Militärbasis in Afghanistan US-Armee verteidigt heimlichen Abzug aus Bagram

Afghanische Kommandeure erheben schwere Vorwürfe: Das US-Militär habe ohne Übergabe Bagram verlassen. Der Abzug geschah nachts, erst Stunden später bemerkten es die Afghanen. Das Pentagon rechtfertigt sich.
Ein afghanischer Soldat durchsucht von den US-Truppen zurückgelassene Kartons in Bagram

Ein afghanischer Soldat durchsucht von den US-Truppen zurückgelassene Kartons in Bagram

Foto: HEDAYATULLAH AMID / EPA

Der Abzug der US-Truppen in Afghanistan schreitet rasant voran – und sorgt zwischen dem US-Militär und den afghanischen Streitkräften für Verstimmung. Nun hat das Pentagon Vorwürfe zurückgewiesen, den Militärstützpunkt Bagram ohne Ankündigung in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen zu haben.

Zivile und militärische Führungskräfte in Afghanistan seien angemessen über die Übergabe des Stützpunkts informiert worden, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby am Dienstag. Aus Sicherheitsgründen habe man jedoch zum Beispiel nicht über die exakte Uhrzeit des Abzugs informiert. Man sei vorsichtig gewesen bei den Details, aber es habe Koordination gegeben.

Afghanische Kommandeure hatten zuvor beklagt, das US-Militär sei vergangene Woche ohne Ankündigung und offizielle Übergabe aus Bagram abgezogen. Hochrangige Offiziere berichteten dem britischen Sender BBC  und dem »Guardian«  übereinstimmend, das US-Militär habe seine Soldaten morgens um 3 Uhr ausgeflogen. Erst gut vier Stunden später hätten die Afghanen bemerkt, dass Bagram verwaist ist. »Wir wussten nicht, wann sie abziehen«, sagte General Asadullah Kohistani, neuer afghanischer Leiter des Stützpunkts, »sie haben uns nicht informiert.«

Die Luftwaffenbasis Bagram war der größte Stützpunkt der US- und anderer Nato-Soldaten. Auch zum Zeitpunkt des US-Abzugs waren dort noch immer rund 5000 Taliban inhaftiert.

Insgesamt ist der US-Abzug laut Pentagon mittlerweile zu mehr als 90 Prozent abgeschlossen. Die Menge des bislang ausgeflogenen Materials entspreche mehr als 980 Ladungen von C-17-Transportflugzeugen. Seit der Abzugsentscheidung von US-Präsident Joe Biden im April hätten die US-Streitkräfte außerdem sieben Einrichtungen an das afghanische Verteidigungsministerium übergeben. Ende vergangenen Monats hatte es geheißen, die US-Regierung wolle den Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan bis Ende August abschließen.

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»Ich kann das moralische Versagen nicht in Worte fassen«

Deutschland hat seine letzten Soldaten bereits Ende Juni aus dem Land abgezogen. Vor Ort wird die Bundeswher jedoch für ihren Umgang mit lokalen Helfern scharf kritisiert. »Es ist furchtbar, was hier passiert«, der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, Marcus Grotian, am Dienstag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Ich kann das moralische Versagen, das ich hier wahrnehme, nicht in Worte fassen.«

Afghanen, die während des jahrelangen deutschen Einsatzes in ihrem Land, etwa als Übersetzer oder Fahrer für die Bundeswehr gearbeitet hatten, werden dort von den vorrückenden radikalislamischen Taliban bedroht. Die Vergabe von Einreisevisa nach Deutschland lief zuletzt allerdings nur schleppend.

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»Ganz viele Rädchen drehen sich. Doch sie greifen nicht ineinander«, beklagte Grotian, der als Oberleutnant der Bundeswehr selbst in Afghanistan stationiert war. In der Folge stünden Hunderte afghanische Ortskräfte noch ohne gültige Ausreisepapiere da.

Neuer Abschiebeflug in Kabul gelandet

Zugleich schiebt Deutschland wieder nach Afghanistan ab. Am frühen Mittwochmorgen landete ein Abschiebeflug aus Deutschland am Flughafen Kabul, sagten Behördenvertreter der Deutschen Presse-Agentur. An Bord der Maschine seien 27 abgeschobene Männer gewesen, hieß es weiter. Es war die 40. Sammelabschiebung seit dem ersten derartigen Flug im Dezember 2016. Damit haben Bund und Länder bisher 1104 Männer nach Afghanistan zurückgebracht.

Abschiebungen in das Krisenland sind umstritten. Trotz der Aufnahme von Friedensgesprächen im September geht der Konflikt mit den militant-islamistischen Taliban weiter. Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan Anfang Mai hat sich die Sicherheitslage zugespitzt. Die Islamisten haben seither ein Viertel der Bezirke im Land neu erobert. Dabei haben sie Hunderte Regierungskräfte getötet, verwundet, gefangen genommen oder zur Aufgabe überredet.

mrc/dpa/AFP
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