Gefährliche Biometrie-Beute in Afghanistan Wie die Taliban die Identitätserkennung der Amerikaner nutzen können

Biometrische Systeme sollten der afghanischen Regierung und westlichen Militärs dabei helfen, Terroristen aufzuspüren. Jetzt könnten die Taliban die Technologie nutzen, um Helfer des Westens schneller zu finden.
Biometrische Geräte halfen dem US-Militär, Terroristen oder Helfer zu identifizieren – einige landeten offenbar in den Händen der Taliban

Biometrische Geräte halfen dem US-Militär, Terroristen oder Helfer zu identifizieren – einige landeten offenbar in den Händen der Taliban

Foto: Chris Torchia / ASSOCIATED PRESS
Globale Gesellschaft

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Ein Fingerabdruck entschied über Leben und Tod. Die Taliban hatten auf der Autobahn bei Kunduz Busse überfallen und fast 200 Passagiere als Geiseln genommen. Mit biometrischen Geräten aus afghanischem Regierungsbesitz scannten die Kämpfer dann die Fingerabdrücke jedes Passagiers – um Sicherheitskräfte der Regierung unter ihnen aufzuspüren. Berichten zufolge  wurden bei dem Massenkidnapping 2016 ein Dutzend Menschen erschossen.

Nun gehen die Taliban in der afghanischen Hauptstadt Kabul als neue Machthaber von Tür zu Tür, um offenbar Ortskräfte der internationalen Einsatztruppen, Aktivistinnen und Menschenrechtsaktivisten aufzuspüren, sie haben auch Checkpoints eingerichtet, um Autos zu kontrollieren – und Sicherheits- und Digitalexperten fürchten, dass biometrische Tools ihnen die Suche nach den Helfern des Westens erleichtern könnten. Die US-amerikanische Organisation Human Rights First warnt davor, »dass die Taliban jetzt wahrscheinlich Zugang zu verschiedenen biometrischen Datenbanken und Ausrüstungen in Afghanistan haben, darunter auch solche, die von den Streitkräften der Koalition zurückgelassen wurden«.

Die Taliban haben zwar eine friedliche Machtübernahme angekündigt, doch Ortskräfte der westlichen Koalition fürchten Racheaktionen

Die Taliban haben zwar eine friedliche Machtübernahme angekündigt, doch Ortskräfte der westlichen Koalition fürchten Racheaktionen

Foto: Rahmat Gul / AP

Während ihrer Militäroffensive sollen die Taliban neben Waffen, Drohnen oder Helikoptern einem Bericht von »The Intercept « zufolge in der vergangenen Woche auch mobile Geräte des US-Militärs erbeutet haben, die biometrische Daten erfassen und mit Datenbanken abgleichen können – sogenanntes HIIDE (Handheld Interagency Identity Detection Equipment). Das wurde demnach vor allem dafür eingesetzt, die für die internationale Militärkoalition arbeitenden Afghanen zu identifizieren; auch Daten afghanischer Bewerber für Jobs in der US-Botschaft wurden damit erfasst und Sicherheitsprüfungen durchgeführt, etwa vor dem Zutritt auf militärische Gebiete. Die Bundeswehr  sammelte mit US-Geräten offenbar ebenfalls biometrische Daten von Afghanen und lieferte sie den Amerikanern zu.

Schulungsunterlagen  zufolge kann HIIDE Fingerabdrücke, Gesichter und Iris-Scans aufzeichnen und bis zu 22.000 biometrische ID-Profile, aber auch importierte Watchlists  für den Datenabgleich lokal speichern – sensible Daten, die von den Taliban missbraucht werden könnten. Inwieweit diese tatsächlich Zugriff darauf haben, ist unklar: Militärexperten gehen davon aus , dass die Taliban für die Auswertung weitere Werkzeuge bräuchten – der pakistanische Geheimdienst könne sie jedoch dabei unterstützen. HIIDE kann auch mit anderen Geräten wie Pass-Scannern oder Computern verbunden werden und etwa größere, externe Datenbanken durchsuchen.

Die potenzielle Nutzung biometrischer Systeme durch die Taliban offenbart einmal mehr das Schadpotenzial solcher Systeme. Digitalexperten warnen seit Jahren vor Missbrauch. Viele Staaten, aber auch humanitäre Organisationen weltweit setzen mittlerweile Biometrie ein, auch in Konfliktregionen – vermeintlich als fortschrittliche Lösung, um die Identitäten von Menschen sowie ihre Ansprüche auf Leistungen schneller zu prüfen und Prozesse effizienter und transparenter zu gestalten. Doch die Initiativen bergen erhebliche Datenschutzrisiken, wie ein kürzlicher Skandal um Daten von Rohingya-Flüchtlingen  zeigt.

Staaten und Nichtregierungsorganisation weltweit nutzen zunehmend biometrische Systeme – etwa um die Ausgabe von Hilfsleistungen zu organisieren

Staaten und Nichtregierungsorganisation weltweit nutzen zunehmend biometrische Systeme – etwa um die Ausgabe von Hilfsleistungen zu organisieren

Foto: AIJAZ RAHI / AP

Anwendungen werden dabei oft schrittweise von begrenzten Einsatzzwecken wie Sicherheit oder Wahlen auf immer mehr Bereiche ausgeweitet, die verschiedenen Datenbanken werden zudem zunehmend  miteinander vernetzt und zentralisiert – so wie auch in Afghanistan, mit Unterstützung westlicher Akteure.

Das Ende 2009 geschaffene Afghanistan Automated Biometric Identification System  (ABIS) beantwortet dem FBI zufolge  vor allem zwei Fragen: »Wer sind Sie, und sind Sie ein Bad Guy?« Die Erfassung von Fingerabdrücken, Iris-Scans und Gesichtsbildern der afghanischen Sicherheitskräfte sollte ursprünglich verhindern, dass Kriminelle und Taliban die Armee und Polizei infiltrieren – das FBI unterstützte den Aufbau der Initiative mit Expertise, Training und Datenaustausch.

Mittlerweile werden in Afghanistan auch die Daten von Bürgern biometrisch erfasst. Die Weltbank hat in Afghanistan die Umstellung von Papierdokumenten auf einen digitalen nationalen Identitätsnachweis  mit vorangetrieben – die sogenannte »e-Tazkira«. Ein paar Millionen Afghanen verfügen bereits über eine Smartcard, die mit biometrischen Daten verknüpft ist. Die »Tazkira« ist Voraussetzung für den Zugang zu vielen privaten und öffentlichen Dienstleistungen , aber auch Regierungsjobs.

Biometrische Geräte kamen auch bei afghanischen Wahlen  zum Einsatz, geliefert wurden die Systeme vom deutschen Anbieter Dermalog . Im Januar dieses Jahres hatte die afghanische Regierung zudem Pläne angekündigt , künftig Lehrer und Schüler an rund 5000 Religionsschulen biometrisch zu registrieren – um zu verhindern, dass die Schulen als Ausbildungsstätten für Talibankämpfer genutzt werden. »Die biometrische Registrierung ist wichtig, um diese Personen zu identifizieren und den Hauptzweck ihrer Aktivitäten herauszufinden«, sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Doch in Afghanistan werden künftig die Taliban die neuen Spielregeln für die Überwachung bestimmen. Falls es ihnen gelingt, sich Zugriff auf die Überwachungsinfrastruktur und die biometrischen Datenbanken der bisherigen Regierung zu verschaffen, würden sie damit ein mächtiges Instrument erben, um die Bevölkerung zu kontrollieren, den Zugang zu privaten und öffentlichen Dienstleistungen zu regeln – und möglicherweise Helfer der internationalen Truppen und ehemalige Regierungskräfte, aber auch Aktivistinnen und andere Kritiker zu verfolgen oder von Leistungen oder öffentlichen Jobs auszuschließen.

Die Betroffenen werden nun nach dem Rückzug der internationalen Truppen mit den Folgen der Digitalüberwachung allein gelassen. Die Sicherheitskräfte, die in Afghanistan aktiv waren, hätten sich stärker auf die digitale Sicherheit der Einheimischen konzentrieren sollen, kritisiert die Menschenrechtsanwältin Nighat Dad von der pakistanischen Digital Rights Foundation. »Die USA, die Nato und ihre Verbündeten haben im Rahmen verschiedener Programme und Initiativen Milliarden von Dollar in Afghanistan investiert«, sagt sie . »Wie kommt es dann, dass für Tausende von Afghanen, darunter auch Aktivisten und Dolmetscher, keine Pläne zur digitalen Risikobewertung erstellt wurden?«

Die Taliban erben jetzt die digitalisierte Verwaltungsarchitektur in Afghanistan

Die Taliban erben jetzt die digitalisierte Verwaltungsarchitektur in Afghanistan

Foto: SAJJAD HUSSAIN / AFP

Die Organisation Human Rights First hat Leitfäden auf Englisch, Paschtu und Dari  erstellt, die verfolgten Menschen in Afghanistan dabei helfen sollen, biometrische Erfassung zu umgehen – etwa mit Make-up, farbigen Kontaktlinsen oder indem die Fingerabdrücke manipuliert werden.

Doch wenn die Taliban biometrische Geräte bei Straßenkontrollen oder beim Hausbesuch einsetzen, sind die Chancen unterzutauchen gering: »Die Umgehung eines individuell überwachten Gesichtserkennungstests, wie an einer Sicherheitsstation, ist extrem unwahrscheinlich«, schränkt die Organisation selbst ein. Auch die Fingerkuppen zu verbrennen oder anderweitig zu verändern, könne vielleicht die Technologie austricksen – aber die Kontrolleure erst recht stutzig machen.

Das biometrische Desaster in Afghanistan sei »vermeidbar« gewesen, prangert auch Zara Rahman, Deputy Director bei der Forschungsagentur The Engine Room an. Die vielfältigen Risiken biometrischer Datenbanken seien gut dokumentiert – während für die Vorteile immer noch stichfeste Belege fehlen würden.

Rahman fordert, solche Programme jetzt weltweit auf den Prüfstand zu stellen: »Die Katastrophe in Afghanistan muss als Wendepunkt dazu führen, dass die Existenz und der Einsatz biometrischer Datenbanken sofort überprüft und diese je nach Ergebnis auch gelöscht werden«, sagt sie. Es müsse sich endlich die Erkenntnis durchsetzen, dass biometrische Datenbanken, »das Leben von Menschen drastisch verändern können, die in diesen Datenbanken enthalten sind«.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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