Afghanistans Zukunft Was der Abzug des Westens für die Region bedeutet

Der Rückzug der internationalen Truppen hinterlässt ein Machtvakuum am Hindukusch. Was planen, was befürchten die Anrainerstaaten – und wer könnte profitieren?
Soldaten holen die Flagge ein: Nach 20 Jahren ziehen sich die USA und ihre Bündnispartner aus Afghanistan zurück

Soldaten holen die Flagge ein: Nach 20 Jahren ziehen sich die USA und ihre Bündnispartner aus Afghanistan zurück

Foto: AP

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Amerika hat sich entschieden: Nach 20 Jahren ziehen sich die USA aus Afghanistan zurück, zusammen mit den Bündnispartnern, die ihnen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dorthin gefolgt waren.

Zurück bleibt ein Land, das seit Jahrzehnten von keiner einzelnen Autorität mehr vollständig kontrolliert wurde und das nun erneut vor Konflikten rivalisierender Machtzentren steht. Zurzeit sind es die radikalislamischen Taliban, die Provinz um Provinz zurückerobern, zum Teil in blutigen Gefechten, zum Teil kampflos, indem sie Netzwerke reaktivieren, die sie in den vergangenen Jahren geknüpft haben.

Der Abzug der US-Truppen ist aber nicht nur für Afghanistan selbst eine Zäsur, er könnte auch die geopolitischen Gewichte in der Region verschieben. Das Land, knapp zweimal so groß wie Deutschland, hat sechs direkte Nachbarstaaten und mit Russland einen mittelbaren weiteren, die am Hindukusch ihre eigenen Interessen verfolgen.

Ähnlich wie nach dem Rückzug der Sowjetarmee 1989 öffnet sich mit dem Abzug der westlichen Koalition nun ein Vakuum, das andere Regionalmächte füllen könnten. Die Lage erinnert an den US-Truppenabzug aus dem Irak, der sich von 2007 bis 2011 hinzog. Damals war es vor allem Iran, das seinen politischen Einfluss ausdehnte, und kurz darauf die militante Bewegung des »Islamischen Staats« (IS), die weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachte – mit dramatischen Konsequenzen, weit über den Irak hinaus.

Noch ist es zu früh, die Folgen des westlichen Rückzugs aus Afghanistan im Einzelnen vorauszusagen. Wohl aber lassen sich die Motive beschreiben, die Afghanistans Nachbarn treiben. Wer also könnten Gewinner und Verlierer sein? Ein Überblick:

Iran

Grundsätzlich begrüßt Irans Regierung den Abzug westlicher Truppen aus ihrer Nachbarschaft. Wie vor zehn Jahren im Irak ist es für Teheran ein Wert an sich, dass sich sein Erzfeind USA weiter aus der Region zurückzieht.

Doch anders als mit dem mehrheitlich schiitischen Irak hat sich Teheran mit dem mehrheitlich sunnitischen Afghanistan stets schwergetan, vor allem mit den Taliban. Sollten sie das Vakuum füllen, das die westlichen Truppen hinterlassen, sei das »ein Rezept für einen neuen Krieg in Afghanistan«, warnte Irans Außenminister Javad Zarif im April. Die Staaten der Region könnten keine weitere Belastung ertragen. Seit der sowjetischen Invasion Afghanistans sind Hunderttausende, nach Angaben der Regierung sogar Millionen, nach Iran geflohen.

Die Führung ist sich noch nicht einig, ob der Rückzug des Westens für Iran mehr Vor- oder Nachteile hat. Irans Dienste, auch die Revolutionsgarde (Pasdaran), unterhalten seit Jahren Kontakte zu einzelnen Taliban-Fraktionen, vor allem im Westen Afghanistans. Sie scheinen darauf zu bauen, den Einfluss noch radikalerer Gruppen in Afghanistan zu reduzieren. Ein anderes Lager warnt, wie die konservative Tageszeitung »Jomhouri Eslami«, grundsätzlich vor den »Taliban-Terroristen« jenseits der Grenze.

Pakistan

Pakistan unterhält deutlich bessere Beziehungen zu den Taliban als Iran – und traditionell schlechte zur afghanischen Regierung. Kabul hat sich zum Beispiel bis heute nicht mit der sogenannten Durand-Linie abgefunden, die Ende des 19. Jahrhunderts zwischen dem britischen Empire und dem Emirat Afghanistan gezogen wurde und heute die Grenze zu Pakistan bildet. Afghanistan werde diese Grenze »niemals anerkennen«, sagte der frühere Präsident Hamid Karzai 2017.

Auf den ersten Blick spielen die Schwächung der afghanischen Regierung und der Machtzuwachs der Taliban nach dem Abzug der US-Truppen Islamabad deshalb in die Hände. Doch die Taliban sind selbst für Pakistan ein schwieriger und keineswegs fügsamer Partner. Je stärker sie werden, desto weniger Einfluss wird Pakistan auf sie haben. Dass Islamabad auch andere radikale Gruppen unterstützt, belastet außerdem sein Verhältnis zu den USA und Pakistans Rivalen Indien.

Trotzdem dürfte Pakistan aufgrund seiner geografisch und historisch engen Verbindungen zu seinem Nachbarland dessen Schicksal auch künftig stark beeinflussen. Um seine eigenen Interessen zu wahren, steht Islamabad aber vor einem Balanceakt: Pakistan will, dass die Taliban an der Macht beteiligt sind, aber nicht, dass sie Afghanistan dominieren. Zugleich soll die Regierung in Kabul nicht zu stark sein, aber auch nicht so schwach, dass erneut ein langer Bürgerkrieg ausbricht.

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China

Ein Profiteur des US-Truppenabzugs, warnen Kritiker in Washington, werde China sein. Peking warte nur darauf, den Spielraum zu nutzen, den Amerika freigibt.

Tatsächlich sieht China wie Iran mit Genugtuung, dass Amerika und seine Verbündeten nach 20 Jahren sieglos von dannen ziehen. Und es stimmt auch, dass Peking Pläne hat, Afghanistan in seine weltumspannende Seidenstraßen-Initiative einzubinden – mit Energie- und Handelskorridoren, Bergbau- und Verkehrsprojekten.

Doch die Schadenfreude, mit der manche US-Kommentatoren  China bereits als nächstes Imperium auf dem »Friedhof der Imperien« scheitern sehen, dürfte verfrüht sein. Statt seine Präsenz in Afghanistan zu verstärken (wie es China nach dem US-Abzug im Irak tat), flog Peking vergangene Woche 210 chinesische Staatsangehörige aus. Viele chinesische Arbeiter haben das Land schon in den vergangenen Monaten verlassen.

Für China ist Afghanistan zurzeit weniger ein Investitionsziel als ein Sicherheitsproblem – im Land selbst, und in der Autonomieregion Xinjiang, wo China eine knapp 80 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan verbindet. Peking befürchtet, dass die Konflikte, die es in Afghanistan kommen sieht, auf chinesisches Territorium überschwappen könnten. In Xinjiang lebt die von Peking unterdrückte muslimische Minderheit der Uiguren. China behauptet, militante Uiguren nutzten die Grenze zum Waffenschmuggel und unterhielten Trainingslager in Afghanistan.

Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan – und Russland

Ähnliche Sorgen treiben auch die Regierungen in Afghanistans nördlichen Nachbarstaaten um. Turkmenistan berichtete Anfang Juli von Gefechten an der Grenze, Usbekistan errichtete nahe der Stadt Termez ein Zeltlager »für unerwartete Ereignisse« – ebenso Tadschikistan, wo bereits mehr als 1000 afghanische Soldaten Zuflucht vor den vorrückenden Taliban gefunden haben.

Zwar gelobten Taliban-Vertreter in Moskau, sie würden ihre Konflikte nicht ins Ausland tragen: »Unser Territorium wird niemals gegen Nachbarländer und befreundete Staaten benutzt werden.« Doch diesen Zusagen trauen offenbar weder Russland noch die drei anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, die mit Afghanistan eine opferreiche Geschichte verbindet: Die 1979 begonnene und zehn Jahre später ruhmlos beendete Invasion des Landes trug entscheidend zum Niedergang der Sowjetunion bei.

Anfang August werden Russland, Usbekistan und Tadschikistan gemeinsame Militärübungen abhalten, um, so ein russischer Generalleutnant, »die Vertreibung verbotener bewaffneter Banden, die in das Territorium eines verbündeten Staats eingedrungen sind«, zu simulieren. Schauplatz ist ein Übungsgelände nördlich der afghanisch-tadschikischen Grenze, nicht weit von Masar-i-Scharif und Kunduz, wo bis vor wenigen Wochen noch deutsche Einheiten stationiert waren.

So offensichtlich der Rückzug des Westens die Spielräume der Nachbarstaaten in Afghanistan erweitert, so zögerlich erwägen sie derzeit noch ihre Optionen. Für die meisten von ihnen wiegen die Sicherheitsbedenken bislang schwerer als die politischen und wirtschaftlichen Pläne, die sie langfristig hegen mögen. Noch zeichnen sich weder Gewinner noch Verlierer ab. Sie alle warten ab, wie sich die Lage im Inneren des Landes entwickelt – auch das ein Beleg dafür, wie wenig der Westen in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan verändert hat.

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