Vormarsch der Taliban US-Geheimdienste rechnen offenbar mit baldigem Fall von Kabul

Die Taliban erobern nach dem Abzug der internationalen Truppen immer mehr Gebiete in Afghanistan. Einem Bericht zufolge glauben US-Geheimdienstler, dass den Islamisten bald auch Kabul in die Hände fallen könnte.
Taliban-Kämpfer (in Farah südwestlich von Kabul am 11. August)

Taliban-Kämpfer (in Farah südwestlich von Kabul am 11. August)

Foto: Mohammad Asif Khan / AP

Noch im Juni waren US-Geheimdienstmitarbeiter davon ausgegangen, dass die afghanische Hauptstadt Kabul in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach dem Abzug des US-Militärs unter Kontrolle der Taliban geraten könnte. Angesichts des schnellen Vormarschs der Islamisten wurden diese Schätzungen mittlerweile offenbar deutlich nach unten korrigiert.

Der Zusammenbruch könnte in 30 bis 90 Tagen erfolgen, berichtete die »Washington Post«  unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten.

Trotz der sich schnell verschlechternden Sicherheitslage verteidigte US-Präsident Joe Biden erneut den Abzug des US-Militärs. Die Afghanen müssten nun »selbst um ihren Staat kämpfen«, sagte er am Dienstag im Weißen Haus in Washington.

Afghanen müssen laut Biden »auch kämpfen wollen«

Ihre Streitkräfte seien den Taliban militärisch überlegen, auch in Bezug auf die Truppenstärke. »Aber sie müssen auch kämpfen wollen.« Die Taliban nahmen unterdessen mit Pul-i Chumri in der nördlichen Provinz Baghlan in kurzer Folge die achte Provinzhauptstadt ein. »Alles bewegt sich in die falsche Richtung«, zitierte die »Washington Post« einen Experten, der mit der neuen militärischen Einschätzung vertraut ist.

Kämpfer der Taliban patrouillieren in der afghanischen Stadt Farah

Kämpfer der Taliban patrouillieren in der afghanischen Stadt Farah

Foto: Mohammad Asif Khan / AP

Der US-Präsident appellierte am Dienstag ferner an die politische Führung in Kabul, an einem Strang zu ziehen. Wörtlich sagte er: »Ich glaube, sie beginnen zu verstehen, dass sie politisch zusammenfinden müssen.« Biden versprach, die USA würden die afghanischen Sicherheitskräfte weiterhin finanziell und militärisch unterstützen. Er werde jeden Tag über die Lage unterrichtet.

Mit Blick auf den von ihm angeordneten Abzug der US-Truppen fügte der Präsident hinzu: »Aber ich bedauere meine Entscheidung nicht.« Inzwischen ist der Abzug zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Auch die deutsche Bundeswehr und die Soldaten anderer Nato-Länder haben Afghanistan bereits verlassen.

Seit dem Beginn des Truppenabzugs Anfang Mai haben die Taliban massive Gebietsgewinne verzeichnet. Sie hatten von 1996 bis zur US-geführten Intervention 2001 weite Teile Afghanistans unter ihrer Kontrolle.

Taliban nehmen neunte Provinzhauptstadt ein

Zuletzt haben die Islamisten mit Faisabad im Norden Afghanistans eine weitere Provinzhauptstadt erobert. »Gestern Abend gerieten die Sicherheitskräfte, die seit mehreren Tagen gegen die Taliban kämpften, stark unter Druck«, berichtete der örtliche Abgeordnete Sabihullah Attik der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch. Nun sei die Stadt in der Provinz Badachschan in den Händen der Miliz. Präsident Aschraf Ghani flog am Mittwoch in die belagerte Stadt Masar-i-Scharif im Norden des Landes.

Faisabad ist bereits die neunte eroberte Provinzhauptstadt innerhalb einer Woche. Damit kontrolliert die Miliz mehr als ein Viertel der Provinzhauptstädte des Landes.

Auch rund um Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr zuletzt ihr größtes Feldlager hatte, wurde in den vergangenen Tagen heftig gekämpft. Die Taliban-Kämpfer rücken immer näher an den Stadtrand heran.

Präsident Ghani wolle sich in Masar-i-Scharif ein Bild von der »allgemeinen Sicherheitslage in der nördlichen Zone« machen, teilte der Präsidentenpalast mit. Dabei wird er wahrscheinlich auch mit dem einflussreichen Ex-Gouverneur von Balch, Atta Mohammed Noor, und dem berüchtigten Kriegsherrn Abdul Raschid Dostum über die Verteidigung der Stadt beraten.

Masar-i-Scharif ist die Hauptstadt der Provinz Balch und die größte Stadt im Norden Afghanistans. Sie ist das wirtschaftliche Zentrum der Region im Norden, der als Bollwerk gegen die Taliban gilt. Eine Einnahme Masar-i-Scharifs durch die Extremisten wäre ein harter Schlag für die Regierung in Kabul. Damit würde sie die Kontrolle über den Norden des Landes endgültig verlieren.

asc/dpa
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