Nawalny-Vertrauter Wolkow "Auf einmal gaben die in den grauen Anzügen die Diagnose vor"

Eigentlich sollte Alexej Nawalny bereits in Berlin sein - doch die Lage in Omsk war lange unübersichtlich. Nawalnys Wahlkampfleiter Leonid Wolkow über die bangen Stunden vor der Entscheidung.
Ein Interview von Marcel Rosenbach
Oppositionspolitiker Leonid Wolkow, Alexej Nawalny (2017)

Oppositionspolitiker Leonid Wolkow, Alexej Nawalny (2017)

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Yegor Aleyev / TASS / imago images

Es ist einer der heißesten Tage des Jahres in Berlin, die Hitze flirrt. In einem Hotel am Hauptbahnhof sitzt Leonid Wolkow, der Wahlkampfmanager des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Der Kremlkritiker liegt seit einer Notlandung am Donnerstag im sibirischen Omsk im Krankenhaus, kämpft um sein Leben, möglicherweise wurde er vergiftet.

Wolkow ist seit 32 Stunden wach, ist selbst mit dem Auto von der litauischen Hauptstadt Vilnius nach Deutschland gefahren. Eigentlich sollte Nawalny, sein Chef und Vertrauter, bereits jetzt ein paar Hundert Meter von hier behandelt werden, in der Charité. Um 8.10 Uhr am Freitagmorgen war ein Privatflugzeug mit medizinischem Begleitteam in Omsk gelandet, um ihn zur weiteren Behandlung nach Deutschland zu bringen. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte Nawalny an diesem Nachmittag schon in Berlin landen können.

Doch die russischen Ärzte fanden immer neue Gründe, warum Nawalny nicht ausgeflogen werden könne - bis am Freitagabend die Nachricht kam, dass er nun nach Deutschland gebracht werden könne. "Wir haben die Genehmigung, ihn auszufliegen", sagte Jaka Bizilj von der Organisation "Cinema for Peace" am Freitagabend gegenüber dem SPIEGEL.

Über die bangen Stunden davor sprach der SPIEGEL am Freitagnachmittag mit Wolkow in Berlin.

Zur Person
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Alexander Zemlianichenko/ AP

Leonid Wolkow, Jahrgang 1980, ist ein oppositioneller russischer Politiker und Vertrauter des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny. Er leitete dessen Kampagne bei der Präsidentschaftswahl 2018.

SPIEGEL: Waren Sie schon in Deutschland, als Sie von Nawalnys kritischem Gesundheitszustand erfahren haben?

Wolkow: Nein, ich war in Vilnius, wo ich wohne. Meine Kollegen haben mich um sechs Uhr morgens angerufen, dass Alexej vergiftet worden sei und sein Flug in Omsk gelandet sei. Sie sagten, Alexej sei in einem kritischen Zustand. Dann fing mein Tag an, er dauert mittlerweile schon rund 32 Stunden, inklusive einer Fahrt mit dem Auto von Vilnius nach Berlin. Es gab keine Flüge mehr. Wir haben ein großes Team, und meine Aufgabe ist es, alle logistischen Sachen zu erledigen, die mit dem Transport und dem Klinikum zu tun haben.

SPIEGEL: Warum soll Nawalny ausgerechnet nach Berlin transportiert werden?

Wolkow: Es gab mehrere Möglichkeiten. Es gab auch ein Angebot aus Essen, eins vom Klinikum Hannover, eins aus Straßburg. Und eben von der Charité. Die haben wir aus zwei Gründen gewählt: Erstens, weil hier der Pussy-Riot-Aktivist Peter Verzilov vor zwei Jahren nach einer ähnlichen Vergiftung gerettet wurde.

SPIEGEL: Verzilov rief gestern Jaka Bizilj an, den Chef der Stiftung "Cinema for Peace", und bat darum, dasselbe für seinen Freund Nawalny zu ermöglichen. Die Stiftung organisierte den Flieger, der nun noch immer auf dem Flughafen Omsk auf den Passagier Nawalny wartet.

Wolkow: Und zweitens war die Möglichkeit, Alexej nach Berlin zu fliegen, am schnellsten. Die Ärzte aus Berlin waren die einzigen, die bereit waren, ihn ohne medizinische Dokumente zu transportieren. Die Ärzte in Omsk weigerten sich jedoch zunächst, diese eigentlich nötigen medizinische Dokumente auszustellen. Anfangs hatten sie sich sogar geweigert, Alexejs Ehefrau Julia irgendwelche Auskünfte zu geben. Sie sagten, es gebe keinen Beweis, dass sie seine Ehefrau sei. 

SPIEGEL: Was ist Ihrer Meinung nach bisher passiert - wurde Alexej Nawalny vergiftet?

Wolkow: Lassen Sie es mich so sagen: Es gab einen externen Faktor, der ihn sehr plötzlich in einen kritischen Zustand versetzte. Anfangs sagten die Ärzte eindeutig, es handele sich um eine Vergiftung. Sie haben alles unternommen, um seinen Zustand zu stabilisieren, haben ihn in ein künstliches Koma versetzt und ihn beatmet.

Auf einmal hatten dann aber nicht mehr diejenigen in den weißen Kitteln das Wort. Im Lauf der Nacht gaben auf einmal die in den grauen Anzügen die Diagnose vor. Die Ärzte weigerten sich dann, weiter zu kooperieren und irgendwelche Informationen herauszugeben. Und sie fingen an, ihre Version davon, was passiert sei, zu verändern. 

Sie gaben verschiedene absurde Erklärungen ab. Es ist vergleichbar mit den Vorgängen um den Absturz der Boeing MH17. Zuerst hatte Russland Hunderte verschiedene Erklärungen: alle möglichen, außer der offensichtlichen, alle möglichen, außer der korrekten. Genauso lief es auch jetzt. Auf einmal gab es Versionen, die besagten, Alexej sei in der Nacht zuvor betrunken gewesen.

SPIEGEL: Was geschah dann am Freitag?

Wolkow: Am Morgen wurde alles vorbereitet, um ihn zu transportieren. Die Ärzte bereiteten die nötigen Papiere vor. Sie können sich glücklich schätzen, dass die deutschen Ärzte ihn abholen und nach Deutschland bringen, und das alles nicht länger ihr Problem ist. Aber dann auf einmal hat es quasi "Klick" gemacht, und jegliche Kommunikation stoppte. Auf einmal sagten sie, er sei nicht transportfähig. Was dann begann, war eine Inszenierung, die nur dazu diente, dass niemand herausfinden könnte, was wirklich mit ihm los ist und was seine Gesundheit so geschädigt hat.

Wenige Stunden nach dem Gespräch kam die Nachricht, dass Nawalny nun nach Deutschland ausgeflogen werden dürfe. Zur Unterstützung aus Deutschland sagte Wolkow noch: "Wir sind für die Hilfe aus Deutschland sehr dankbar."

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