Neue Megaprojekte im Amazonasgebiet »Ihr importiert unser Blut«

Bäume werden abgeholzt, Menschen mit Gewalt vertrieben: Indigene Gemeinschaften leiden am meisten unter der Ausbeutung des Amazonas. Alessandra Korap Munduruku kämpft dagegen – und muss deshalb ständig ihre SIM-Karte wechseln.
Ein Interview von Frank Steinhofer
Alessandra Korap Munduruku

Alessandra Korap Munduruku

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Thomaz Pedro / GfbV

Globale Gesellschaft

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Trotz Klimawandel und internationaler Kritik beutet die brasilianische Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro den Amazonas, den weltweit größten Regenwald, immer mehr aus. Schon jetzt werden für den Anbau von Soja und anderen Agrarprodukten massiv Wälder in Brasilien abgeholzt. Von 2019 auf 2020 hat sich die jährlich gerodete Fläche um 85 Prozent vergrößert, wie das staatliche Klimainstitut Inpe errechnet hat.

Eine neue Eisenbahnlinie und Wasserstraße sollen nun dazu dienen, Güter wie Soja und Rindfleisch aus dem Süden kostengünstiger und schneller zu den Häfen am Atlantik zu transportieren, von wo aus sie dann ins Ausland exportiert werden. Unabhängige Organisationen warnen vor erheblichen Umweltschäden, die Landrechte von indigenen Gemeinschaften drohen weiter verletzt zu werden.

Zur Person
Foto: Culturescapes / GfbV

Alessandra Korap Munduruku, geboren 1985, ist Anführerin aus der Gemeinschaft der Munduruku, die im Amazonasgebiet im brasilianischen Bundesstaat Pará lebt. Die Aktivistin kämpft seit vielen Jahren für den Erhalt des Regenwalds, Frauenrechte und die Anerkennung indigener Gemeinschaften. 2020 erhielt sie für ihren Einsatz den Robert F. Kennedy Human Rights Award.

Im Interview schildert die Aktivistin Alessandra Korap Munduruku von der existenziellen Bedrohung ihres Lebensraumes und wie die geplante Eisenbahnlinie »Ferrogrão« und das Tapajós-Wasserprojekt die Zerstörung des Regenwaldes weiter vorantreiben werden.

SPIEGEL: Die Munduruku leben seit Jahrhunderten im Amazonas-Regenwald. Was ist heute anders als noch vor zehn Jahren?

Alessandra Korap Munduruku: Die Amazonasregion ist heute krank. Quecksilber vergiftet unsere Flüsse, unsere Fische. Das liegt an den vielen illegalen Goldminen. In unserem Nachbardorf wurde eine Untersuchung des Instituts Fiocruz zur Schadstoffbelastung eingeleitet. Der Urin von Menschen, die dort Fisch essen, verfärbt sich schwarz. Die nationale Gesundheitsbehörde vermerkt unsere Fälle jedoch nicht. Auch nicht, dass wir an den Folgen des Schwermetalls sterben. Hinzukommt: Die Ausbeutung nimmt immer mehr zu.

SPIEGEL: Mit Abholzung lässt sich viel Geld verdienen.

Korap Munduruku: Ja, auf verschiedenen Wegen. Erst mit dem Holz und dann mit den gerodeten Flächen, die wiederum dem Anbau von Monokulturen dienen. Vor allem Soja und Mais werden angepflanzt und tonnenweise nach Europa und Asien verschifft. Dabei geht es nur ums Geld. Konzerne kaufen Land am Fluss Tapajós auf, an dem wir leben. Sie bauen ihre Silos an den Ufern, lagern dort Soja, um es in die Häfen zu verschiffen. Für den Transport braucht man viel Energie, neue Wasserkraftwerke. Die Wasserwege müssen für große Schiffe ausgebaut werden. Damit schafft man wiederum Anreize für den Bergbau. Wenn der Wasserweg ausgebaut und somit ein Gebiet besser erschlossen ist, fallen die Mineure ein. So entsteht ein Kreislauf des Todes für unsere Gemeinschaften und die Natur. Deshalb spitzen sich die Konflikte gerade zu.

Erschließung des brasilianischen Amazonasgebietes: Eine neue Eisenbahnlinie und der Ausbau eines Wasserwegs bedrohen indigene Territorien

Erschließung des brasilianischen Amazonasgebietes: Eine neue Eisenbahnlinie und der Ausbau eines Wasserwegs bedrohen indigene Territorien

Foto: GfbV Schweiz

SPIEGEL: Welche Konflikte meinen Sie?

Korap Munduruku: Das Tapajós-Wasserprojekt, eine geplante Wasserstraße mit sieben Dämmen und 29 Wasserkraftwerken, wird das Leben am Fluss Tapajós zerstören. Die Dämme werden die eine Seite austrocknen, die andere Seite fluten. Der Flusslauf soll verändert, das Naturreservat Jamanxim verkleinert werden. Ein Teil unserer Dörfer müsste also weg. Die Regierung spricht von Umsiedelung, meint aber Vertreibung. Es geht darum, uns die Anerkennung der Territorien, die unter dem Schutz der Verfassung stehen, streitig zu machen. Und wenn wir versuchen, unser Land zu verteidigen, werden wir angegriffen. Es gab bereits Brandanschläge. Unsere Dörfer werden niedergebrannt. Jeder Ort, der Widerstand leistet, wird mit brutalster Gewalt bestraft.

SPIEGEL: Ihre Lage hat sich unter dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro noch verschärft.

Korap Munduruku: Bolsonaro heizt den Kampf an. Er bringt Gesetzesinitiativen auf den Weg, die unsere Rechte beschneiden. Seine aggressive Rhetorik legitimiert es, uns zu bedrohen, uns zu vertreiben, uns zu töten. Alle Anführerinnen und Anführer, die sich wehren, werden bedroht. Ich wechsele ständig meine SIM-Karte, damit ich nicht über das Telefon lokalisiert werden kann. Sonst bekomme ich Nachrichten mit der Botschaft, dass man sich um mich kümmern wird. Bisher war keine Regierung gut für uns. Es ist aber kein spezifisches Bolsonaro-Problem, sondern ein Problem der Kolonialisierung. Wir kämpfen diesen Kampf seit mehr als 521 Jahren. Wir haben die Hoffnung, dass irgendwann jemand kommt, der uns versteht und von diesem Kurs abweicht.

Die geplante »Ferrogrão«-Eisenbahnlinie würde quer durch das Gebiet der Munduruku führen

Die geplante »Ferrogrão«-Eisenbahnlinie würde quer durch das Gebiet der Munduruku führen

Foto: Thomaz Pedro / GfbV

SPIEGEL: Die brasilianische Regierung ist seit 2003 nach nationalem Recht dazu verpflichtet, indigene Gemeinschaften in Entscheidungen einzubinden. Jedes Großprojekt verlangt ein freies, informiertes und vorheriges Einverständnis. Hat Sie jemand gefragt?

Korap Munduruku: Um die Eisenbahn zu bauen, muss zuerst eine Schneise durch den Regenwald geschlagen werden. Die Ferrogrão wäre rund 1000 km lang. Das würde die Gebiete von 53 verschiedenen Völkern betreffen. Sie müssten alle damit einverstanden sein. Aber sowohl das nationale Transportunternehmen ANTT, das mit der Planung betraut wurde, wie auch die Behörde FUNAI, die auf eine rechtmäßige Konsultation achten müsste, holen das Einverständnis nicht ein. Teilweise wird es auch so dargestellt, dass in manchen Gebieten noch nicht einmal indigene Gemeinschaften wohnten, als seien die Flächen Niemandsland, als existierten wir nicht. Auf dem Papier sieht immer alles schön und korrekt aus. Die Realität ist aber: Wir werden nicht konsultiert.

SPIEGEL: Die Deutsche Bank hat laut einem Bericht der »Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz« Kredite im Wert von rund 1,8 Milliarden Euro an den Agrarkonzern Cargill vergeben, welcher sich am Bau der Bahntrasse beteiligen will.

Korap Munduruku: Mit so viel Geld in der Tasche, ist alles ein leichtes Spiel. Es ist einfach, Land zu kaufen, das im Amazonas immer noch relativ günstig ist, weil man es vorher abholzen muss. Momentan werden alle Landstriche in Flussnähe aufgekauft. Wir wollen, dass Banken aufhören, solche Todesprojekte zu unterstützen. Dass sie in gute Projekte investieren, die das Leben schützen. Für Schulen und Solaranlagen können wir nicht auf die Hilfe der Banken zählen. Dafür haben Sie noch nie Geld ausgegeben.

Die geplanten Staudämme würden Teile des Lebensraums der Munduruku fluten

Die geplanten Staudämme würden Teile des Lebensraums der Munduruku fluten

Foto: Thomaz Pedro / GfbV

SPIEGEL: Deutschland hat in diesem Jahr die ILO-Konvention 169 unterzeichnet, die indigene Landrechte anerkennt. Gleichzeitig wurden 2020 noch rund 1,4 Millionen Tonnen Sojabohnen aus Brasilien nach Deutschland importiert – ein neuer Höchststand seit 2015.

Korap Munduruku: Das ist ein klarer Widerspruch! Man kann kein Soja anbauen, ohne gleichzeitig indigene Territorien zu belasten. Wenn ihr Dinge importiert wie Soja, Holz oder Gold, dann dürft ihr nicht vergessen, dass ihr unser Blut importiert. Denn diese Produkte werden gemacht mit unserem Leiden, mit unseren Körpern, mit unseren Kindern. Wenn ihr von Umweltschutz redet, dann redet ihr von uns, den indigenen Gemeinschaften. Wir sind vor Ort und verteidigen die Natur. Kämpft mit uns. Für unsere Natur und das Überleben auf unserem Planeten.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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