Kremlkritiker Nawalny nicht transportfähig für Reise nach Deutschland

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny ist laut seinen Ärzten nicht transportfähig. Seine Sprecherin fürchtet durch das Transportverbot "eine direkte Bedrohung für sein Leben".
Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny

Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny

Foto: Tatyana Makeyeva/ REUTERS

Der bekannte russische Regierungskritiker Alexej Nawalny hatte wegen einer möglichen Vergiftung in Deutschland behandelt werden sollen. Nun hat sich sein Zustand laut Ärzten so verschlechtert, dass er offenbar nicht mehr ausreisen kann.

"Der Chefarzt erklärte, Nawalny sei nicht transportfähig. Sein Zustand ist instabil", schrieb Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch auf Twitter. Sie kritisierte, "das Transportverbot für Alexej ist eine direkte Bedrohung für sein Leben". Es sei für ihn tödlich, in dem Krankenhaus "ohne Ausrüstung oder Diagnose" im sibirischen Omsk zu bleiben. Der Chefarzt sprach nicht mit den Verwandten oder der Ehefrau Nawalnys.

Der Kremlkritiker war am Donnerstag zunächst in ein Krankenhaus in der sibirischen Großstadt Omsk gebracht worden und lag nach Angaben der Ärzte im Koma. Seine Sprecherin Jarmysch war überzeugt, dass der Oppositionelle "absichtlich vergiftet wurde".

"Tödliches Mittel" im Organismus Nawalnys gefunden

Nach Angaben seines Teams seien im Organismus des Oppositionspolitikers ein vermutlich "tödliches Mittel" gefunden worden. Die Polizei habe den Ärzten mitgeteilt, dass sie diesen gefährlichen Stoff gefunden hätten, sagte der Chef von Nawalnys Anti-Korruptions-Fonds, Iwan Schdanow. Das Gift sei demnach nicht nur gefährlich für Nawalny, sondern auch für die Umgebung, weshalb das Tragen von Schutzanzügen angewiesen worden sei, sagte er. Nawalnys Team veröffentlichte den Auftritt Schdanows und der Frau des Politikers als Video. Ärzte der Klinik teilten indes am Freitagmorgen mit, dass sich der Zustand von Nawalny verbessert habe.

Der stellvertretende Chefarzt des Omsker Krankenhauses, Anatoli Kalinitschenko sagte dagegen: "Bisher wurde kein Gift im Blut und Urin gefunden."

Wegen der laufenden Ermittlungen sei nicht mitgeteilt worden, um welchen Stoff es sich handele, sagte Schdanow. Unklar war, wo die Polizei das Mittel gefunden habe. Aber ein Polizist habe es dem Chefarzt auf seinem Mobiltelefon gezeigt.

Ein Spezialflugzeug, das den 44-Jährigen aus dem russischen Omsk nach Berlin holen sollte, war am frühen Freitagmorgen aus Deutschland gestartet, wie der Filmproduzent Jaka Bizilj der Deutschen Presse-Agentur sagte. Demnach befand sich auch ein Team von Medizinern an Bord der Maschine. Zuvor seien alle nötigen Genehmigungen zu einer Verlegung aus Russland erteilt worden. Nawalny hätte noch am Freitag in Berlin ankommen können, wo er in der Charité behandelt werden sollte. Kosten für Flug und Behandlung würden von Privatleuten bezahlt, sagte Filmproduzent Bizilj.

Ärzte sprachen von ernstem, aber stabilen Zustand

Zu Nawalnys Gesundheitszustand hatte es zunächst keine klaren Angaben gegeben. Ein behandelnder Arzt sprach am Donnerstag von einem "ernsten, aber stabilen Zustand". Eine Vergiftung schloss er nicht aus. Nawalny wurde künstlich beatmet.

Vor zwei Jahren war bereits der Aktivist Pjotr Wersilow, Mitglied der russischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot, aus Moskau zur Behandlung nach Berlin geholt worden. Wersilow verdächtigte den russischen Geheimdienst, ihn vergiftet zu haben. Pussy Riot ist mit Aktionen gegen Justizwillkür und Korruption international bekannt.

Der Kreml hatte im Fall einer Verlegung von Nawalny ins Ausland bereits Unterstützung zugesichert und erklärt, es werde Untersuchungen durch die Polizei geben, sollte sich der Verdacht auf eine Vergiftung bestätigen. Nawalny war zuvor in Sibirien zu Recherchen unterwegs.

Nach Angaben seiner Sprecherin ging es dem Kremlkritiker vor dem Abflug nach Moskau noch gut. Am Flughafen in Tomsk habe er noch eine Tasse schwarzen Tee getrunken. Während des Flugs habe er sich dann unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug landete außerplanmäßig in Omsk. Nawalny kam dort ins Krankenhaus.

mfh/AFP/Reuters/dpa