Russland Mutmaßliche Nawalny-Attentäter in weitere Anschläge verwickelt

Recherchen des SPIEGEL und seiner Partner identifizierten russische Geheimagenten, die offenbar den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny vergifteten. Nun zeigt sich: Auch beim Tod weiterer Aktivisten waren sie präsent.
Von Roman Dobrokhotov, Christo Grozev und Fidelius Schmid
Moskau im Winter: Sitzen hier die Hintermänner?

Moskau im Winter: Sitzen hier die Hintermänner?

Foto:

DIMITAR DILKOFF/ AFP

Die mutmaßlichen Attentäter des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny waren womöglich an der Tötung weiterer Aktivisten in Russland beteiligt. Recherchen des SPIEGEL, der Investigativplattformen Bellingcat und The Insider sowie des US-Fernsehsenders CNN hatten im Dezember ein Team von mindestens acht Agenten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB identifiziert, die an der Vergiftung Nawalnys mit dem Nervengift Nowitschok im August vergangenen Jahres beteiligt waren.

Nach der ursprünglichen Veröffentlichung der Recherchen zum Mordversuch an Nawalny veröffentlichten die Recherchepartner über Monate zusammengetragene Reisebewegungen der mutmaßlichen Mitglieder des Killerteams. Aus über 500 Hinweisen zu weiteren Morden an Aktivisten konnten DER SPIEGEL, Bellingcat und The Insider nun drei weitere Todesfälle mit der Anwesenheit jener FSB-Männer in Verbindung bringen.

Die Opfer: Ein Journalist, ein Menschenrechtsaktivist, ein Politiker

Bei den Opfern handelt sich um einen Journalisten, einen Menschenrechtsaktivisten und einen Politiker, der sich zunächst wohl mit Billigung des Kremls als Oppositioneller gab, später aber in Ungnade gefallen zu sein scheint.

Der damals 26-jährige Journalist Timur Kuaschew verließ am 31. Juli 2014 gegen 18.30 Uhr zum letzten Mal seine Wohnung in Naltschik, einer Stadt in der russischen Kaukasus-Republik Kabardino-Balkarien. Am nächsten Morgen wurde er tot aufgefunden, laut Obduktionsbericht ohne Anzeichen äußerer Gewaltanwendung. Als Todesursache wurde Herzversagen in Folge einer Virusinfektion festgestellt.

Kuaschew hatte für mehrere Websites kritisch über den Geheimdienst FSB und die lokale Polizei berichtet, unter anderem über Folter an Verdächtigen. Er war Mitglied in der Oppositionspartei Yabloko und hatte Demonstrationen gegen Polizeigewalt organisiert. In den Monaten vor seinem Tod war er mehrfach durch den FSB befragt und einmal festgenommen worden. Freunden hatte er von Drohungen berichtet.

Kratzer und Hämatome im Gesicht, Einstichloch unter einer Achselhöhle

Ein Bellingcat übermitteltes Foto seines Gesichts nach dem Tod widersprach der Schilderung der Obduktion, wonach keine Anzeichen äußerer Gewaltanwendung zu sehen gewesen seien: Es zeigte Kratzer und Hämatome im Gesicht.

Auf Drängen seines Vaters, eines pensionierten Ermittlers, wurden trotz des vorläufigen Obduktionsergebnisses Mordermittlungen eingeleitet. Weitere Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass keine giftigen Substanzen in seinem Körper gefunden worden seien – obwohl unter einer Achselhöhle ein Einstichloch wie von einer Injektionsnadel gefunden wurde.

Einer dieser Berichte wurde am Moskauer Institut für Kriminalistik des FSB durchgeführt – just jener Einheit, deren Mitglieder auch am Mordanschlag auf Nawalny beteiligt waren. Unterzeichnet wurde einer dieser Berichte ausgerechnet durch einen FSB-Mann, der 2020 nach Recherchen des SPIEGEL und seiner Partner an der Vertuschung des Gifteinsatzes gegen Nawalny beteiligt war.

Ein Abgleich der Reisedaten der mutmaßlichen Nawalny-Attentäter und deren Helfer ergab, dass sich im Vorfeld der Tat mindestens drei von ihnen in die Region Naltschik begaben:

  • Dazu gehörte Konstantin Kudrjawzew, der seine Beteiligung an der Vertuschung des Anschlags auf Nawalny eingeräumt hat. Er reiste am 13. Juli 2014 nach Naltschik.

  • Alexej Alexandrow und Iwan Osipow, die höchstwahrscheinlich beide direkt an der Ausführung des Anschlags auf Nawalny beteiligt waren, flogen am 29. Und 22. Juli in die Region. Beide hatten ihre Rückflüge nach Moskau ursprünglich für den 31. Juli reserviert. Sie buchten allerdings um – und flogen schließlich zurück, kurz nachdem Kuaschew tot aufgefunden wurde.

Knapp neun Monate später, am 24. März 2015, starb Ruslan Magomedragimow in Kaspiysk, einem Vorort der Hauptstadt der Kaukasus-Republik Dagestan. Sein Körper wurde leblos aufgefunden. Magomedragimow setzte sich für die Rechte der Lesgier ein, eines im Süden Dagestans und im Norden Aserbaidschans lebenden Volkes.

Zunächst wurde als offizielle Ursache auch in Magomedragimows Fall Herzversagen festgestellt. Ein mit dem Fall später betrauter Mediziner widersprach jedoch und nannte »Erstickung« als Todesursache. Weitere von der Familie des Opfers beauftragte Analysen fanden zwei Einstichstellen wie von Injektionsnadeln im Nacken des Opfers.

Auch im Vorfeld des Todes von Magomedragimow waren Kudrjawzew und Osipow in der Gegend.

Sie flogen mehrfach Monate vor dem Tod in die Region. Vier Tage vor Magomedragimow kam Osipow nach Dagestan und reiste zwei Tage nach dessen plötzlichem Ableben wieder zurück.

Während in diesen Fällen die Motive des FSB relativ leicht erklärlich scheinen, birgt der Tod des Politikers Nikita Isaew zusätzliche Rätsel.

Eine Zugfahrt mit tödlichem Ende

Ähnlich wie Nawalny hatte er sich dem Kampf gegen Korruption verschrieben. Allerdings hatte es während seiner zwei Jahre in der Politik stets vermieden, in Konflikt mit Moskau zu kommen, und hatte hauptsächlich auf regionale Missstände hingewiesen. In russischen Oppositionskreisen war er daher verdächtigt worden, ein vom Kreml tolerierter Oppositioneller zu sein.

Am Abend des 16. November 2019 verließ er per Zug die Stadt Tombow, rund 500 Kilometer im Südosten von Moskau. Während der neunstündigen Fahrt wurde ihm nach Angaben einer Vertrauten gegen 1 Uhr nachts übel, er ging zur Toilette. Bei seiner Rückkehr soll er gesagt haben, er fürchte, er sei vergiftet worden. Als der Zug an seiner nächsten Haltestelle ankam, war Isaew bereits tot.

Auch bei ihm wurde als offizielle Todesursache Herzversagen ermittelt. Anders als bei den vorherigen Todesfällen konnte keine Anwesenheit von Mitgliedern des FSB-Todeskommandos festgestellt werden.

Allerdings zeigen die Reisedaten Überschneidungen zwischen Isaews Flügen und Reisen, die der FSB-Mann Alexandrow unternahm. Weitere Überschneidungen ergeben sich mit weiteren FSB-Männern, die sich im Umfeld Alexandrows bewegten, aber nicht Teil der Gruppe von acht FSB-Agenten waren, die an dem Anschlag auf Nawalny beteiligt waren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.