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Washington brüskiert Kabul Verloren seid ihr so oder so

Die Taliban sind in Afghanistan weiter auf dem Vormarsch. US-Außenminister Blinken hat der Regierung in Kabul derweil einen Brief geschrieben. Die Kernbotschaft – fatal.
Eine Analyse von Susanne Koelbl
aus DER SPIEGEL 11/2021
Vor dem vollständigen Rückzug aus Afghanistan? US-Soldaten

Vor dem vollständigen Rückzug aus Afghanistan? US-Soldaten

Foto: MANPREET ROMANA/ AFP

Der Brief des neuen US-Außenministers Antony Blinken an den Präsidenten Afghanistans, Ashraf Ghani, liest sich wie eine Anweisung: Ghani solle schnell Frieden machen mit den Taliban – sonst zögen sich die USA zum 1. Mai aus dem Land zurück, so wie Washington es mit den Taliban bereits vereinbart hat. Ghani und seine Regierung wären sich selbst überlassen.

Im Palast von Kabul ist man empört über den befehlsartigen Ton des geleakten Schreibens. Ghani erlebt die größte Demütigung seiner Amtszeit.

Aus: DER SPIEGEL 11/2021

Es wird finster

Zwei Monate nach seiner Wahl zum CDU-Chef sieht sich Armin Laschet mit der schwersten Unionskrise seit Jahren konfrontiert. Abgeordnete haben sich an Maskendeals bereichert und fallen durch dubiose Verbindungen nach Aserbaidschan auf. Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl scheint das Kanzleramt für die Union nicht mehr sicher.

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Wird Afghanistan bald wieder ein islamisches Emirat?

Der Staatschef kontert zwar, mit ihm werde es keine Machtübergabe durch »Pläne anderer« geben, gemeint sind die Taliban. Die Radikalislamisten wollen eine Interimsregierung installieren. Das wäre Ghanis politisches Ende, wohl aber auch das Ende der Demokratischen Republik Afghanistan.

Doch wie weit kann sich Kabul gegen seine Schutzmacht USA stellen? Das Land hängt militärisch und wirtschaftlich am Tropf Washingtons.

Der neue US-Präsident Joe Biden will das Thema Afghanistan 20 Jahre nach der amerikanisch geführten Invasion abschließen. Bisher gibt es zwischen Regierung und Taliban jedoch keinerlei Annäherung. Unklar ist etwa, ob Afghanistan künftig ein islamisches Emirat sein wird oder eine Demokratie bleibt. Auch unklar ist, ob bald nur noch eine einzige, radikale Interpretation des Islam dominiert und ob Minderheiten noch Schutz genießen, die schiitischen Hazara zum Beispiel, von denen heute viele zur Bildungselite gehören.

Ein erzwungener Friede

In der Provinz Samangan haben 100.000 Frauen aus 15 Republiken auf einer weißen Stoffrolle unterschrieben, warum sie die Rückkehr der Taliban ablehnen. Ihre Bedenken bleiben ungehört.

Vizepräsident Amrullah Saleh sträubt sich derweil offen gegen den Druck aus Washington: »Die USA tragen Verantwortung für 2500 Soldaten im Land, wir tragen Verantwortung für 35 Millionen Bürger. Einen erzwungenen, auferlegten Frieden werden wir nie akzeptieren.«

Saleh wurde nach dem Sturz der Taliban von den Amerikanern als afghanischer Geheimdienstchef ausgebildet. Er steht für den Widerstand gegen die Taliban, die er für aus Pakistan gesteuert hält. Sollten die Islamisten erneut die Macht in Kabul übernehmen und nicht bereit sein, diese zu teilen, wird von ihm noch zu hören sein.

Die Regierung in Kabul wird zum Störfaktor

Die afghanische Regierung wird von den USA inzwischen vor allem als Störfaktor auf dem Weg zur Einigung mit den Taliban betrachtet. In Blinkens Brief ist nicht mehr die Rede von der gemeinsam aufgebauten Demokratie, von Wahlrecht, Geschlechtergleichheit, der republikanischen Verfassung. Die USA wollen nur noch »die Gespräche über eine Verhandlungslösung und einen Waffenstillstand beschleunigen«.

Blinken droht, ohne die USA würden die Taliban große Teile des Landes einnehmen, das Rückzugsdesaster der Sowjetunion von 1989 könnte sich wiederholen. In anderen Worten: Ghanis Regierung sei so oder so verloren.

Mit den Taliban wiederum sind sich die Amerikaner weithin einig. Militärisch kooperiert man schon im Kampf gegen den »Islamischen Staat«.

Die Gewalt ist das stärkste Argument der Taliban

Kein einziger US-Soldat verlor 2020 in Afghanistan ein Leben im Kampf. Aber Tausende Afghanen starben oder wurden verwundet. Die Taliban töten berechnend und gezielt Politiker, Journalisten, Aktivistinnen, die für den Aufbau einer vielfältigen, modernen Gesellschaft stehen. Die anhaltend hohe Gewalt ist bei den Friedensgesprächen ihr stärkstes Druckmittel.

Am Mittwoch hat das afghanische Erziehungsministerium allen Mädchen über zwölf Jahre verboten, die Nationalhymne und andere Lieder in Anwesenheit von Männern zu singen. Man könnte sagen, Kabul bereitet sich auf den Einzug der ultrakonservativen Taliban vor.

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