzeug eine große Menge Sprengstoff gewesen sein müsse, hieß es weiter von US-Seite. Es werde geprüft, ob es bei dem Angriff zivile Opfer gab. Es gebe aber keine Hinweise darauf, hieß es kurz nach dem Angriff.

Mittlerweile gibt es mehrere Berichte, die auf zivile Opfer hindeuten. Demnach sei das Auto in der Nähe eines Einfamilienhauses gesprengt worden. Überlebende und Nachbarn sagten der »New York Times«, unter den zehn Opfern des Angriffs seien sieben Kinder, ein Hilfsarbeiter einer amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation und ein Auftragnehmer des US-Militärs gewesen.

Kinder seien in den Wagen geklettert

Zemari Ahmadi, der für die Wohltätigkeitsorganisation »Nutrition and Education International« gearbeitet habe, war nach Angaben von Verwandten und Kollegen auf dem Heimweg von der Arbeit.

Als er in die schmale Straße eingebogen sei, in der er mit seinen drei Brüdern und ihren Familien gelebt habe, seien die Kinder nach draußen gerannt, um ihn zu begrüßen. Demnach kletterten einige zu ihm ins Auto, andere versammelten sich, als er den Wagen in den Hof ihres Hauses fuhr.

Dann habe die Drohne eingeschlagen. Zum Zeitpunkt des Angriffs soll sich das Auto in einem Innenhof befunden haben. Die Türen seien aufgesprengt worden, die Fenster zersplittert. Zemari Ahmadi und einige der Kinder seien in dem Auto verstorben, andere sollen in angrenzenden Räumen tödlich verwundet worden sein, sagten Familienmitglieder.

Ein afghanischer Beamter habe der »New York Times« bestätigt, dass drei der toten Kinder am Sonntag mit einem Krankenwagen aus dem Heim überführt wurden. Journalisten vor Ort waren nicht in der Lage, die Aussagen der Familie unabhängig zu überprüfen.

»Zuerst dachte ich, es wären die Taliban«, sagte die Tochter eines Todesopfers

»Zuerst dachte ich, es wären die Taliban«, sagte die Tochter eines Todesopfers

Foto: WAKIL KOHSAR / AFP

Die 21-jährige Tochter von Zemari Ahmadi habe sich im Haus aufgehalten, als sie von der Druckwelle erfasst worden sei. »Zuerst dachte ich, es wären die Taliban«, sagte sie der US-Zeitung. »Aber die Amerikaner haben es selbst getan.« Samia sagte demnach, sie sei nach draußen getaumelt und habe die Leichen ihrer Geschwister und Verwandten gesehen. »Überall lagen verbrannte Fleischstücke«, habe sie gesagt.

Pentagon will die Vorwürfe untersuchen

Das Pentagon räumte gegenüber der »New York Times« die Möglichkeit ein, dass afghanische Zivilisten bei dem Drohnenangriff getötet wurden, deutete jedoch an, dass alle zivilen Todesfälle auf die Detonation von Sprengstoff in dem Fahrzeug zurückzuführen seien. »Wir sind nicht in der Lage, das zu bestreiten«, sagte John F. Kirby, der Sprecher des Pentagons, am Montag über Berichte über zivile Opfer. Er wiederholte frühere Aussagen des Pentagons, wonach das Militär den Angriff auf ein Fahrzeug zwei Meilen vom internationalen Flughafen Hamid Karzai entfernt untersuchte.

John F. Kirby, Sprecher des Pentagons

John F. Kirby, Sprecher des Pentagons

Foto: Manuel Balce Ceneta / AP

»Kein Militär auf der Erde arbeitet härter daran, zivile Opfer zu vermeiden, als das US-Militär«, sagte Kirby. »Wir nehmen es sehr, sehr ernst. Und wenn wir wissen, dass wir bei der Durchführung unserer Operationen unschuldiges Leben verloren haben, sind wir diesbezüglich transparent.«

Ein Sprecher des US-Zentralkommandos bestätigte der Zeitung am Montag eine frühere Aussage, dass das Militär ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug getroffen habe.

Verwandte bestreiten Kontakte zu terroristischen Gruppierungen

Laut den Recherchen der »New York Times« arbeitete Zemari Ahmadi als technischer Ingenieur für das lokale Büro von »Nutrition and Education International«, einer amerikanischen gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Pasadena, Kalifornien. Seine Nachbarn und Verwandten hätten darauf bestanden, dass der Ingenieur und seine Familienmitglieder, von denen viele für die afghanischen Sicherheitskräfte gearbeitet hätten, keine Verbindung zu einer terroristischen Gruppierung gehalten hätten.

Sie stellten den Reportern Dokumente zur Verfügung, die seine langjährige Anstellung bei der amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation sowie seinen Antrag auf ein Einwanderungsvisum aufgrund seines Dienstes als Wachmann in Camp Lawton in Herat belegten.

muk
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