Zum Inhalt springen

Justizopfer Amanda Knox »Die kalte berechnende Killerin gab es nie« 

Für viele ist Amanda Knox der »Engel mit den Eisaugen«, eine Mörderin. Dabei saß sie unschuldig im Gefängnis. SPIEGEL-Redakteurin Alexandra Rojkov hat sie besucht und beantwortet hier Fragen von Leserinnen und Lesern zu dem Fall.
Ein Video von Katharina Zingerle und Jonathan Miske (Animationen)

Das Video an dieser Stelle haben wir aus redaktionellen Gründen entfernt.

Als »Engel mit den Eisaugen« wurde sie zur traurigen Berühmtheit: Amanda Knox. Vor 15 Jahren nahm die Polizei sie und ihren damaligen Freund Raffaele Sollecito fest. Die Anklage lautete auf Mord. Vier Jahre lang saß Knox im Gefängnis, für eine Tat, die sie nicht begangen hatte. Doch trotz ihres Freispruchs verfolgt sie diese Zeit bis heute. SPIEGEL-Redakteurin Alexandra Rojkov hat die heute 34-Jährige besucht und ihre Geschichte aufgeschrieben. Wir haben auf Instagram unsere Nutzerinnen und Nutzer gefragt, was sie zu dem Fall wissen möchten. Das waren die häufigsten Fragen:

»Wie kam es zur fälschlichen Verhaftung?«

Alexandra Rojkov, DER SPIEGEL:
»Die Polizei von Perugia hat Amanda Knox und ihren Freund Raffaele Sollecito ist schon sehr früh des Mordes an Meredith Kercher verdächtigt, unter anderem angeblich, weil sie sich merkwürdig benommen hätten. Und die Ermittler stützen sich später aber auf mehrere zentrale Beweisstücke. Darunter war ein Messer, das aus der Küche von Raffaele Sollecito stammte und an dem die DNA des Opfers gefunden wurde. Unabhängige Gutachter haben das Messer aber später untersucht und festgestellt, dass es wahrscheinlich kontaminiert wurde. Die Polizei hat es einfach nicht ordnungsgemäß gelagert. Und es kam aber leider erst raus, nachdem Amanda Knox und ihr Freund drei Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen hatten.«

»Wie wurde ihre Unschuld letztlich bewiesen?«

Alexandra Rojkov, DER SPIEGEL:
»Amanda Knox und Raffaele Sollecito wurden 2015 von obersten italienischen Gericht freigesprochen, unter anderem, weil es überhaupt keine Beweise dafür gab, dass sie je am Tatort gewesen waren. Also es gab in dem Raum, in dem Meredith Kercher getötet wurde, keine Fingerabdrücke von Amanda Knox oder keine sonstige DNA. Und entsprechend übten die Richter harsche Kritik an der Polizei von Perugia, die schlampig gearbeitet hatte und an den Medien, die so einen Hype um Amanda Knox veranstaltet hatten, dass, so sagten es die Richter, es der Wahrheitsfindung nicht geholfen habe.«

»Was weiß man über den wahren Täter? Hat dieser gestanden?«

Alexandra Rojkov, DER SPIEGEL:
»Am Tatort wurden damals Spuren einer einzigen Person gefunden, nämlich von Rudi Guede, einem 20-jährigen jungen Mann, der direkt nach dem Mord nach Deutschland geflohen war. Er wurde dort festgenommen und in einem Schnellverfahren zu 30 Jahren Haft verurteilt. Rudi Guede streitet bis heute ab, etwas mit dem Mord zu tun gehabt zu haben. Aber alle Spuren deuten darauf hin, dass er der alleinige Täter war.«

»Wie erging es ihr in der Zeit nach der Inhaftierung?«

Alexandra Rojkov, DER SPIEGEL:
»Am Ende wurde nach ihrer Freilassung regelrecht von Paparazzi verfolgt und sie bekommt immer noch Todesdrohungen von Menschen, die glauben, sie sei eine Mörderin. Eine Zeit lang hat sie versucht, sich zu verstecken vor der Welt, aber die Reporter fanden sie trotzdem und die bösen E-Mails bekam sie auch weiterhin. Deswegen hat sie sich dafür entschieden, zumindest teilweise in der Öffentlichkeit weiterhin präsent zu sein. Und sie nutzt ihre traurige Berühmtheit heute vor allen Dingen, um anderen Menschen zu helfen. Sie macht sich nämlich in den USA stark für Leute, die genau wie sie unschuldig im Gefängnis saßen.«

»Wurde Amanda Knox wenigstens entschädigt?«

Alexandra Rojkov, DER SPIEGEL:
»Amanda Knox hat vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte etwa 20.000 Euro Entschädigung zugesprochen bekommen. Und sie lebt heute vor allen Dingen von ihrer journalistischen Arbeit. Sie schreibt Artikel, sie hat ein Buch verfasst und hat einen Podcast, ›Labyrinths‹, den sie zusammen mit ihrem Mann betreibt.«

»Wenn Sie nichts von Amanda Knox gewusst hätten, wie wäre Ihr erster Eindruck von ihr gewesen?«

Alexandra Rojkov, DER SPIEGEL:
»Ich habe für die Recherche mehrere Bücher über Amanda Knox gelesen und viele, viele Artikel, und sie wird immer als sehr kalt und distanziert beschrieben. Man nannte sie ja auch den »Engel mit den Eisaugen‹. Und deshalb habe ich auch damit gerechnet, eine sehr kalte und distanzierte Frau zu treffen. Und das Gegenteil war aber der Fall. Sie war ganz herzlich, sehr freundlich. Sie hat eine kleine Tochter, die sie mir sofort auf den Arm gedrückt hat. Und das zeigt noch einmal, wie wenig dieses Bild, das die Polizei und die Medien damals von ihr gezeichnet haben, der Wahrheit entspricht. Den ›Engel mit den Eisaugen‹, diese kalte, berechnende Killerin, die gab es einfach nie.«