Regenwaldschutz mit Technologie Lauschangriff auf Ökoverbrecher

Es ist ein lukratives Geschäft in der Not: In der Coronakrise schreitet die Regenwald-Zerstörung dramatisch voran. Im Amazonas sollen Sound-Überwachungsanlagen dabei helfen, den Wald zu retten.
Technologie hilft dem Tembé-Stamm im Amazonasgebiet, Umweltverbrechen anzuprangern

Technologie hilft dem Tembé-Stamm im Amazonasgebiet, Umweltverbrechen anzuprangern

Foto: Rodrigo Abd / AP
Globale Gesellschaft

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Aus seinem Haus in San Francisco belauscht Topher White den Regenwald. Ohrenbetäubender Kettensägenlärm ertönt, als der 38-Jährige auf eine Sounddatei klickt. Ein von ihm entwickeltes System, das in einem Baum im Alto Rio Guamá-Reservat im brasilianischen Amazonasgebiet hängt, hat das Geräusch aufgenommen und in die Cloud gestreamt - ein Hinweis auf illegale Holzfäller.

Über die "Ranger App" von Whites NGO "Rainforest Connection" haben auch Bewohner des indigenen Tembé-Stammes im Reservat einen Livealarm erhalten: Sie können die Tonspur auf ihren Handys abspielen, den Standort sehen und entscheiden, ob sie dorthin gehen, um vor Ort zu prüfen, was gerade passiert. Auf einer digitalen Karte zeigen ihnen kleine Kettensägensymbole an, wo die Holzfäller sich ihren Weg durch den Wald gefräst haben.

Ein indigener Brasilianer patrouilliert durch das schwer einsehbare Gebiet im Bundesstaat Pará

Ein indigener Brasilianer patrouilliert durch das schwer einsehbare Gebiet im Bundesstaat Pará

Foto: Eraldo Peres / AP

"Meistens kann man im Regenwald nicht einmal fünf Meter weit sehen, aber der Klang reist durch den Wald", sagt White im Skype-Interview. Doch Signale, die auf illegale Holzfäller und andere Ökokriminelle hinweisen, wie Kettensägen, Geräusche von Lastwagen oder Schüsse, würden oft vom Grundrauschen des Waldes wie Tierlauten übertönt: "Sie sind in dieser Kakofonie versteckt und für Menschen schwer wahrzunehmen." Deshalb die "Ranger App".

Auf der ganzen Welt experimentieren Forscher und Organisationen mit Technologie, um den Raubbau an der Natur zu dokumentieren und zu bekämpfen. Drohnenbilder , aber auch Aufnahmen aus dem All offenbaren das Ausmaß von Bränden, Rodungen, Minenbau, Landwirtschaft, Siedlungen oder Straßen, die Wald zerstören - zu oft bleibt es bei der Dokumentation, weil Behörden wegsehen, machtlos sind oder sogar beteiligt.

Greenpeace-Aktivisten in Brasilien haben die Wege von illegalen Holz-Trucks mit GPS-Trackern  verfolgt und so zumindest Ermittlungen gegen Firmen angestoßen, Forscher versuchen, zukünftige Waldzerstörung  mit selbstlernenden Algorithmen zu berechnen - und Start-ups hoffen, Wälder mit Drohnen  und Künstlicher Intelligenz wieder aufzuforsten, indem sie Samen aus der Luft in die Erde katapultieren.

Zerstörung im Schatten der Pandemie

Doch die Coronakrise treibt die Vernichtung dramatisch voran. Die Umweltstiftung WWF warnte vor einem "Corona-Effekt", nachdem sie Satellitendaten der University of Maryland zu 18 Ländern in Afrika, Asien und Südamerika ausgewertet hatte - demnach sei die Rodungsgeschwindigkeit während des Lockdowns um durchschnittlich 150 Prozent  gestiegen.

"Umweltkriminalität nimmt gerade beträchtlich zu, vor allem illegale Abholzungen", beobachtet auch Vanda Felbab-Brown, Konfliktforscherin beim Washingtoner Thinktank Brookings. Kriminelle Gruppen würden derzeit weiter Wald vernichten - aber auch Konzerne, die auf Bestechung setzen oder Kriminelle für sich arbeiten lassen.

In Brasilien sind im ersten Quartal 2020 einer Satellitenbilder-Analyse des Nationalen Institutes für Weltraumforschung INPE zufolge 1200 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt worden - doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum.

Felbab-Brown kritisiert, dass Länder wie Brasilien und Indonesien den Umweltschutz in der Pandemie weiter lockern: "Regierungen weltweit suchen angesichts der Krise und verminderter Steuereinnahmen Wege, um schnell Geld zu machen", sagt sie.

Die Macht von Lobby-Industrien wie Landwirtschaft und Holzindustrie wachse, gleichzeitig müssten Schutzkräfte wie Ranger drastische Kürzungen hinnehmen - sodass sie anfälliger für Korruption werden oder wegsehen, weil sie unterlegen sind.

In der Krise seien auch mehr Menschen von den Städten aufs Land abgewandert, die in die Armut abgerutscht sind, sagt die Expertin. Für die Siedler sei die Ausbeutung von Ressourcen nun eine Option, Geld zu verdienen; ebenso wie für Ökotourismus-Gemeinden, denen das Geschäft weggebrochen ist.

Der Regenwald ist für viele ein Geschäft, in der Pandemie nimmt der Kahlschlag zu

Der Regenwald ist für viele ein Geschäft, in der Pandemie nimmt der Kahlschlag zu

Foto: Leo Correa / AP

"Guardian"-Systeme von Topher White hören mit, wie die Folgen der Pandemie die Wälder trifft: Weltweit mehr als hundert Detektoren aus ausrangierten Mobiltelefonen oder Mikrofonen, Solarzellen und Software schneiden unablässig Umgebungsgeräusche mit, die von Algorithmen auf verdächtige Muster ausgewertet werden. 80 weitere Sounddetektoren sollen in den kommenden Wochen in Ländern wie Malaysia, West-Sumatra oder Rumänien installiert werden.

Auf seinem Balkon in San Francisco testet und verbessert White einen Geräuschdetektor und versucht, die Extrembedingungen im Regenwald nachzuahmen - er blockiert etwa die Signale, leitet die Kabel des Systems durch Wassereimer.

Das 30-köpfige Team von "Rainforest Connection" verfeinert zudem die Algorithmen - bald soll das System auch erkennen, wenn Tiere auf die Anwesenheit von Menschen Aufschluss geben. "Wenn ein Mensch durch den Wald läuft, macht er vielleicht kein Geräusch, aber die Tiere werden sich über ihn unterhalten", erklärt White.

"Guardian"-Systeme werden weit oben in Baumwipfeln installiert - damit die Solarzellen Sonne haben

"Guardian"-Systeme werden weit oben in Baumwipfeln installiert - damit die Solarzellen Sonne haben

Foto: TAL ROBERTS / Rainforest Connection

Auch in das Alto Rio Guamá-Reservat der Tembé in Brasilien dringen illegale Holzfäller und Siedler immer weiter vor. Damit die Alarmmeldungen die indigenen Waldschützer per "Ranger App" auf dem Handy erreichen, mussten White und die Anwohner im vergangenen Jahr erst ein eigenes lokales Mobilfunknetz im Regenwald errichten.

Trifft ein Alarm ein, koordinieren sich die Patrouillen und diskutieren, wie sie vorgehen wollen. Können sie es wagen, vor Ort nachzusehen, was passiert und versuchen, einzuschreiten? Oder müssen sie warten, bis die Täter weg sind?

Mit digitalen Tools versuchen sie zu kalkulieren, wie viel Risiko von den Gegnern ausgeht. Eine Anwendung untersucht etwa Satellitendaten auf illegalen Straßen: Ziehen sich die Wege auf der digitalen Karte wie dicht vernetzte Arterien eng durch ein Waldstück, deutet das etwa auf organisierte Netzwerke hin. Auch, in welchem Abstand wie viele Sägegeräusche zu hören sind, kann Aufschluss über die Gruppengröße der Widersacher geben.

Die technischen Hilfsmittel helfen bei der Entscheidung - dann sind die Tembé auf sich gestellt. Die nächste Polizeistation ist rund acht Stunden entfernt.

Topher White und ein Waldschützer sehen sich Dateien in der "Ranger App" an

Topher White und ein Waldschützer sehen sich Dateien in der "Ranger App" an

Foto: Rainforest Connection

Meist können sie nur die Spuren der Zerstörung festhalten, weil die Gegner zu gefährlich sind. Mit der "Ranger App" sammeln sie Beweismaterial vor Ort wie Fotos oder Sprachnachrichten, die Dateien werden auf einer digitalen Plattform gebündelt, auf die auch Topher White in San Francisco Zugriff hat. Ein Mann redet etwa in einer Sprachaufnahme davon, dass er gerade ein illegales Holzfäller-Camp entdeckt hat.

Die Dokumente, die mit digitalen Zeitstempeln und Standortdaten versehen sind, können theoretisch später vor Polizei und Justiz als Beweise dienen - dazu kommt es im Fall der Tembé aber kaum. Immerhin fließen die Berichte mittlerweile in offizielle Beschwerden der brasilianischen Umweltbehörde Sema ein. In anderen Ländern wie Peru, in denen die NGO "Rainforest Connection" aktiv ist, hat der digitale Alarm zu vereinzelten Festnahmen geführt.

Tembé-Kinder toben in einem Baum - die Waldzerstörung bedroht ihre Zukunft

Tembé-Kinder toben in einem Baum - die Waldzerstörung bedroht ihre Zukunft

Foto: Ricardo Moraes/ REUTERS

Doch wie viel bringen die Tech-Tools, wenn Ökokriminelle und Konzerne dennoch einfach weiter Fakten schaffen? "Technologie kann effektiv bei der Verbrechensbekämpfung helfen, aber sie ersetzt nicht den Willen, zu handeln", sagt Brookings-Expertin Valbab-Brown.

Technische Lösungen müssten in sinnvolle staatliche Strategien eingebettet sein, Ermittlungsbehörden und Gesetze schlagkräftig sein. Zudem könnten Hilfsmittel wie Satellitenbilder zwar wichtige Informationen liefern, in Ländern wie Indonesien oder Brasilien dauere es aber oft zu lang, bis die Behörden reagieren und einschreiten. "Wenn die Ermittler kommen, sind die Holzfäller schon weg", so Valbab-Brown.

Ein junger Mann aus dem Tembé-Stamm hat einen Bagger besetzt

Ein junger Mann aus dem Tembé-Stamm hat einen Bagger besetzt

Foto: Rainforest Connection

Polizeieinsätze im Reservat der Tembé bräuchten White zufolge oft einige Monate Vorlaufzeit. Die Waldschützer greifen deswegen zur Selbstjustiz. Sie blockieren etwa Zufahrtswege, zerstören Geräte und setzen Lastwagen in Brand, damit die Eindringlinge pausieren oder abziehen müssen - zumindest für kurze Zeit.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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