Nawalny-Proteste in Russland Der Aufstand der TikTok-Truppen

Schüler nehmen Putin-Bilder von den Wänden, Jugendliche posieren in der Präsidentenresidenz: Mit solchen Videos erreichen Nawalnys Unterstützer bei TikTok Millionen und mobilisieren für die Proteste am Samstag. Gerät der Kreml online in die Defensive?
Von Christina Hebel, Moskau
Screens von TikTok-Videos vor den Protesten zur Unterstützung des inhaftierten Alexej Nawalny

Screens von TikTok-Videos vor den Protesten zur Unterstützung des inhaftierten Alexej Nawalny

Foto: DER SPIEGEL

Von Wladimir Putin sagt man, dass er die Entwicklungen seines Landes gern in Zahlen misst: In Reden und auf Pressekonferenzen kann er lange über Geburtenraten, Getreideerträge oder Kennzahlen der russischen Wirtschaft sprechen. Nun ist Putin nicht bekannt dafür, dass er sozialen Medien nutzt, angeblich hat er nicht einmal ein Mobiltelefon. Doch im Kreml dürften seine Beamten verfolgen, was sich seit Tagen in den sozialen Medien tut – nicht nur auf Twitter, Facebook und der russischen Variante VKontakte, sondern vor allem auf der Videoplattform TikTok. Dort läuft es rein statistisch gesehen nicht gut für den Kremlchef.

Nach der Inhaftierung des Oppositionellen Alexej Nawalny und der Veröffentlichung seines neuen Enthüllungsfilms ist TikTok mit Videos zu Nawalny geflutet worden. Etwa 800 Millionen Mal wurden sie aufgerufen, allein bei den Hashtags #FreiheitfürNawalny und #23Januar, dem Tag, für den Nawalny-Anhänger in Dutzenden Städten Proteste angekündigt haben, sind es rund 300 Millionen Views.

Unter den Hashtags finden sich witzige Videos: Eine junge Russin erklärt etwa, was man auf Englisch sagen sollte und wie man es vor allem richtig ausspricht, um sich gegenüber den Sicherheitskräften im Falle einer Festnahme als Amerikaner ausgeben zu können. Mehr als einer halben Million Nutzer gefällt das.

Andere TikTok-Nutzer zeigen  sich in der Luxusvilla bei Gelendschik an der russischen Schwarzmeerküste, die laut Nawalny mit Korruptionsgeldern als inoffizielle Residenz für Putin gebaut wird. Das Team des Oppositionellen hatte ein virtuell begehbares Modell des Anwesens erstellt, die Bilder frei verfügbar auf eine Internetseite gestellt. Und so posiert manch russischer TikToker nun an der Poledance-Stange in der Bar der angeblichen Putin-Residenz.

Aber es gibt auch viele ernsthafte Beiträge: Aufrufe auf die Straße zu gehen, gegen die nach Einschätzung von Juristen gesetzeswidrige Inhaftierung Nawalnys zu protestieren; Aufrufe, nicht weiter zu schweigen, keine Angst zu haben. Eine Botschaft, die Nawalny nach seiner Rückkehr nach Russland immer wieder wiederholt hatte.

Für besondere Aufmerksamkeit sorgen Videos , in denen Schüler Bilder von Wladimir Putin entfernen, die in Russland in den Klassenzimmern und Schulgebäuden hängen. Einige ersetzten sie sogar durch Fotos von Nawalny, wie diese Schülerin:

Ihren Beitrag unterlegte die Schülerin wie so viele TikToker mit dem Song »Labyrinth« des populären Rappers Face, in dem es heißt: »Gegen die politische Führung zu sein – bedeutet nicht, gegen das Vaterland zu sein.« Face hatte immer wieder Korruption und soziale Probleme im Land kritisiert.

Ort der politischen Auseinandersetzung

Lange galt TikTok auch in Russland vor allem als Spaß-App, nun ist sie innerhalb weniger Tage zum Ort der politischen Auseinandersetzung geworden.

Es wird um Einfluss und Aufrufzahlen gerungen – für den Kreml sieht es dabei weniger gut aus. Der Hashtag #GegenNawalny verbucht gerade einmal rund 43 Millionen Aufrufe, #WladimirPutin 180 Millionen Views.

Zuletzt tauchten vermehrt Posts kremlfreundlicher Blogger auf, die teilweise mit fast identischem Wording Nawalny kritisierten. In sozialen Medien kursierten Meldungen, dass 150.000 Rubel, umgerechnet 1600 Euro, für negative Videos über Nawalny gezahlt würden. Eine Bloggerin bestätigte dieses Angebot dem unabhängigen Internetportal Meduza.

Die Frage ist nun, wie viele der User wirklich auf die Straße gehen werden. Für Nawalny und seine Mitstreiter, die auf TikTok weniger präsent und aktiv sind als in den anderen sozialen Medien, sind allein schon die millionenfachen Aufrufe ein Erfolg. Auf der Videoplattform sind vor allem junge Russen aktiv, eine wichtige Zielgruppe des Oppositionellen. Mehr als 30 Prozent der Nutzer der Videoplattform in Russland sind laut BBC  unter 24 Jahre alt, jeder vierte TikTok-Nutzer gehört zur Altersgruppe zwischen 25 bis 35 Jahren.

Der Moskauer Gleb, 26 Jahre, ist einer von rund 20 Millionen Russen, die TikTok nutzen. Er will am Samstag an den Protesten teilnehmen. Er sei kein Unterstützer von Nawalny, sagte er dem SPIEGEL, aber es sei der Punkt erreicht, an dem man Position beziehen müsse. »Wenn die Leute weiter schweigen, wird es in Russland noch schlimmer werden.«

TikTok werde vor allem von Trends getrieben, sagt Gleb, auch er versuche, sie für seine zuletzt politischen Posts zu nutzen. Doch nicht immer ist klar, was hinter den Videos wirklich steckt. So sagte ein anderer junger Mann, der sich in Polizeiuniform vor der Kamera präsentiert und die Abzeichen daran als Zeichen des angeblichen Protests entfernt hatte, er sei gar kein Polizist. Er filme eben das, was im Trend liege. In Belarus, wo die Menschen seit Monaten demonstrieren, waren ähnliche Videos tausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt worden.

Behörden drohen mit Strafen

Das russische Regime hat inzwischen den Druck insbesondere auf junge Russen verstärkt. Nach Medienberichten bekamen Schüler Besuch von Beamten. Eltern könnten zur Rechenschaft gezogen werden, wenn ihre Kinder zu Protesten gingen, teilten Behörden mit. Hochschulen drohten damit, Studierende wegen der Teilnahme an den Kundgebungen zu exmatrikulieren.

Die Netzaufsichtsbehörde Roskomnadzor forderte TikTok und andere sozialen Netzwerke auf, »Informationen zu entfernen, die Minderjährige zu rechtswidrigen Handlungen verlocken«. Es drohen Geldstrafen bis vier Millionen Rubel, etwa 44.000 Euro. Das russische Facebook, VKontakte, löschte daraufhin Seiten mit Informationen zu den Protesten in den unterschiedlichen Städten des Landes.

Ob TikTok nun Clips technisch ausbremst oder gar löscht , wie bereits in der Vergangenheit geschehen, ist unklar. Die Tochter des chinesischen Unternehmens ByteDance hatte in der Vergangenheit betont, mit den russischen Behörden zusammenarbeiten zu wollen. Im September hatten Forscher TikTok nachweisen können, dass es den russischsprachigen Hashtag #schwul  – anders als Instagram und Facebook – weltweit versteckte.

TikTok reagierte am Freitag nicht auf Anfragen. Die Netzaufsichtsbehörde erklärte, das Unternehmen habe Videoposts gelöscht, allerdings würden immer noch neue veröffentlicht.

Der Informationsfluss könne ohnehin kaum eingegrenzt werden, sagt Artjom Kozljuk, Leiter der unabhängigen NGO Roskomswoboda, »er hat einfach schon zu viele Menschen erfasst«. Die russischen Behörden seien an allen Fronten mindestens einen Schritt im Rückstand – so auch bei TikTok.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev, Markus Böhm
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.