Tödliche Anschläge am Flughafen Kabul »In alle Richtungen wurden Menschen geschleudert«

Erst zwei Selbstmordanschläge, dann Schüsse in die Menge: Am Kabuler Flughafen sind zahlreiche Menschen gestorben. Die Lage bleibt so unübersichtlich wie gefährlich.
Opfer des Anschlags am Kabuler Flughafen kommen im Krankenhaus an

Opfer des Anschlags am Kabuler Flughafen kommen im Krankenhaus an

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WAKIL KOHSAR / AFP

Seit Tagen haben Geheimdienste und Militärs vor Anschlägen am Kabuler Flughafen gewarnt. Nun sind die Horrorszenarien Wirklichkeit geworden. Mehrere Explosionen am Flughafengelände haben das Gelände rund um den Airport erschüttert.

Laut dem US-Verteidigungsministerium haben sich mindestens zwei Selbstmordattentäter der Terrormiliz »Islamischer Staat« in die Luft gesprengt. Nach den Explosionen eröffnete eine Reihe von IS-Kämpfern demnach das Feuer auf Zivilisten und Soldaten, hieß es aus Washington.

Noch sind die Verheerungen nicht vollständig zu überblicken. Doch es ist bereits klar, dass zahlreiche Menschen gestorben sind. Einige Quellen sprechen von mindestens 20 Todesopfern, die britische BBC berichtet unter Berufung auf lokale Quellen von mindestens 60 Getöteten. Zudem werden Dutzende Menschen nun in Krankenhäusern behandelt.

Augenzeugenberichte lassen erahnen, wie unübersichtlich und gefährlich die Situation am Flughafen ist. »Da, wo wir waren, gab es plötzlich eine Explosion«, berichtete ein Augenzeuge dem afghanischen Fernsehsender Tolo-TV. »Wir sahen, dass es viele Betroffene gab. In alle Richtungen wurden Menschen geschleudert.« Menschen seien weggelaufen, dem Augenzeugen zufolge seien es Hunderte gewesen.

»Die Explosion war wirklich gewaltig«, sagt der Mann weiter. Man habe Verletzte auf Tragen weggebracht. Auch ausländische Kräfte habe er am Boden liegen sehen. Tatsächlich sind unter den Todesopfern der Anschläge mindestens zwölf US-Soldaten, bestätigte das Verteidigungsministerium dem Sender CNN. Es sind die ersten Toten auf US-Seite in Afghanistan seit dem Deal mit den Taliban.

DER SPIEGEL

Rund eine halbe Stunde nach dem Anschlag meldet sich der Direktor des Wazir-Akbar-Khan-Krankenhauses per Telefon bei einem SPIEGEL-Reporter: »Ich war zu Hause, als ich von der Attacke hörte, bin ich sofort in die Klinik gekommen.« 22 Verletzte waren bis dahin bereits eingeliefert worden, eine Person war vor Ort ihren Verletzungen erlegen. »Es sind gleichermaßen Menschen mit Explosions- und Schusswunden«, so der Mediziner. Auf einem Foto, das der Chirurg schickt, ist ein Mann mit Kopfverband und blutverschmiertem Hemd zu sehen. Ein Freiwilliger hält den Tropf, der mit dem Zugang am Arm des Verletzten verbunden ist.

Die zwei Explosionen hatten sich am Donnerstagabend Kabuler Ortszeit ereignet. Ein Anschlag wurde vor dem Flughafenzugang Abbey Gate verübt, mindestens ein weiterer am Baron Hotel in der Nähe, wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte.

In dem Hotel hatten die USA und andere westliche Staaten Menschen untergebracht, die mit Evakuierungsflügen außer Landes gebracht werden sollten. Wegen der chaotischen und gefährlichen Lage am Flughafen waren einige von ihnen von dort mit Hubschraubern abgeholt worden.

Bundeswehr hat angeboten, Verletzte auszufliegen

In Sicherheitskreisen hieß es, die Wucht der Explosion vor dem Gate sei vermutlich noch verstärkt worden, da sich der Anschlag in einer von sogenannten »Blastwalls« eingemauerten Gasse vor dem Abbey Gate ereignete. Die meterhohen Mauern sollen eigentlich die Wirkung von Detonationen abfangen. In diesem Fall aber machten sie die Sprengsätze noch tödlicher, so Sicherheitsexperten.

Die Bundeswehr hatte bereits am Mittwoch eine Order an alle Soldaten auf dem Flughafen herausgegeben, sich nicht mehr ans Abbey Gate zu begeben, um Ortskräfte oder andere Schutzbedürftige von dort abzuholen. Intern war von einer konkreten Anschlagsgefahr die Rede, deswegen müsse man mit Attacken dort rechnen. Zudem hat die Bundeswehr in den vergangenen Stunden angeboten, erneut mit dem Medevac-Flieger nach Kabul zu kommen und Verletzte auszufliegen. Bisher aber haben die USA die Hilfe nicht angefordert.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte die Bluttat als »absolut niederträchtig«. Der britische Premier Boris Johnson verurteilte die Tat als »barbarisch« und sprach den USA sowie dem afghanischen Volk sein Beileid aus.

Taliban verurteilen Anschläge

Auch die Taliban, Afghanistans neue Machthaber, äußerten sich zu den Anschlägen. »Das Islamische Emirat verurteilt den Bombenanschlag gegen Zivilisten am Kabuler Flughafen scharf«, hieß es von einem Taliban-Sprecher via Twitter. Er fügte hinzu, die Explosionen hätten sich in einem Gebiet ereignet, in dem US-Soldaten »für die Sicherheit verantwortlich sind«.

Deutschland hat seine Rettungsmission wie geplant am Donnerstag eingestellt. Die militärische Evakuierung sei nun beendet, die Arbeit gehe aber so lange weiter, bis alle in Sicherheit seien, »für die wir in Afghanistan Verantwortung tragen«, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD).

Großbritannien kündigte trotz der Anschläge eine Fortsetzung seiner Mission an. »Wir werden mit diesem Einsatz fortfahren. Wir kommen jetzt ohnehin zum absoluten Ende«, sagte Premierminister Johnson nach einem Treffen des Krisenkabinetts. »Wir werden bis zum letzten Moment weitermachen.«

Mit Material aus den Agenturen.

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