Giftattacke auf Alexej Nawalny Chemiewaffen-Kontrollbehörde bestätigt Verwendung von Nowitschok

Die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen hat den Einsatz des Nervengifts Nowitschok gegen Alexej Nawalny bestätigt. Das Ergebnis dürfte den Ruf nach Sanktionen gegen Russland befeuern.
Alexej Nawalny

Alexej Nawalny

Foto: Pavel Golovkin / dpa

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hält den Einsatz eines Nervengifts aus der Nowitschok-Gruppe gegen den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny für erwiesen. 

In einer knappen Mitteilung auf der Webseite der Organisation berichtete die OPCW, die Untersuchung von Proben Nawalnys habe die bisherigen Laborergebnisse, unter anderem aus Deutschland, Frankreich und Schweden, bestätigt.

Die Stoffgruppe Nowitschok nennt die OPCW in ihrem Statement nicht. Stattdessen verweist die Organisation darauf, dass in den untersuchten Proben von Nawalny ein Stoff gefunden wurde, der "ähnliche strukturelle Merkmale" aufweise wie das Gift, das nach einem Anschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal im Jahr 2018 festgestellt wurde. Auch gegen Skripal wurde ein Stoff der Nowitschok-Gruppe eingesetzt.

Das Gift wurde offenbar weiterentwickelt

Damals hatte die OPCW das in Skripals Blut gefundene Gift auf eine Liste von geächteten Stoffen gesetzt. Der nun gefundene Stoff aus der Nowitschok-Gruppe soll nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden eine Weiterentwicklung des gegen Skripal eingesetzten Gifts sein. Die Experten nehmen an, dass das eingesetzte Gift nicht weniger gefährlich ist, aber langsamer wirkt.

Wie in den vergangenen Fällen von Nowitschok-Vergiftungen will die Organisation einen ausführlichen Geheimbericht über die Untersuchungen nur den Mitgliedstaaten zugänglich machen.

Die Experten der OPCW waren vor einigen Wochen extra nach Berlin gereist, um Proben von Nawalny zu nehmen. Der Kremlkritiker war nach dem Giftanschlag auf ihn Ende August in Berlin behandelt worden. 

Die Bundesregierung hatte schon sehr früh von einer Vergiftung Nawalnys mit Nowitschok berichtet. Nachdem ein Speziallabor der Bundeswehr Spuren des verbotenen Nervengifts im Blut Nawalnys isoliert hatte, forderte Berlin von Russland Aufklärung in dem Fall. 

Die Bundesregierung geht davon aus, dass nur staatliche Stellen Nowitschok besitzen und einsetzen können. Einen kriminellen Hintergrund schließt man wegen der komplexen Beschaffenheit des Nervengifts aus.

Kurz nach der Mitteilung der OPCW äußerte sich Regierungssprecher Steffen Seibert. Mit der OPCW-Untersuchung bestätige sich "erneut der zweifelsfreie Nachweis, dass Alexej Nawalny Opfer eines Angriffs mit einem chemischen Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe geworden ist". Der Einsatz des Stoffes sei "ein gravierender Vorgang und kann nicht ohne Konsequenzen bleiben", sagte Seibert.

Bundesregierung fordert erneut Aufklärung von Russland

Die Ergebnisse der OPCW werden die Frage nach möglichen Strafmaßnahmen gegen Russland zweifellos befeuern. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte stets betont, dass man nach einer Bestätigung durch die OPCW mit den Partnerstaaten in der EU, aber auch mit den USA über Reaktionen beraten werde. 

Hinter den Kulissen hat Berlin bereits mit mehreren Partnern Maßnahmen diskutiert. Wie diese aussehen sollen, wird aber bisher streng geheim gehalten. Kommende Woche sollen die EU-Regierungschefs darüber beraten. Regierungssprecher Seibert appellierte erneut an Russland, "sich zu den Geschehnissen zu erklären".

Grüne für Strafmaßnahmen: "Alles andere würde Deutschland unglaubwürdig machen"

Die Grünen forderten von der Bundesregierung, nach dem eindeutigen Ergebnis der OPCW schnell Strafmaßnahmen gegen Russland zu verhängen. "Nach den harten Worten von Frau Merkel vor fünf Wochen müssen nun konkrete Maßnahmen folgen", sagte der außenpolitische Sprecher Omid Nouripour dem SPIEGEL. "Alles andere würde Deutschland unglaubwürdig machen", fügte Nouripour hinzu.

Alexej Nawalny war Ende August während eines Linienflugs von Sibirien nach Moskau zusammengebrochen. Nur eine Notlandung des Flugzeugs rettete ihm das Leben, da ihn die Ärzte am Boden umgehend mit einem Gegenmittel behandelten. 

Nach einigen Tagen in einem russischen Krankenhaus wurde Nawalny schließlich mit einem Spezialflugzeug nach Berlin gebracht und in der Charité behandelt. Mittlerweile geht es dem Politiker wesentlich besser, er wird aber weiter ärztlich betreut.

mgb
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