Lockdown in Afrika "Ich sorge mich ständig um unser Überleben, aber nicht wegen des Coronavirus"

Viele Menschen in Afrika arbeiten als Tagelöhner und in Gelegenheitsjobs. Die Krise raubt ihnen diese Möglichkeit. Straßenverkäuferinnen aus Ghana erzählen, wie der Lockdown sie an den Rand des Hungers bringt.
Anja Tubeta, 28, verkauft jeden Tag Wasser und Softdrinks in Ghanas Hauptstadt Accra. Der dreiwöchige Lockdown hat sie um ihre geringen Ersparnisse gebracht

Anja Tubeta, 28, verkauft jeden Tag Wasser und Softdrinks in Ghanas Hauptstadt Accra. Der dreiwöchige Lockdown hat sie um ihre geringen Ersparnisse gebracht

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Afrika hat den niedrigsten Wert an registrierten Corona-Fallzahlen weltweit. Mitte Mai sind gut 49.000 bekannte Infektionen festgestellt – im Vergleich zu allein mehr als 1,7 Millionen in Europa. Noch immer ist nicht abschließend zu sagen, warum der afrikanische Kontinent im weltweiten Vergleich der Coronavirus-Infektionen bisher glimpflich davon gekommen ist. Es hat vermutlich auch damit zu tun, dass ein Großteil der Bevölkerung keine Reisen ins Ausland unternehmen kann und so zu Beginn der Krise lediglich wenige, reichere Menschen oder ausländische Besucher und Handelspartner betroffen waren.

Zudem haben viele afrikanische Regierungen verhältnismäßig früh den internationalen Flugverkehr unterbrochen, einen nationalen Lockdown oder umfassende Sicherheitsregeln angeordnet. Ausgerechnet diese Schutzmaßnahmen rauben jedoch vielen Menschen die Verdienstmöglichkeiten, vielerorts bedroht der Coronaschutz sogar Leben.

Linda Mbaweyee, 28, arbeitet seit neun Jahren auf den Straßen von Accra. Sie verkauft Brot, das sie auf Wunsch mit Butter bestreicht. Sie ist von 4.30 Uhr am Morgen bis 16 Uhr unterwegs. Wenn das Geschäft gut läuft, verdient sie so umgerechnet vier Euro am Tag

Linda Mbaweyee, 28, arbeitet seit neun Jahren auf den Straßen von Accra. Sie verkauft Brot, das sie auf Wunsch mit Butter bestreicht. Sie ist von 4.30 Uhr am Morgen bis 16 Uhr unterwegs. Wenn das Geschäft gut läuft, verdient sie so umgerechnet vier Euro am Tag

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Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Das hat einen einfachen Grund: In vielen Ländern arbeitet ein Großteil der Bevölkerung im informellen Sektor. Je nach afrikanischer Region sind das zwischen 60 und 90 Prozent der Menschen, unter ihnen zum Beispiel Bauarbeiter, Hausangestellte, Fahrer und Verkäuferinnen. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) warnt, dass das Einkommen von gut 1,6 Milliarden Menschen aus diesem Sektor ausgelöscht wird, wenn sie zum Schutz vor Covid-19 dauerhaft zu Hause bleiben müssen.

Die Coronakrise verursacht für viele dieser Arbeiter unter anderem deshalb erhebliche Probleme, weil sie, wie es oft heißt, von der Hand in den Mund leben. Das bedeutet konkret, dass viele Menschen sich nur dann Nahrung kaufen können, wenn sie an dem Tag genug verdient haben. Sie haben kaum Rücklagen und zudem oft keine Möglichkeiten, in ihrem Zuhause Essensvorräte anzulegen. Ohne Kühlschrank lassen sich viele Grundnahrungsmittel in der Hitze nicht lange aufbewahren.

Die Wirtschaftskrise trifft so afrikanische Staaten und ihre Bürger hart, selbst wenn sich dort das Coronavirus nicht rasend schnell ausbreitet. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prophezeit, die Pandemie werde einen "monumentalen Einfluss" auf Afrika haben, das eigentlich 2020 die erste Rezession seit 25 Jahren erleben sollte. Einige Ökonomen stellen infrage, ob so letztlich nicht mehr Menschen den Corona-Sicherheitsmaßnahmen zum Opfer fallen als durch sie gerettet werden.

Ein Beispiel für den hart arbeitenden Teil der afrikanischen Bevölkerung, der durch die Coronakrise von Hunger bedroht ist, sind die Verkäuferinnen, die von früh morgens bis spät am Abend das Straßenbild vieler Städte prägen.

Eine Verkäuferin, die am Tag der Aufhebung des Lockdowns in Accra ihre Waren den wartenden Autofahrern anbietet

Eine Verkäuferin, die am Tag der Aufhebung des Lockdowns in Accra ihre Waren den wartenden Autofahrern anbietet

Foto:

NIPAH DENNIS/ AFP

In Ghana tragen die Frauen ihre Waren meist auf dem Kopf. Wer in Accra, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes, in einem der oft stundenlangen Staus feststeckt oder an einer Ampel wartet, kann von ihnen kaltes Wasser, Kaugummis oder Nüsse am Wagenfenster kaufen. Je nachdem an welcher Straßenkreuzung man sich befindet, werden auch USB-Sticks, Kopfkissen, Hundeleinen, Yamswurzeln und Sonnenbrillen, manchmal Fischernetze oder Klopapier angeboten. Es ist nahezu alles zu bekommen.

Der Job der Straßenverkäuferinnen ist ohnehin gesundheitsgefährdend. Sie laufen zwischen den Autos umher, können angefahren werden und sind täglich den Abgasen ausgesetzt. Sie tragen Waren auf dem Kopf, viele klagen über Rückenschmerzen. Die meisten der Frauen haben wie viele andere Arbeiter keine Sozial- oder Krankenversicherung, können nicht auf staatliche Unterstützung hoffen.

Als Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo  am 30. März den Lockdown der ghanaischen Metropolen Kumasi und Accra in Kraft setzte, bedeutete das für die Händlerinnen einen sofortigen Einkommensstopp. Sie wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie insgesamt drei Wochen überstehen müssen. Der Lockdown wurde am 20. April aufgehoben.

DER SPIEGEL hat die Straßenverkäuferinnen Ende Januar porträtiert und nun erneut mit ihnen gesprochen.

In der Fotostrecke erzählen die Frauen von ihrem Arbeitsalltag vor der Coronakrise, wie sie den Lockdown bewältigt haben – und wie sie nun weitermachen:

Fotostrecke

Straßenverkäuferinnen im Lockdown: Kein Einkommen, keine Nahrung

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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