Interview mit Algeriens Energieminister »Könnten Sie morgen Gas nach Deutschland liefern, Herr Arkab?«

Bislang blickte Deutschland vor allem in die USA und nach Katar, um von russischem Gas unabhängiger zu werden. Doch auch Algerien verfügt über große Vorkommen. Energieminister Mohamed Arkab erklärt, was Deutschland für das Gas tun muss.
Ein Interview von Monika Bolliger
Von hier wird Gas über Pipelines bis nach Europa transportiert: Gasförderanlage von Hassi R'mel

Von hier wird Gas über Pipelines bis nach Europa transportiert: Gasförderanlage von Hassi R'mel

Foto: Youcef Krache / DER SPIEGEL

Während Europa sich nach neuen Gaslieferanten umsieht, um von Russland unabhängiger zu werden, rückt auch Algerien in den Fokus. Der Mittelmeerstaat verfügt über reiche Gasvorkommen, und liefert bereits nach Europa. Neben Anlagen zur Herstellung von verflüssigtem Gas (LNG) gibt es drei Pipelines, die das Land mit Europa verbinden: Eine Pipeline liefert Gas via Tunesien nach Italien, zwei Pipelines führen nach Spanien; eine Pipeline direkt, die andere via Marokko.

Allerdings ist die Marokko-Pipeline derzeit wegen einer diplomatischen Krise zwischen den beiden Rivalen Marokko und Algerien außer Betrieb, bei der es unter anderem um die umstrittene Westsahara geht. Algerien hat stattdessen die Lieferungen nach Spanien über die direkte Pipeline erhöht, deren Kapazitäten zuvor nicht voll ausgelastet waren.

Jetzt ist auch eine diplomatische Krise zwischen Algerien und Spanien eskaliert, nachdem Spanien unerwartet seine Haltung zum Westsahara-Konflikt geändert hat. Algerien, das in der von Marokko besetzten Westsahara eine Unabhängigkeitsbewegung unterstützt, hat jedoch versichert, dass die Gaslieferungen davon nicht betroffen seien.

Algerien ist traditionell ein wichtiger Gaslieferant für Europa, in erster Linie für Spanien und Italien, die vergangenes Jahr 14,3 beziehungsweise 23 Milliarden Kubikmeter aus Algerien bezogen haben. Mit Italien wurde eben eine Erhöhung der Lieferungen um ungefähr 40 Prozent bis 2023 beschlossen. Zugleich unterhält Algerien enge Beziehungen mit Russland, und Moskau dürfte die Entwicklung mit Skepsis beobachten.

Für Algerien ist eine weitere Erhöhung der Exportkapazitäten laut Experten nicht einfach: erstens steigt der lokale Energiekonsum; zweitens sind für zusätzliche Lieferungen große Investitionen notwendig, es müssen neue Felder erschlossen und neue Anlagen gebaut werden. In der Vergangenheit dauerte der Bau solcher Projekte in Algerien oft länger als geplant, und das Investitionsklima gilt wegen ausufernder Bürokratie als sehr schwierig. Energieminister Mohamed Arkab sagt, Europa müsse in Algerien zunächst investieren, um gemeinsam neue Gasfelder zu erschließen.

Seit 1961 wird hier Gas gefördert: Hassi R'mel in Südalgerien

Seit 1961 wird hier Gas gefördert: Hassi R'mel in Südalgerien

Foto: Youcef Krache / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Herr Arkab, freuen Sie sich über das neue europäische Interesse am algerischen Gas?

Mohammed Arkab: Unser traditioneller Markt für Erdgas war immer Europa. Der große Teil unserer Exporte geht via zwei Pipelines nach Spanien und Italien. Darüber hinaus liefern wir LNG. Wir haben ein Interesse daran, unser Geschäft mit Europa auszubauen und können die Erdgasproduktion in kurzer Zeit erheblich steigern. Etwa die Hälfte unserer Gasvorkommen sind noch nicht erschlossen.

SPIEGEL: Sie haben unlängst mit Italien zusätzliche Lieferungen vereinbart, ein Ausbau um 40 Prozent der bisherigen Menge. Könnten Sie morgen auch Gas an Deutschland verkaufen und liefern?

»Wenn Deutschland von uns Gas kaufen möchte, dann erschließt neue Vorkommen mit uns zusammen.«

Arkab: Wir sagen: Wenn Deutschland von uns Gas kaufen möchte, dann erschließt neue Vorkommen mit uns zusammen. Wie die Italiener mit dem Konzern ENI. Wir haben ein ehrgeiziges Programm zum Ausbau der Produktion im Öl- und Gassektor bis 2026, im Umfang von 39 Milliarden US-Dollar. Der staatliche Energiekonzern Sonatrach wird den Großteil aufbringen, für den Rest suchen wir Partner. Wir hoffen, dass die Europäer ihren Kurs nicht ändern und uns mit den Investitionen allein lassen werden. Lange hat Europa den Umweltschutz hochgehalten und nicht zwischen Öl und Gas unterschieden. Das hat dazu geführt, dass nicht investiert wurde.

SPIEGEL: Ausländische Firmen sind aber auch wegen ausufernder Bürokratie und unklaren Gesetzgebungen vor Investitionen zurückgeschreckt.

Arkab: 2020 trat ein neues Gesetz für die Öl- und Erdgasproduktion in Kraft. Darin haben wir internationale Standards für Vertragsabschlüsse, Produktionsaufteilung und Risikoverträge aufgenommen. Früher mussten Investoren über verschiedene staatliche Stellen gehen, und es war ein bisschen undurchsichtig. Jetzt haben sie einen klaren Ansprechpartner und vereinfachte Abläufe. Mit unserem italienischen Partner ENI haben wir die ersten Verträge im Rahmen dieses neuen Gesetzes unterzeichnet.

SPIEGEL: Es gibt auch eine Partnerschaft mit dem russischen Konzern Gazprom. Wie weit geht die Beteiligung von Gazprom an Projekten in Algerien?

»Wir können nicht die gesamte europäische Nachfrage bedienen, aber wir haben Kapazitäten, die noch ungenutzt sind.«

Arkab: Gazprom ist eines von vielen Unternehmen, die in Algerien investieren. Das Unternehmen ist momentan in keinerlei Produktion involviert, nur in Explorationsarbeiten.

SPIEGEL: Algerien unterhält schon lange enge Beziehungen zu Russland. Ist Moskau nicht unzufrieden darüber, dass Algerien seine Lieferungen für Europa ausbaut?

Arkab: Algerien ist der Freund von allen. Wir sind ein zuverlässiger und sicherer Lieferant. Es steht uns frei, mit europäischen Unternehmen Verträge abzuschließen, wenn es im Interesse beider Parteien ist. Natürlich können wir nicht die gesamte europäische Nachfrage bedienen, aber wir haben Kapazitäten, die überhaupt noch nicht genutzt sind. Wir wollen die europäischen Unternehmen einladen, in diese Produktion zu investieren.

Energieminister Arkab in seinem Arbeitszimmer in Algier

Energieminister Arkab in seinem Arbeitszimmer in Algier

Foto: Youcef Krache / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Algerien steht in politischem Streit mit Spanien und mit Marokko. Die Gaslieferungen für Marokko haben Sie nach Auslaufen des Vertrages nicht erneuert. Muss auch Spanien so etwas befürchten?

Arkab: Wir haben die Verträge mit Spanien verlängert, und es gab keine Probleme. Algerien hält seine vertraglichen Verpflichtungen ein und wird sie immer einhalten. Wir waren immer ein zuverlässiger Lieferant für Europa, selbst während in unserem Land Krieg herrschte.

SPIEGEL: Werden Sie die Gaspreise für Spanien erhöhen?

Arkab: Die Lieferverträge werden alle drei Jahre neu bewertet, sowohl in Bezug auf die Mengen als auch auf den Preis. Zuletzt haben wir mit Italien die Verträge erneuert und die Kapazität erhöht. Jetzt ist Spanien dran. Der globale Gaspreis orientiert sich am Ölpreis, und wenn der Ölpreis steigt wie jetzt, dann steigen auch die Gaspreise. Deshalb ist es naheliegend, dass man über eine Erhöhung diskutiert.

SPIEGEL: Wenn es gelingt, die Produktion signifikant zu steigern – auf welchen Transportrouten würde Gas nach Europa gelangen?

Arkab: Wir haben Kapazitäten für LGN-Exporte, daneben gibt es ein Projekt für eine zweite Pipeline nach Italien, das momentan auf Eis liegt. Warum sollten wir eine Pipeline bauen, wenn die Europäer ihr Gas in Russland kaufen? Das zweite Projekt, an dem wir gerade arbeiten, ist die Trans-Sahara-Pipeline über eine Länge von 4000 Kilometern von Nigeria über Niger nach Algerien. In Algerien ist bereits viel Infrastruktur geschaffen worden. Die Pipeline kann in drei Jahren fertiggestellt werden, und wir können 20 bis 30 Milliarden Kubikmeter Gas aus Nigeria transportieren.

SPIEGEL: Es gibt ein Konkurrenzprojekt für eine Pipeline von Nigeria via Marokko. Manche europäische Länder scheinen das zu bevorzugen – weil sie nicht allein von Algerien abhängig sein möchten?

Arkab: Unsere Pipeline ist sicherer, und sie ist wirtschaftlich tragfähig. Die andere Pipeline soll über 6000 Kilometer zwölf Länder durchqueren, und ein Teil würde durch den Atlantik verlaufen. Das ist unendlich viel komplizierter. Und die Finanzierung ist auch unklar. Algerien hingegen hat die Mittel und ist bereit, einen großen Teil der Transsahara-Pipeline zu finanzieren.

»Wir wollen die Einkünfte aus Gasverkäufen in die Energiewende investieren. Dafür brauchen wir Partner, am liebsten Deutschland.«

SPIEGEL: Algerien verfügt auch über die drittgrößten Schiefergasvorkommen weltweit, die man allerdings mit riskanten Methoden wie Fracking ausbeuten müsste. Werden Sie bald auch Schiefergas fördern, um die Produktion zu steigern?

Arkab: Für das Schiefergas sind wir erst in der Evaluationsphase. Vorerst arbeiten wir noch am konventionellen Gas, 50 Prozent unserer Vorkommen sind unberührt. Es gibt noch viele ungenutzte konventionelle Gasvorkommen in Westalgerien, bisher haben wir fast nur im Osten gearbeitet. Und wir haben offshore zwei große ungenutzte Felder.

SPIEGEL: Algerien hat auch eine Strategie für die Energiewende. Frühere Versuche, von fossilen Brennstoffen wegzukommen, kamen nicht vorwärts. Werden die steigenden Öl- und Gaspreise diesen Plan jetzt erneut verzögern?

Arkab: Wir werden nicht den Fehler machen, den wir vor zehn oder fünfzehn Jahren schon einmal begangen haben. Wir wollen die Einkünfte aus Gasverkäufen in die Energiewende investieren, das hat für uns Priorität. Doch für die neuesten Technologien brauchen wir Partner, am liebsten Deutschland. Wir haben die erste Photovoltaikanlage mit deutscher Beteiligung im Süden Algeriens gebaut. Und wir möchten gerne mit Deutschland an der Produktion von grünem Wasserstoff arbeiten. Wir können zu einem Partner bei regenerativen Energien werden. Algerien hat eine Sonneneinstrahlung von 3000 Stunden pro Jahr, und wir haben den Platz, der für Photovoltaik erforderlich ist. Mit unterseeischen Stromtrassen durchs Mittelmeer könnten wir Europa mit sauberer, erneuerbarer Energie versorgen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.