Womöglich vergifteter Kremlkritiker Nawalny Verdächtiges Taktieren in Omsk

Eineinhalb Tage musste Alexej Nawalnys Familie dafür kämpfen, dass der Schwerkranke nach Deutschland ausgeflogen werden durfte. Haben die russischen Behörden etwas zu verbergen?
Von Christina Hebel, Moskau
Demonstrantin mit Plakat in Sankt Petersburg: "Gift ist die Waffe einer Frau, eines Feiglings und eines Eunuchen!"

Demonstrantin mit Plakat in Sankt Petersburg: "Gift ist die Waffe einer Frau, eines Feiglings und eines Eunuchen!"

Foto: Elena Ignatyeva / AP

In ihrer Verzweiflung schrieb Julia Nawalnaja sogar jenem Mann, den ihr Ehemann seit schon so vielen Jahren harsch kritisiert. "Ich wende mich offiziell an sie", heißt es in ihrem Brief an Präsident Wladimir Putin, "mit der Forderung nach einer Genehmigung, Alexej Nawalny den Transport in die Bundesrepublik Deutschland zu erlauben". Nawalny brauche "qualifizierte medizinische Hilfe" in Deutschland. Sie stehe bereit.

Eine Maschine aus Deutschland mit Ärzten an Bord war am Freitag im sibirischen Omsk gelandet, um Russlands bekanntesten Oppositionspolitiker nach Berlin in die Charité zu holen. Dort im Notfallkrankenhaus Nr. 1 lag Nawalny im Koma. Doch es mussten fast zwölf weitere Stunden vergehen, bis die Ärzte der Klinik und die Behörden ihren Widerstand aufgaben, den Oppositionellen ausfliegen zu lassen. Am frühen Samstagmorgen durfte das Flugzeug mit Nawalny schließlich Sibirien verlassen und ist nun auf dem Weg Richtung Berlin. Mit an Bord ist auch seine Frau.

Julia Nawalnaja (r.) und Iwan Schdanow vor der Klinik in Omsk

Julia Nawalnaja (r.) und Iwan Schdanow vor der Klinik in Omsk

Foto: Evgeniy Sofiychuk / AP

Sie und seine Mitstreiter hoffen nun in Deutschland, endlich zu erfahren, was die Ursache für den Zusammenbruch des Oppositionellen ist. Sie glauben, dass er vergiftet wurde. Der 44-Jährige hatte an Bord eines Flugzeugs über starke Schmerzen geklagt, nachdem er zuvor vor Abflug nur einen schwarzen Tee getrunken hatte. Sein Zustand gilt als "ernst". Doch was das genau heißt, und vor allem warum der Kremlkritiker so plötzlich das Bewusstsein verlor, ist nach wie vor unklar.

Die Ärzte in Omsk jedenfalls trugen wenig dazu bei, zu erklären, warum es Nawalny auch am Freitag noch so schlecht geht. Mehr noch: Sie verwickelten sich in immer mehr Widersprüche. Dabei sind es nach russischem Gesetz die Mediziner, die maßgeblich entscheiden, was mit einem Patienten passiert. Angehörige haben kaum Möglichkeit Einfluss zu nehmen - und so blieb Nawalnys Frau Julia und seinen Mitstreitern nur das eine: Über all das, was in der Klinik vorging, auf Twitter und in Gesprächen mit Journalisten zu berichten, und so Druck zu machen.

Dabei drängte sich die Frage auf, worum es in Omsk eigentlich all die Stunden lang ging, in denen Nawalny weiter um sein Leben kämpfte. Waren die Ärzte angesichts der Lage, einen prominenten Kremlkritiker versorgen zu müssen, überfordert? Oder haben das Krankenhaus und die Behörden vielmehr etwas zu verbergen?

Sicherheitskräfte übernehmen

Bilder  und Videos  von Nawalny-Mitarbeitern und unabhängiger Journalisten vor Ort ließen erahnen, wer in der Klinik die Kontrolle übernommen hatte. Polizisten sowie Männer in schwarzen Anzügen und dunkler Kleidung, typisch für den Inlandsgeheimdienst FSB und das Ermittlungskomitee, einer dem Präsidenten unterstellten Ermittlungsbehörde, bestimmten, wer sich wo in der Klinik aufhalten und vor allem zu Nawalny durfte. Seine Ehefrau Julia wurde am Freitag lange nicht von den Medizinern vorgelassen, sogar von Sicherheitsbeamten zurückgedrängt. Dafür durften die eingeflogenen deutschen Ärzte den Oppositionspolitiker Nawalny besuchen. Doch als seine Mitarbeiter Iwan Schdanow und Kira Jarmysch versuchten, danach mit den Medizinern Kontakt aufzunehmen, wurden sie von dunkel gekleideten Männer sehr entschieden beiseite geschoben .

Das alles wirkte wenig menschlich. Zumal die Anwesenheit der deutschen Ärzte von russischer Seite dazu benutzt wurden, zu erklären, Nawalny werde weiter in Omsk behandelt, bis sich sein Zustand stabilisiert habe. Das habe ein Ärztegremium unter Beteiligung der Berliner Mediziner entschieden, behauptete Chefarzt Aleksandr Murachowskij zunächst.

Nawalnys Sprecherin Jarmysch widersprach, nachdem man selbst Kontakt zu den deutschen Medizinern herstellen konnte. Die Ärzte hielten einen Transport Nawalnys durchaus schon für machbar, die Ausrüstung ihres Flugzeugs erlaube es, ihn sicher nach Berlin zu bringen.

Alexej Namwalny

Alexej Namwalny

Foto: MLADEN ANTONOV / AFP

"Das ist die Hölle. Es ist, als würden wir Nawalnys Gefängnisausbruch organisieren und nicht eine Verlegung von Krankenhaus zu Krankenhaus", twitterte  Anhänger Georgij Alburow zwischenzeitlich. Familie, Freunde und Mitstreiter glauben inzwischen, dass die russischen Behörden so lange auf Zeit spielten, damit kein Giftstoff im Körper des Oppositionellen mehr nachgewiesen werden könne, was ohnehin oft sehr schwer ist bei solchen Anschlägen.

Nawalnys Anhänger wiesen zudem darauf hin, dass Murachowskij Mitglied der Kremlpartei Einiges Russland ist, damit also Teil des Machtsystems des Landes. Einiges Russland ist jene Partei, dessen Vertreter Nawalny immer wieder mit seinen Veröffentlichungen vorführt. Er zeigt in Videos ihre Anwesen und Besitztümer, macht so die Korruption im Land öffentlich. Seine Beiträge werden von Hunderttausenden, manchmal Millionen angeklickt. Chefarzt Murachowskij ist nicht nur einfaches Mitglied der Partei, sondern auch einer ihrer Vertreter im Stadtparlament, leitet dort als Vizechef auch den Sozialausschuss. Gab es also auch politischen Einfluss, den Transport des Kremlkritikers zu verzögern, wie Nawalnys Familie und Mitstreiter vermuten?

"Sehr seltsam und wirklich beängstigend"

Nachweisen lassen wird sich das wohl kaum. Was aber deutlich wurde, wie merkwürdig die Erklärungen der Ärzte wirkten. Und sie gaben einige ab:

  • Wiederholt nannten sie Nawalnys Zustand stabil, um dann aber wiederum zu erklären, der Patient sei nicht transportfähig.

  • Man gehe nach Tests davon aus, dass Nawalny nicht vergiftet worden sei, erklärte der stellvertretende Chefarzt Anatolij Kalinitschenko. Dabei hatte zuvor ein Polizist im Zimmer des Chefarztes Nawalnys-Mitarbeiter Schdanow mitgeteilt, ein angeblich gefährlicher Stoff sei im Körper des Oppositionellen gefunden worden. Deshalb könnte dieser nicht ausgeflogen werden, alle müssten zudem Schutzkleidung tragen, um ihn besuchen zu können. Welcher Stoff das sei, wollte der Beamte nicht sagen: "Ermittlungsgeheimnis".

  • Chefarzt Murachowskij sagte danach, es würden weitere Tests gemacht, die Ergebnisse in zwei Tagen vorliegen. Per Video verkündete  er zudem, dass Nawalny unter einer Stoffwechselstörung leide, Ursache sei ein niedriger Blutzuckerwert. Er sprach von einer "Arbeitsdiagnose".

Allenfalls seien das Symptome, keinesfalls eine wirkliche Diagnose, sagte der Moskauer Kardiologe Jaroslaw Aschichmim dem SPIEGEL."Das, was sich in der Klinik in Omsk abspielte, ist alles sehr seltsam und wirklich beängstigend." Er behandele Nawalny nun seit sieben Jahren, "er hat nie Zucker gehabt oder irgendwelche Vorerkrankungen, er war fit". Wieso sollte so ein gesunder Mann plötzlich so zusammenbrechen?

Zweiter russischer Vergiftungsfall

Aschichmim hatte sich ebenfalls für die Ausreise in ein EU-Land stark gemacht, mit Kliniken in Hannover, Essen und Straßburg bereits Kontakt aufgenommen. Dass Nawalny nun nach Berlin in die Charité gebracht werden soll, geht auf Pjotr Wersilow zurück. Das Mitglied der russischen Polit-Punkband Pussy Riot konnte 2018 plötzlich nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen und verlor wie Nawalny jetzt zwei Jahre später das Bewusstsein. Er wurde schließlich mithilfe der Organisation Cinema for Peace nach Berlin gebracht und behandelt. In der Charité erklärten die Mediziner damals, sie hielten eine Vergiftung Wersilows für sehr wahrscheinlich.

Leonid Wolkow, Wahlkampfmanager und Vertrauter von Nawalny, hofft nun, dass die Ärzte auch den Oppositionspolitiker retten können. Er ist bereits in Berlin, hatte mit Cinema for Peace den Flug organisiert. Die Möglichkeit, Nawalny in die deutsche Hauptstadt zu fliegen, sei die schnellste Variante gewesen, erzählte er dem SPIEGEL.

Die Omsker Ärzte jedenfalls legten sich nach all dem Hin und Her am Ende schließlich fest: Eine Vergiftung Nawalnys sei "definitiv" auszuschließen, erklärte der Vize-Chefarzt Kalinitschenko am Freitagabend. Der Patient zeige eine "positive Dynamik".

Mitarbeit: Marcel Rosenbach, Berlin; Alexander Chernyshev, Moskau
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