Sima Samar

Kabul Diary Die Schule ist für Mädchen ein lebensgefährlicher Ort

Sima Samar
Eine Kolumne von Sima Samar
Eine Kolumne von Sima Samar
Im Mai explodierte eine Autobombe in Kabul und riss Dutzende Schulkinder in den Tod. Die Attentäter fürchten nichts so sehr wie gebildete Frauen – und gerade deshalb dürfen wir nicht aufhören, unsere Mädchen zu stärken.
Diese Mädchen sind in ihren Uniformen auf dem Weg zur Schule in Kabul (Archivfoto)

Diese Mädchen sind in ihren Uniformen auf dem Weg zur Schule in Kabul (Archivfoto)

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Kaveh Kazemi / Getty Images

Globale Gesellschaft

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Es geschah am 8. Mai 2021, um halb fünf Uhr am Nachmittag. Der Unterricht an der Said-al-Schuhada-Schule war gerade beendet, die Schulmädchen packten ihre Sachen, verließen ihre Klassenräume. Sie waren auf dem Weg nach Hause, die meisten lebten im Westen von Kabul, im Dascht-Bartschi-Distrikt. Dann explodierten die Bomben.

Eine detonierte direkt vor dem Schulgebäude, danach noch zwei weitere in der Nähe, sie rissen mehr als 60 Menschen in den Tod, darunter viele Mädchen und Jungen in ihren Schuluniformen. 150 Menschen wurden verletzt.

Zur Autorin
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Kayana Szymczak / DER SPIEGEL

Sima Samar, Jahrgang 1957, studierte in Kabul Medizin. Sie wurde Ende 2001 Afghanistans erste Frauenministerin und eine von fünf Stellvertretern des damaligen Präsidenten Hamid Karzai. Dieser ernannte sie 2002 zur Leiterin der Unabhängigen Afghanischen Menschenrechtskommission, der sie bis heute vorsteht. Sie hat zwei erwachsene Kinder und ist zum zweiten Mal verheiratet; ihr erster Ehemann wurde 1979 verschleppt und tauchte nie wieder auf. Kurz vor der Rückkehr der Taliban in Kabul reiste Samar in die USA, wo sie immer noch ist. Zurück in ihre Heimat kann sie derzeit nicht.

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Man hört diese Meldungen oft: Autobombe in Kabul explodiert. Viele Tote, viele Verletzte. Und ich kann mir vorstellen, dass man sich an diese Nachrichten gewöhnt, wenn man weit weg lebt. Aber ich, wir Menschen von Kabul, können uns nicht daran gewöhnen. Ich stehe jedes Mal unter Schock. Wie viele müssen noch sterben? Wofür?

Unter den Opfern jeder neuen Attacke könnte ein Mensch sein, den wir kannten oder den Bekannte von uns kannten. Die Bombe könnte in unseren Vierteln explodiert sein, vor unserem Lieblingscafé. Auf dem Markt, auf dem wir unser Gemüse kaufen. Wir kennen Menschen, die Angehörige verloren haben. Sie müssen ihr Leben lang mit der Lücke zurechtkommen, die die Explosion in ihr Leben riss. In Afghanistan müssen sehr viele Menschen mit so einer Lücke leben.

Nach dem Anschlag auf die Schule im Westen Kabuls klebt an vielen Schulheften Blut. Mehr als 60 Opfer gab es bei dem Anschlag, die meisten waren Kinder.

Nach dem Anschlag auf die Schule im Westen Kabuls klebt an vielen Schulheften Blut. Mehr als 60 Opfer gab es bei dem Anschlag, die meisten waren Kinder.

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HEDAYATULLAH AMID / EPA-EFE

Der Anschlag vor der Schule macht mir besonders zu schaffen. Seit Jahrzehnten kämpfe ich dafür, dass mehr Mädchen zur Schule gehen. Dass mehr Eltern ihre Kinder in den Unterricht schicken. Ich verstehe nicht, was im Kopf der Attentäter vor sich geht. Warum es ihnen Genugtuung ist, wenn Kinder leiden. Sterben. Was ich aber verstehe, ist, dass sie sich vor gebildeten Menschen fürchten, vor allem vor gebildeten Frauen. Sie denken, dass sie dann die Kontrolle verlieren.

Meine Tochter ging in den frühen Nullerjahren zur Schule, als die Taliban gerade gestürzt waren. Damals waren solche Bombenanschläge seltener, dafür wurden oft Kinder gekidnappt. Ich habe meine Tochter immer mit einem sorgenvollen Gefühl aus dem Haus geschickt. Sie musste – gerade weil unsere Familie durch meinen Job als Frauenministerin besonders exponiert war – immer von Bodyguards zur Schule begleitet werden. Es gab keine direkten Angriffe auf meine Tochter. Aber im Jahr 2008, als die Attacken auf Schulen wieder zunahmen, brachte ich sie in die USA. Wo sie in Sicherheit lernen konnte. Sie blieb dort mit ihren 16 Jahren, als Teenager, allein. Ich reiste kurz darauf ohne sie zurück nach Afghanistan.

Ich weiß, dass die allerwenigsten Familien in Afghanistan sich so einen Schritt überhaupt leisten können. Und doch hat es mir damals furchtbar wehgetan, dass meine Tochter unendlich weit weg von ihrer Heimat und allein sein musste, nur damit sie in Sicherheit zur Schule gehen konnte.

Wer kann je die seelischen Wunden von Shukrias Mutter, ihrem Vater heilen?

Ich will Ihnen von einem Schicksal genauer erzählen. Shukria, 16 Jahre alt, war in der elften Klasse, kam aus einer armen Familie. Sie gehörte wie viele der Mädchen an der Schule der ethnischen Minderheit der Hazara an. Einer Gruppe, die seit 200 Jahren in Afghanistan massiv verfolgt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird und deren Kinder von jeder Art Unterricht lange ausgeschlossen waren. Shukria war eines der Mädchen, die am 8. Mai auf dem Weg von der Schule nach Hause waren. Wahrscheinlich wurde sie von der Bombe erfasst. Mit Gewissheit kann es noch immer niemand sagen: Shukria wurde nie gefunden.

Diese Jungen blicken auf Kabul, hinter ihnen die Gräber von Schulkindern, die bei der Attacke auf die Said-al-Schuhada-Schule Anfang Mai dieses Jahres ums Leben kamen

Diese Jungen blicken auf Kabul, hinter ihnen die Gräber von Schulkindern, die bei der Attacke auf die Said-al-Schuhada-Schule Anfang Mai dieses Jahres ums Leben kamen

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HEDAYATULLAH AMID / EPA-EFE

Shukrias Familie weiß auch gut drei Monate später nicht, wo ihre Tochter ist. Alles, was die Familie von Shukria fand, war ihr Notizbuch, das sie immer bei sich getragen hatte. Dorthinein schrieb sie alles, was sie sah, was sie bewegte – oder kleine Gedichte.

Hier soll klargemacht werden: Frauen gehören nicht an eine Schule

Ihre Familie eilte nach dem Anschlag von Krankenhaus zu Krankenhaus. Überall hieß es: Bei uns ist sie nicht – wir könnten eure Tochter mit unserer bescheidenen medizinischen Ausstattung auch gar nicht behandeln. Die Eltern fanden eine Liste, auf der Shukrias Name vermerkt war und dass sie sich unter den Verletzten befinde. Die Eltern gingen bis zum Innenministerium, zur Polizei, sogar zum Büro des Vizepräsidenten und fragten nach Unterstützung. Aber niemand konnte weiterhelfen.

Die Hoffnung, die Tochter sei unter den Verletzten, wich nach und nach der Ahnung, sie sei unter den Toten. Ahmadi, der Vater, ging schließlich zur forensischen Abteilung der Medizinischen Universität Kabul. Dort sagte man ihm, es lagerten in den Kühlkammern noch ein Arm und ein Bein, die jeweils keinem Opfer des Anschlags zugewiesen werden konnten. Also holte Ahmadi einen Schuh von Shukria, um zu sehen, ob er auf den leblosen Fuß in der Forensik passte. Ob es Shukrias Fuß sein könnte. Er passte nicht.

Diese Mädchen und Jungen haben die Attacke dreier Autobomben auf die Said-al-Schuhada-Schule überlebt. Sie ziehen die Reste von Schulbüchern aus dem Schutt.

Diese Mädchen und Jungen haben die Attacke dreier Autobomben auf die Said-al-Schuhada-Schule überlebt. Sie ziehen die Reste von Schulbüchern aus dem Schutt.

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Mariam Zuhaib / AP

Shukria gilt bis heute als vermisst. Sie hat kein Grab. Die Eltern haben keinen Ort für ihre Trauer. Shukrias einziges Vergehen war es, als Mädchen geboren zu sein, als Mädchen der Hazara, das eine Schule besuchte. Da sind so viele Fragen, auf die es keine Antworten geben wird. Wer kann je die seelischen Wunden von Shukrias Mutter, ihrem Vater heilen? Wer ist verantwortlich für diesen schlimmen Anschlag?

Bis heute hat sich niemand zu dem Attentat im Dascht-Bartschi–Distrikt bekannt. Die Taliban nicht, der »Islamische Staat« nicht. Und doch kann man gar nicht anders, als die Explosionen als einen gezielten Anschlag auf die Mädchen in der Schule zu sehen. Hier soll klargemacht werden: Frauen gehören nicht an eine Schule. Hier soll erreicht werden, dass Eltern ihre Kinder in Zukunft nicht mehr zur Schule schicken. Dass sie die Schule als einen gefährlichen Ort ansehen. Einen Ort, an dem ihre Töchter in Todesgefahr sind – statt die Klassenräume als einen Ort zu sehen, an dem aus ihren Töchtern einmal glücklichere, freiere Frauen werden. Bildung ist der einzige Schlüssel, mit dem unsere Gesellschaft eine andere werden kann.

Die internationale Gemeinschaft und die afghanische Regierung verurteilen die Attacke. Ich auch. Aber wer ist verantwortlich? Laut einem Uno-Bericht  sind im ersten Halbjahr 2021 in Afghanistan mehr Frauen und Kinder getötet und verwundet worden als in jedem anderen Jahr in diesem Zeitraum seit Beginn der Zählung 2009.

Die Said-al-Schuhada-Schule ist wieder geöffnet. Viele Mädchen dort sagen, sie wollen jetzt noch viel härter lernen. Als Zeichen gegen die Attentäter. Sie werden diesen Kampf mit ihrem Wissen und ihren Stiften führen.

Redaktionelle Betreuung und Übersetzung: Maria Stöhr

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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