Russischer Botschafter zum Fall Nawalny "Wir können Ultimaten und Drohungen mit Sanktionen nicht hinnehmen"

Russlands Botschafter in Deutschland warnt vor Schuldzuweisungen im Fall Alexej Nawalny - und spricht von fehlenden Beweisen. Der mutmaßliche Mordanschlag ist derweil auch Thema bei den Vereinten Nationen.
Russlands Botschafter Sergej Netschajew: "Die Bereitschaft zur Kooperation von der deutschen Seite fehlt uns momentan"

Russlands Botschafter Sergej Netschajew: "Die Bereitschaft zur Kooperation von der deutschen Seite fehlt uns momentan"

Foto: Christoph Soeder / dpa

Russlands Botschafter in Deutschland hat im Fall des vergifteten Kremlkritikers Alexej Nawalny vor Schuldzuweisungen gegen sein Land gewarnt. Es sei eine "antirussische Hysterie" entfacht worden, sagte Sergej Netschajew der "Berliner Zeitung". "Was wir überhaupt nicht hinnehmen können, ist die ultimative Feststellung, dass die russische Regierung etwas mit dem Fall zu tun hat. Wir können Ultimaten und Drohungen mit Sanktionen nicht hinnehmen." Netschajew forderte die deutschen Behörden auf, russischen Fahndern Beweise vorzulegen, damit diese offiziell Ermittlungen einleiten könnten.

Bisher gibt es lediglich Vorermittlungen in Russland. Die Bundesregierung hat Russland aufgefordert, den Fall aufzuklären. Der 44-jährige Nawalny soll Ziel eines Mordanschlags mit einem laut Chemiewaffenverbot geächteten Nervengift der Nowitschok-Gruppe gewesen sein. Drei Speziallabore - eines der Bundeswehr sowie zwei weitere in Frankreich und Schweden - bestätigten die Kampfstofffunde.

Der mutmaßliche Mordanschlag ist auch Thema bei der Generaldebatte der Vereinten Nationen. Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron forderte Aufklärung. Alles müsse ans Licht gebracht werden, sagte Macron am Dienstag bei einer vorab aufgenommenen Video-Botschaft, die auf Bildschirmen in den Sitzungssaal der Uno-Vollversammlung übertragen wurde. "Dieser Klärungsprozess muss schnell und ohne Mängel passieren." Macron warnte, die "roten Linien" Frankreichs dürften nicht überschritten werden.

Botschafter kritisiert mangelnde Kooperation

Der russische Botschafter Netschajew kritisierte derweil, dass Russland weder Biomaterial von Nawalny noch Beweise für eine Vergiftung übergeben würden. Nawalnys Team hatte erklärt, dass der russische Staat verantwortlich für das Verbrechen sei und kein Interesse an einer Aufklärung habe.

"Wir nehmen den Fall absolut ernst", sagte Netschajew. Allerdings sei die Zusammenarbeit mit Deutschland nicht einfach. Antworten auf russische Rechtshilfeersuchen würden verzögert. Ein Vorschlag der russischen Ärztekammer zur Zusammenarbeit mit deutschen Kollegen sei abgelehnt worden. Und auch ein Gesuch, Nawalny als russischen Staatsbürger konsularisch zu betreuen, sei bisher nicht beantwortet worden, sagte Netschajew.

"Die Bereitschaft zur Kooperation von der deutschen Seite fehlt uns momentan." Netschajew sagte, dass es viele offene Fragen gebe - etwa die, warum das Gift zwar Nawalny, aber keinen anderen aus seinem Team, beim Hotelpersonal oder in Krankenhäusern getroffen habe solle. Russland hoffe daher auf die Zusammenarbeit der Strafverfolger beider Staaten. "Dazu brauchen wir die Unterstützung Deutschlands, denn ohne konkrete Beweise, von denen viel gesprochen, aber wenig gezeigt wird, können wir momentan nicht viel anfangen."

Mit Blick auf Vorwürfe, die russische Führung habe Nawalny vergiften lassen, meinte Netschajew, dass russische Ärzte ihn zuerst versorgt hätten und Moskau letztlich den Weg nach Berlin freigemacht habe. In Berlin wird Nawalny seit 22. August in der Charité behandelt. Der Kremlgegner ist nach eigenen Angaben auf dem Weg der Genesung.

ptz/dpa
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