Altenpflege in Indien Der Generationenvertrag ist tot

120 Millionen Menschen in Indien sind älter als 60 Jahre. Traditionell kümmern sich die Jüngeren in der Familie um sie, doch die haben längst andere Pläne. Heime gibt es nur wenige – Glück hat, wer einen Platz ergattert.
Aus Mangalore berichten Martina Merten und Gayatri Ganju (Fotos)
Bett im St. Josephs Altenheim in Mangalore

Bett im St. Josephs Altenheim in Mangalore

Foto: Gayatri Ganju
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Dass Sanathan auf den Straßen Mangalores landen würde, lediglich mit einer Flasche Rum in seiner Hand, hätte der 63-Jährige, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, niemals gedacht. Er hatte einen Job, ein Haus, eine Familie.

Doch dann, im April 2021, mitten in einer der schlimmsten Phasen der Coronapandemie in Indien, zog innerhalb weniger Wochen seine Frau mitsamt den Möbeln aus, verlor er seine Arbeit, konnte er sich sein Zuhause nicht mehr leisten. Auch sein erwachsener Sohn, so erzählt der ehemalige Medizintechniker, habe nichts mehr von ihm wissen wollen.

Sanathan: »Alte Menschen sind wie Kinder – sie brauchen Fürsorge«

Sanathan: »Alte Menschen sind wie Kinder – sie brauchen Fürsorge«

Foto: Gayatri Ganju

Es war eine Zeit, in der die Menschen im zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt voller Angst waren, Angst vor Infektion, vor noch mehr Armut, vor Tod. Die ärztliche Versorgung der nicht an Covid Erkrankten war auf ein Minimum heruntergefahren, die soziale Nothilfe bestand vor allem aus Essensausgaben. Jeder war auf sich und seine unmittelbare Familie fokussiert, und wer in diesen Monaten ohne Familie war, zählte zu den Verlierern der Pandemie.

Sanathan, ein kleiner, drahtiger Mann mit grauem Schnauzbart und lachsfarbenem T-Shirt, kam mithilfe der Essensangebote der Regierung durch die Tage, die Nächte aber, sie waren hart. Die wenigen sogenannten Shelter Homes – Übernachtungsplätze der Regierung für Mittellose – liefen über.

Eines Tages, bei einer Essenausgabe der NGO White Doves, bemerkte ein Mitarbeiter Sanathans schwierige Situation und bot ihm einen Platz in einem Heim der Organisation an. Das White Doves Psychiatric and Destitute Home – eine Einrichtung für mehr als 130 mittellose, alte oder psychisch kranke Menschen in der südindischen Küstenstadt Mangalore – wurde Anfang der 1990er-Jahre von der Inderin Corrine Antoinette Rasquinha mithilfe von Spenden aufgebaut.

Sanathan erhielt im Schlafsaal mit dem blank geputzten Boden ein eigenes Bett, regelmäßige Mahlzeiten und schaffte es auch dank der Struktur an diesem Ort schnell, vom Alkohol wegzukommen. »Alte Menschen sind wie Kinder – sie brauchen Fürsorge«, sagt er.

Schlafsaal im White Doves Psychiatric and Destitute Home

Schlafsaal im White Doves Psychiatric and Destitute Home

Foto: Gayatri Ganju
Gründerin Corrine Antoinette Rasquinha: »Die indische Regierung hat versagt, sich während der Pandemie um all diese Menschen zu kümmern«

Gründerin Corrine Antoinette Rasquinha: »Die indische Regierung hat versagt, sich während der Pandemie um all diese Menschen zu kümmern«

Foto: Gayatri Ganju
Bett im St. Josephs Altenheim in Mangalore

Bett im St. Josephs Altenheim in Mangalore

Foto: Gayatri Ganju

»Die indische Regierung hat versagt, sich während der Pandemie um all diese Menschen zu kümmern«, sagt Betreiberin Corrine. Obwohl es zunehmend mehr Altersheime in Indien gibt, wird nur ein Bruchteil der alten Menschen dort untergebracht. Die meisten der rund 800 solcher Heime haben nicht mehr als hundert Plätze, viele sogar weniger – für schätzungsweise 120 Millionen Menschen über 60 Jahre im Land. Dabei ist der Bedarf an Betreuungseinrichtungen extrem gestiegen. Spätestens in der Coronapandemie sei klar geworden, wie überfordert viele Familien mit der Pflege ihrer Angehörigen sind, berichtet Ritu Rana, Gesundheitsexpertin bei HelpAge India.

Seit Jahrhunderten wurde Pflege in Indien als Familiensache angesehen. Auch weil sich Familie im Land traditionell als Institution versteht, die sozialen Rückhalt für alle ihre Mitglieder bietet. Söhne bleiben in der Regel bei den Eltern wohnen, auch nach ihrer Heirat. Töchter ziehen entsprechend in die Familie der Schwiegereltern. Werden die Älteren pflegebedürftig, so pflegen die Jüngeren sie.

Doch immer weniger Angehörige sind dazu bereit, sich um die alternden Eltern zu kümmern, wie aus der größten indischen Altersstudie des Internationalen Instituts für Bevölkerungsstudien (IIPS)  hervorgeht. Viele Kinder der Mittel- und Oberschicht verlassen zum Studium das Land – und kehren häufig nicht zurück. Die Alten bleiben allein zurück.

Hinzu kamen die Pandemie und der Geldmangel, den Lockdowns und monatelanger Arbeitsverlust über viele Familien brachten. Der Kampf ums tägliche Überleben ist für viele arme Inder so hart, dass ein alter oder kranker Mensch, der nicht mehr produktiv sein kann und zum Lebensunterhalt beiträgt, als Belastung empfunden wird.

Und das nicht nur finanziell: Aus Angst vor Ansteckung weigerten sich viele Pflegekräfte, die Patientinnen und Patienten während der Pandemie in deren Zuhause aufzusuchen. »Viele Angehörige waren mit der Pflege komplett überfordert«, berichtet Mohan Raj, Betreiber eines häuslichen Pflegedienstes mit Sitz in Mangalore, »wir bekamen täglich etliche Nachfragen nach Hilfskräften.«

Bewohnerin des St. Joseph Heimes in Mangalore

Bewohnerin des St. Joseph Heimes in Mangalore

Foto: Gayatri Ganju
Finanzielle Hilfen vom indischen Staat gibt es nicht – NGOs haben daher während der Pandemie ihre Unterstützung für ältere Menschen verstärkt

Finanzielle Hilfen vom indischen Staat gibt es nicht – NGOs haben daher während der Pandemie ihre Unterstützung für ältere Menschen verstärkt

Foto: Gayatri Ganju

Finanzielle Hilfen vom Staat gibt es nicht. So haben Hilfsorganisationen wie HelpAge India zu Beginn der zweiten, extrem heftigen Coronawelle in Indien Mitte 2021 ihre Unterstützung für ältere Menschen verstärkt. Etwa mit einer Hotline für alte Menschen mit psychischen Problemen, die sich während der Pandemie noch verstärkt haben oder neu ausgebrochen sind, berichtet Rana. Zudem riefen Mitarbeiter der Organisation direkt bei älteren Menschen an, um zu fragen, was genau ihnen im Haushalt fehlt. Auch der Einsatz von Telemedizin startete voriges Jahr – »doch viele alte Menschen fühlen sich damit noch immer nicht wohl«, berichtet Rana.

Die wenigen Plätze in den Heimen sind gefragt – manchmal werden sie jedoch auch nur für ein paar Wochen oder Monate benötigt. So hat Sanathan die Einrichtung in Mangalore inzwischen wieder verlassen. Immer noch nüchtern, möchte er versuchen, noch einmal von vorn anzufangen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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