Nawalnys Vergiftung Die Kreml-Mär vom Komplott des Westens

Die Ärzte der Berliner Charité sprechen von einer Vergiftung des Kremlkritikers Alexej Nawalny. In Moskau will man davon nichts wissen, schiebt die Verantwortung weit weg - und zeigt sogar auf Deutschland.
Von Christina Hebel, Moskau
Alexej Nawalny

Alexej Nawalny

Foto: Sergei Bobylev / ITAR-TASS / imago images

Mit dem Gesetz ist es so eine Sache in Russland. Das zeigt der Fall des Kremlkritikers Alexej Nawalny einmal mehr. Polizei und Ermittlungskomitee, der dem Präsidenten direkt unterstellten Ermittlungsbehörde, müssten bereits seit drei Tagen offiziell ermitteln. So wollen es eigentlich die gesetzlichen Bestimmungen. Nawalnys Mitstreiter hatten schnell, wenige Stunden, nachdem Nawalny am Donnerstag im Flugzeug zusammengebrochen war, Anzeige wegen des Verdachts auf Vergiftung bei den Behörden eingereicht.

Doch ein Strafverfahren wurde bis jetzt nicht eingeleitet: weder in der sibirischen Stadt Tomsk, wo sich Nawalny vor seinem Abflug nach Moskau aufgehalten hatte und sehr wahrscheinlich vergiftet wurde; noch in Omsk, wo er fast zwei Tage lang in einem Krankenhaus lag; noch in seiner Heimatstadt Moskau.

Und die Chancen stehen schlecht, dass es jemals offizielle strafrechtliche Ermittlungen in Russland geben wird. Dabei steht Kremlkritiker Nawalny unter Überwachung der Sicherheitsbehörden seines Landes, jeder seiner Schritte wird dokumentiert, wie ein Bericht der staatsnahen Zeitung "Moskowskij Komsomolez" deutlich machte: Dort erfuhr man nicht nur, mit wem der Oppositionspolitiker sich in Tomsk traf, sondern auch, dass er in einem Fluss badete, dass er Wasser und Saft trank und Sushi aß. Wie also kann ein Oppositioneller vergiftet werden, der unter solch einer Dauerkontrolle des Sicherheitsapparates steht?

Kremlsprecher Dimitrij Peskow: Kritik an Charité-Ärzten

Kremlsprecher Dimitrij Peskow: Kritik an Charité-Ärzten

Foto: Sergei Karpukhin / REUTERS

Kremlsprecher Dimitrij Peskow wollte dazu bisher wenig sagen, er wisse nicht, ob es eine Überwachung gebe, erklärte er lediglich. Seit Tagen wird er von Journalisten zu Nawalny befragt, seit Tagen nimmt er dessen Namen nicht in den Mund, nennt ihn stattdessen "Patient". Im Kreml sieht man nach wie vor keinen Grund, Ermittlungen aufzunehmen. Mehr noch: Peskow kritisierte am Dienstag sogar die deutschen Ärzte der Charité, die Nawalny seit dem Wochenende behandeln. Sie hatten mitgeteilt, Nawalny sei mit einer "Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" vergiftet worden. Auch Pestizide, Schädlingsbekämpfungs- und chemische Kampfmittel wie Sarin,  Nowitschok und VX zählen zu dieser Gruppe. (Zu der Wirkstoffgruppe lesen Sie hier mehr.)

Das Wort "Vergiftung" bezeichnete Peskow als voreilig. Schließlich sei der genaue Stoff bisher nicht gefunden worden, was auch die hinzugezogenen Moskauer und die Omsker Ärzte bereits bestätigt hätten. Die Mediziner hatten immer wieder erklärt, kein Gift im Blut und Urin von Nawalny nachgewiesen zu haben, sie sprachen von einer Stoffwechselstörung und Unterzuckerung. Eine Vergiftung könne "definitiv ausgeschlossen" werden, teilte die Omsker Gesundheitsbehörde schließlich mit. Peskow betonte, ein Strafverfahren werde man in Erwägung ziehen, wenn die Substanz bestimmt und eine Vergiftung nachgewiesen sei.

Damit kehrt der Kreml die Verhältnisse praktisch um, nach dem Motto: Wenn ihr in Berlin so sicher seid, dass Nawalny vergiftet wurde, dann zeigt die Beweise, weist das Gift nach. Vorher werden wir nichts unternehmen. Moskau versucht damit die Beweislast nach Berlin abzuschieben, wohl wissend, wie schwer solche Substanzen nachzuweisen sind, vor allem, nachdem die Untersuchung und Behandlung des Patienten in Deutschland erst zwei Tage nach den ersten Symptomen begonnen werden konnte. Die Omsker Ärzte hatten sich lange geweigert, Nawalny - wie von seiner Familie gewünscht - zu verlegen.

Nachdem schließlich die Ärzte in der Charité Hinweise auf eine Vergiftung gefunden hatten, forderten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas, die Tat vollständig aufzuklären - "und das in voller Transparenz".

Kurz nach Kremlsprecher Peskow meldete sich mit Wjatscheslaw Wolodin ein weiterer hochrangiger Vertreter der russischen Führung zu Wort - das allein zeigt schon, welche Bedeutung dem Fall Nawalny beigemessen wird. Der Vorsitzende der Staatsduma erklärte am Dienstagabend, man werde nun überprüfen, ob nicht eine "Provokation" Deutschlands und anderer EU-Staaten vorliege, um "neue Anschuldigungen gegen unser Land zu formulieren". Er beauftragte das Komitee für Sicherheitsfragen und Korruptionsbekämpfung abzuklären, ob es sich um einen Versuch ausländischer Staaten handele, einen russischen Staatsbürger zu schädigen, mit dem Ziel, die Lage in Russland anzuheizen.

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Objektivität der deutschen Ärzte wird angezweifelt

Wolodin befeuert damit Behauptungen, die Vergiftung Nawalnys wäre ein Komplott des Westens, seit Tagen werden solche Nachrichten in kremlnahen Medien und Telegramkanälen gestreut. Margarita Simonjan, die Chefin des Propagandasenders RT, hatte als eine der ersten die Mitteilung der Charité kommentiert: "Als hätte sie irgendetwas anderes sagen können", schrieb sie auf Twitter. Damit deutete sie an, der Befund der Berliner Ärzte könnte politisch vorgegeben worden sein.

Auch in Talkshows wie "Wremja pokaschet" ("Die Zeit wird es zeigen") wurde die "Objektivität der deutschen Ärzte" offen angezweifelt. Warum Mediziner aber in einem demokratischen Staat wie Deutschland politischen Anweisungen folgen sollten, wurde nicht erklärt, auch nicht, warum der ranghöchste Polizeibeamte der Region Omsk im Büro des Chefarztes saß, der Nawalny behandelte.

Es sind nur einige der vielen kruden Thesen, die in den vergangenen Tagen verbreitet wurden: Mal wurde erklärt, Nawalny, der dort oft nur als "Blogger" auftaucht, habe angeblich einen schweren Kater gehabt; mal hieß es, er habe Diät gemacht oder irgendwelche Pillen, darunter auch LSD, eingenommen. Alles immer mit dem Verweis auf nicht näher genannte Quellen oder sogenannte Experten, die "Theorien durchspielen". Für keine dieser Behauptungen gibt es Belege, Nawalnys Mitstreiter wiesen sie allesamt zurück. Nawalny gilt als fit, trieb regelmäßig Sport, sein Moskauer Arzt, der Kardiologe Jaroslaw Aschichmim, sagte dem SPIEGEL, Nawalny habe keinerlei Vorerkrankungen.

Seine Mitstreiterin Ljubow Sobol spricht von "typischer Desinformation". Unterschiedliche angebliche Versionen würden über Telegramkanäle und Staatsmedien verbreitet, "koordiniert durch den Kreml", so Sobol. Es ist eine Strategie, die immer dann angewendet wird, wenn Moskau unter Druck steht: wie etwa bei dem Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine 2014 oder dem Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia 2018.

Auch damals wurden so viele angebliche Ursachen und Spekulationen über den Abschuss des Flugzeugs und die Vergiftung der Skripals gestreut, um Zweifel zu schüren, sodass die von internationalen und britischen Ermittlern mühsam ermittelten Fakten nur als eine der möglichen Varianten erscheinen sollen.

So werde versucht, von dem abzulenken, "um was es hier eigentlich geht", sagt Sobol im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Das war ein Mordanschlag auf Nawalny, der einzig einem nützt - dem Kreml." Dort nannte Sprecher Peskow solche Mordvorwürfe "Lärm um nichts".

Doch allzu schnell wird der Lärm nicht abebben. Die Charité hatte Anfang der Woche angekündigt, bald eine Pressekonferenz geben zu wollen.

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