Chaos am Flughafen Kabul Wie lange werden noch Menschen aus Afghanistan evakuiert?

In wenigen Tagen wollen die USA ihren Einsatz in Kabul beenden. Deutschland und andere EU-Staaten hoffen auf eine Verlängerung der Frist. Doch die radikalislamischen Taliban drohen mit »Konsequenzen«.
Menschen warten außerhalb des Flughafens darauf, ausfliegen zu dürfen

Menschen warten außerhalb des Flughafens darauf, ausfliegen zu dürfen

Foto: STRINGER / EPA

Am Flughafen Kabul ist die Lage weiterhin angespannt. Soldatinnen und Soldaten aus westlichen Staaten versuchen seit mehreren Tagen, Menschen zu evakuieren. Vor den Mauern des Flughafens hoffen Tausende Afghaninnen und Afghanen, in einem der Flieger sitzen zu dürfen. Doch wie lange wird es diese Evakuierungsflüge überhaupt noch geben? Darüber diskutieren derzeit die USA, die anderen westlichen Staaten und die radikalislamischen Taliban. Die Taliban haben seit der Eroberung der afghanischen Hauptstadt Kabul die Macht im Land übernommen.

Bisher hatten die US-Streitkräfte angekündigt, den Flughafen bis zum 31. August betreiben zu wollen. Die EU und Großbritannien halten eine Rettung aller Schutzbedürftigen aus Afghanistan bis Ende August angesichts der chaotischen Zustände am Flughafen für unrealistisch. Sie räumen allerdings auch ein, dass europäische Streitkräfte den Flughafen nicht ohne US-Unterstützung halten können.

Beratungen der G7-Industriestaaten

Nach Angaben des britischen Premierministers Boris Johnson wollen die westlichen Staaten auf der einberufenen Schalte der Staats- und Regierungschefs der G7-Industriestaaten nun am Dienstag besprechen, ob man die Frist nach hinten verschieben könnte. Die Bundesregierung befürwortet eine Verlängerung des US-Einsatzes zur Rettung Zehntausender Menschen aus Kabul über August hinaus.

Ein Soldat der Bundeswehr hilft Afghanen beim Anschnallen im Transportflugzeug A400M am Flughafen von Kabul.

Ein Soldat der Bundeswehr hilft Afghanen beim Anschnallen im Transportflugzeug A400M am Flughafen von Kabul.

Foto: Jane Schmidt / dpa

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag, die Regierung begrüße »ausdrücklich« die entsprechende Initiative des britischen Premierministers.

Auch der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian zeigte sich »besorgt« angesichts des geplanten Abzugs der US-Truppen vom Kabuler Flughafen am 31. August. Es brauche »zusätzliche Zeit«, um alle ausländischen Staatsbürger und afghanischen Ortskräfte aus Kabul in Sicherheit zu bringen, sagte er.

Islamisten wollen keine Verlängerung

Es ist jedoch äußerst fraglich, ob die Taliban einer Verlängerung der Evakuierungsflüge zustimmen würden. Die Radikalislamisten hatten zuletzt eher den Druck auf die USA erhöht, ihren Einsatz wie geplant Ende August zu beenden. Andernfalls käme es zu »Konsequenzen«, drohte ein Sprecher der Milizen.

Talibankämpfer in Kabul

Talibankämpfer in Kabul

Foto: WAKIL KOHSAR / AFP

Die US-Truppen hatten mit Erlaubnis der Taliban zunächst den Sicherheitsbereich um den Flughafen erweitert. Die Gegend um den Flughafen kontrollieren aber die Taliban.

Am Rande des Geländes kam es zuletzt zu einem Feuergefecht zwischen afghanischen Sicherheitskräften und unbekannten Angreifern, twitterte die Bundeswehr. Dabei sei eine afghanische Sicherheitskraft getötet, drei weitere seien verletzt worden. Im Verlauf des Gefechts seien auch Einsatzkräfte aus den USA und Deutschland beteiligt gewesen. Alle Soldaten der Bundeswehr seien unverletzt.

Die westlichen Länder haben innerhalb der vergangenen Woche bereits mehr als 26.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Knapp 3000 Schutzsuchende wurden von der Bundeswehr außer Landes geschafft, wie das Verteidigungsministerium mitteilte. Die USA flogen bislang rund 17.000 Menschen aus, Großbritannien mehr als 5700 und Frankreich mehr als 1000 Personen.

Wie viele Ausländer und afghanische Unterstützer der Nato-Truppen noch in Sicherheit gebracht werden müssen, ist unklar. US-Präsident Joe Biden sprach zuletzt von etwa 50.000 bis 65.000 Helfern einschließlich ihrer Familien – allein auf US-Seite.

Evakuierte Afghaninnen und Afghanen nach der Landung am Flughafen im belgischen Melsbroek

Evakuierte Afghaninnen und Afghanen nach der Landung am Flughafen im belgischen Melsbroek

Foto: BENOIT DOPPAGNE / imago images/Belga

Beim G7-Gipfel am Dienstag soll es Regierungssprecher Seibert zufolge auch um die Abstimmung in »Flüchtlingsfragen« sowie um eine mögliche gemeinsame Linie gegenüber der künftigen Taliban-Regierung gehen. Die Taliban werden die Zusammensetzung ihrer Regierung allerdings erst verkünden, wenn alle US-Truppen das Land verlassen haben. Das verkündeten zwei Talibankämpfer nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP.

lau/AFP
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