Kremlkritiker Nawalny in der Berliner Charité Der russische Patient

Der russische Oppositionelle Alexej Nawalny liegt immer noch im Koma. Sein Zustand gilt als "besorgniserregend". Die Berliner Ärzte suchen unter Hochdruck nach der Ursache für seine Erkrankung.
Von Christina Hebel und Marcel Rosenbach, Moskau und Berlin
Sanitäter bringen die Spezialtrage weg, mit der Nawalny in die Berliner Charité transportiert wurde

Sanitäter bringen die Spezialtrage weg, mit der Nawalny in die Berliner Charité transportiert wurde

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin-Mitte am Samstagmittag, vor der zentralen Notaufnahme der Charité haben internationale Kamerateams ihre Stative aufgebaut, in einer Ecke steht ein Mannschaftswagen der Polizei. Der Berliner Produzent Jaka Bizilj gibt ein Interview nach dem anderen, polnisches Fernsehen, niederländische Zeitungen, gleich mehrfach die BBC. Es geht um den Patienten aus Russland, der am Morgen hier eingeliefert wurde, und dessen Schicksal weltweit bewegt: Alexej Nawalny, einer der schärfsten Kritiker des Kremls.

Gegen 8.47 Uhr war er in einer zweistrahligen Challenger der Nürnberger Charterfirma FAI auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel gelandet. In einem speziellen Intensivtransportwagen der Bundeswehr wurde Nawalny mit einer Polizeieskorte in die Charité nahe dem Berliner Hauptbahnhof gebracht, wo er kurz nach zehn Uhr am Vormittag eintraf. Mehr als zwei Tage, nachdem er mit starken Schmerzen schreiend zusammengebrochen war und das Bewusstsein verlor. Seitdem liegt Nawalny im Koma.

DER SPIEGEL

Er wird nun abgeschirmt in der Charité behandelt, die Ärzte haben begonnen, Tests zu nehmen, Analysen zu machen. Familie und Freunde hoffen so nun endlich zu erfahren, was mit dem 44-Jährigen am Donnerstag passiert war. Sie vermuten eine Vergiftung, hoffen nun bald Genaueres zu erfahren.

Aus dem Umfeld Nawalnys ist zu hören, dass er den Transport gut überstanden habe und sein Zustand stabil sei. Allerdings sei der insgesamt weiterhin "schwerwiegend und besorgniserregend", seine Behandlung werde in jedem Fall einige Zeit in Anspruch nehmen. Die erstversorgenden Mediziner äußerten offenbar die Befürchtung, dass er im ungünstigsten Fall bleibende Schäden davon tragen könnte, etwa am Gehirn.

Alexej Nawalny

Alexej Nawalny

Foto: Tatyana Makeyeva/ REUTERS

Die Frage wird nun sein, ob es dem Berliner Ärzteteam gelingt, noch die genauen Ursachen für den plötzlichen Zusammenbruch des Oppositionellen herauszufinden. Je nach verwendeter Substanz - wenn es sich denn um eine Vergiftung handelte - kann ein genauer Nachweis nach einigen Tagen schwierig bis unmöglich werden. Nach Informationen des SPIEGEL werden neben Nawalny selbst auch seine persönlichen Gegenstände wie Zahnpasta toxikologisch untersucht. Wann die Charité erste Angaben zu dem Zustand des Patienten machen will, war am Samstagnachmittag noch unklar.

Immer wieder Tee

Er hatte vor seinem Zusammenbruch nach Angaben seiner Mitarbeiter, die ihn begleiteten, nur einen schwarzen Tee getrunken. Das weckt böse Erinnerungen:

  • Bei der kritischen Journalistin Anna Politkowskaja versagten 2004, bevor sie zwei Jahre später erschossen wurde, mehrere Organe. Sie hatte in einem Flugzeug offenbar vergifteten Tee eingeschenkt bekommen.

  • Der ehemalige KGB-Agent und Kremlkritiker Alexander Litwinenko hatte 2006 in London Polonium in einer Tasse Tee zu sich genommen, er starb qualvoll.

Nawalny wollte am Donnerstagmorgen aus Tomsk zurück in die russische Hauptstadt Moskau fliegen, als es ihm kurz nach Abflug plötzlich sehr schlecht ging. Die Maschine musste in Omsk landen, der 44-Jährige verlor das Bewusstsein und wurde in die Notfallklinik Nr. 1 der Stadt gebracht. Dort weigerten sich die Ärzte und Behörden eineinhalb Tage lang, Nawalny verlegen zu lassen - trotz ausdrücklichem Wunsch seiner Frau Julia. Sie begleitete ihren Mann schließlich nach Berlin.

Julia Nawalnaja in Omsk vor der Klinik

Julia Nawalnaja in Omsk vor der Klinik

Foto: Evgeniy Sofiychuk / dpa

Die Familie und Anhänger glauben, dass die russischen Behörden so lange auf Zeit spielten, damit kein Giftstoff im Körper des Oppositionellen mehr nachgewiesen werden könne, was ohnehin oft sehr schwer ist bei solchen Anschlägen. Im Krankenhaus waren Polizisten sowie Männer in schwarzen Anzügen und dunkler Kleidung - typisch für den Inlandsgeheimdienst FSB und das Ermittlungskomitee, einer dem Präsidenten unterstellten Ermittlungsbehörde, - vor Ort und ließen niemanden zu Nawalny.

In Omsk behauptete man am Samstag, keinerlei Gifte in Nawalnys Körper festgestellt zu haben: "Schon heute können wir mit Sicherheit sagen, dass keine Oxibutirate, Barbiturate, Strichnin, krampfartigen oder synthetischen Gifte gefunden wurden", erklärte das Gesundheitsministerium der Region Omsk. Im Urin von Nawalny habe man lediglich Alkohol und Koffein gefunden, hieß es. Man sei bereit, den deutschen Kollegen die Ergebnisse zur Verfügung zu stellen.

Im Netz sorgte diese Erklärung für Spott. Nawalny galt als fit, seine Moskauer Ärzte sagen, er habe keine Vorerkrankungen gehabt. Am Freitag hatten die Omsker Mediziner mitgeteilt, der Oppositionspolitiker leide angeblich unter einer Stoffwechselstörung, Ursache sei ein niedriger Blutzuckerwert.

Ärzte in Omsk

Ärzte in Omsk

Foto: Evgeniy Sofiychuk / dpa

"Schwerer Anschlag auf Nawalnys Leben"

Die Berliner Rettungsmission für den Oppositionellen hatte Bizilj mit seiner Cinema-for-Peace-Stiftung organisiert, bezahlt haben das ihm zufolge "internationale Privatpersonen", nicht die Stiftung selbst. Für Bizilj ist klar: "Das war ein schwerer Anschlag auf Nawalnys Leben." Ohne die Notlandung im sibirischen Omsk, das hätten Mediziner ihm bestätigt, "hätte er nicht überlebt."

Mittlerweile sind neben Nawalnys Ehefrau Julia mehrere enge Vertraute in Berlin vor Ort, darunter sein Kampagnenchef Leonid Wolkow.

Nawalnys Fall zeigt einige Parallelen zu dem des Pussy-Riot-Aktivisten Pjotr Wersilow. Der hatte wenige Wochen nach einer Protestaktion beim WM-Finale im Moskauer Luschniki-Stadion im September 2018 plötzlich nicht mehr sprechen und sich nicht mehr bewegen können. Er war dann in der Charité behandelt und nach knapp zwei Wochen nach deutlicher Verbesserung seines Zustandes wieder entlassen worden. Die behandelnden Charité-Mediziner nannten damals eine Vergiftung als "hoch wahrscheinlich" für seine Erkrankung, konnten aber keinen konkreten Auslöser mehr feststellen.

Im Gespräch mit dem SPIEGEL  hatte Wersilow russische Geheimdienste verdächtigt, namentlich nannte er den Militärgeheimdienst GRU. Beweise gibt es dafür allerdings bis heute nicht. Aktivist Bizilj weist darauf hin, dass die Ärzte auch damals erklärt hätten, seine plötzliche Erkrankung wäre womöglich tödlich verlaufen, hätte Wersilows Lebensgefährtin ihn nicht rechtzeitig gefunden.

"Freundschaftsdienst für Pussy Riot"

Wersilow war damals ebenfalls von Cinema for Peace ausgeflogen und nach Deutschland gebracht worden. Am Samstag twitterte er zu den Bildern der Wagenkolonne, die Nawalnys Krankentransporter von Tegel in die Charité begleitete: "Genau denselben Weg habe ich vor zwei Jahren auch genommen." Er und seine Ex-Frau Nadeschda Tolikonnikowa waren es auch, die Cinema For Peace erneut um Hilfe gebeten hatten, dieses Mal für Nawalny.

Jaka Bizilj spricht vor dem Gebäude der Charité von einem "Freundschaftsdienst für Pussy Riot". Die Arbeit der Ärzte fange gerade an, er hingegen sehe seine Aufgabe nun als "Mission accomplished".

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