Zur Ausgabe
Artikel 26 / 70
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Familienalbum Völkerfreundschaft, 1970

Das bin ich, als junger Soldat, 22 Jahre alt. Ich war damals, als Ukrainer, Leutnant der sowjetischen Flugabwehr, seit etwa einem Jahr waren wir in der Tschechoslowakei stationiert.
Aufgezeichnet von Timofey Neshitov
aus DER SPIEGEL 9/2020

Pjotr Fjodorowitsch Taratuta, 71:

An jenem Tag fuhren wir zum Truppenübungsplatz in Kežmarok in der Nordslowakei. Zielscheiben sollten für uns von Flugzeugen abgeworfen oder über den Himmel gezogen werden. Wir fuhren mit zwei oder drei Lastkraftwagen hin, man sieht die Schnauze von einem davon im Bild: ein Sil-157, drei Achsen, Sechs-Zylinder-Maschine. Auf der Ladefläche standen an dem Tag keine Flugabwehrkanonen, aber für die Bevölkerung waren wir auch ohne die Kanonen ein Blickfang. Vor allem Kinder rannten auf uns zu, wo immer wir anhielten. Der Prager Frühling lag nur zwei Jahre zurück, aber die Menschen begegneten uns erstaunlich freundlich. Ich habe damals den Einsatz des Warschauer Pakts nicht hinterfragt und meinen eigenen Einsatz auch nicht, ich war jung und habe nur Befehle ausgeführt.

Als wir in einem Dorf nahe Vysoké Tatry Rast machten, kamen mehrere Kinder auf uns zu. Ein Mädchen fragte, ob wir ein Foto machen könnten; ein Kamerad drückte auf den Auslöser. Ich spreche Tschechisch, wir werden uns kurz unterhalten haben, aber ich weiß nicht mal mehr, wie das Mädchen hieß. Ihre Mutter gab uns Wasser. Mein eigener Sohn wurde in Prag geboren, im Jahr darauf. Noch ein Jahr später verließen wir das Land. Heute ist die Sowjetunion längst zerfallen, die ukrainische Armee auf den Hund gekommen, Russland hat uns die Krim weggenommen. Ich versuche, über Politik nicht nachzudenken. Ich sehe nicht einmal mehr fern.

‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns Ihre Geschichte erzählen möchten? Schreiben Sie an: familienalbum@spiegel.de 

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 70
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.