Roland Nelles

Unruhen in den USA Amerikas Wut, Trumps Versagen

Roland Nelles
Ein Kommentar von Roland Nelles, Washington
Die Proteste in vielen US-Großstädten offenbaren die grundsätzlichen Probleme in der amerikanischen Gesellschaft - und den Unwillen des Präsidenten, sie zu lösen.
US-Präsident Donald Trump verspricht seinen Anhängern, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

US-Präsident Donald Trump verspricht seinen Anhängern, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

Foto: YURI GRIPAS/ REUTERS

Klar, Amerika ist immer leicht durchschaut. Das Land wird von einem irrlichternden Präsidenten regiert, die Polizei ist weiß und rassistisch, in den Städten bricht Chaos aus, wir sehen schrecklich Bilder, der Untergang ist nah.

Ist es wirklich wieder einmal so einfach? Wohl kaum. Der ganze Hass, die Wut, die sich derzeit auf Amerikas Straßen entlädt, hat weit tiefere, komplizierte Hintergründe - ebenso wie Donald Trumps geradezu groteske Reaktion darauf.

Der Protest ist das Symptom einer Krankheit, unter der Amerika schon lange leidet. Das Land hat zwei Gesichter. Es ist ein Powerhouse, eine wirtschaftliche, technologische und militärische Supermacht, die mit der Mission SpaceX gerade erst wieder eine Rakete ins All geschossen hat.

Zugleich ist da eine brutale Ungleichheit, eine soziale Spaltung, die man sich in Europa nur schwer vorstellen kann. Jetzt, in der Coronakrise, hat sie unvorstellbare Ausmaße angenommen. Während es den Milliardären und Teilen einer überwiegend weißen oberen Mittelklasse weiter gut geht, werden große Teile der Bevölkerung und ganze Landstriche immer mehr abgehängt.

Absurde Spaltung

Selten zuvor wurde die Spaltung auf so absurde Weise sichtbar: In den Vororten von New York, Washington und Chicago gehen die Wohlhabenden mit ihren 5000-Dollar-Hündchen in der Sonne entspannt Gassi, während in den Armenvierteln ganze Familien in langen Schlangen vor Suppenküchen für Essen anstehen.

40 Millionen Menschen sind offiziell arbeitslos gemeldet. Die Staatshilfen, die sie erhalten, laufen zum Teil bald aus. Viele andere haben sowieso gar nichts und bekommen auch nichts. Millionen von Amerikanern konnten sich angesichts hoher Lebenshaltungskosten schon vor der Krise als "Working Poor" nur mithilfe von Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Durch Corona sind sie endgültig zur Armut verdammt.

Hinzu kommen all die anderen Probleme, Rassismus ist eins davon, eine alte, tiefe Wunde. Aber da sind auch: Drogenmissbrauch, Bandenkriminalität, Gewalt in Familien, chronische Krankheiten, der Bildungsnotstand in den ärmeren Gebieten und die Waffengewalt.

Es hat sich viel Frust angestaut - und es gibt an vielen Orten eine wahnsinnige Wut auf die herrschenden Verhältnisse: bei den Schwarzen in Großstädten wie Minneapolis, bei den weißen Arbeitslosen im Mittleren Westen, bei den jungen "Gig-Arbeitern" in San Francisco oder New York. Das Beispiel George Floyd aus Minneapolis zeigt, dass ein Funke genügt, um dieses explosive Gemisch sprichwörtlich in Flammen zu setzen.

Trumps Kalkül

Donald Trump ist gewählt worden, weil er – vereinfacht gesagt - mit dem Versprechen angetreten ist, dass es wenigstens den Angehörigen der weißen Mittel- und Unterschicht besser gehen soll. Er sagte ihnen bei seiner Amtseinführung zu, sie aus diesem "Blutbad" ("Carnage") herauszuholen. Zugleich versprach er den weißen, privilegierten Reichen in ihren Vorortvillen in Florida und Texas, ihre Macht und ihr Geld zu sichern. Der Rest des Landes wurde mehr oder weniger ausgeblendet.

Donald Trump lebt davon, die unterschiedlichen Gruppen in Amerikas Gesellschaft gegeneinander auszuspielen. Es geht ihm nicht darum, das ganze Land besser zu machen, sondern nur einen Teil. Statt ein Präsident für alle Amerikaner zu sein, kümmert er sich allein um die überwiegend weiße Hälfte, die ihm die Wiederwahl sichern soll.

Dazu passt auch seine Reaktion in der akuten Krise: Er verspricht, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Wer demonstriert, wer gegen ihn ist, ist ein Chaot, ein Sozialist oder ein Krimineller. Er tut und sagt, was seine Unterstützer vermeintlich von ihm erwarten. Er nutzt ihre Angst vor dem Chaos, um sich als starker Mann zu präsentieren.

Trump ist als Versöhner ungeeignet. Und anders als seine Vorgänger im Amt, George W. Bush und Barack Obama, versucht Trump nicht einmal, die tieferliegenden, komplexen Probleme der Gesellschaft ernsthaft anzusprechen oder anzugehen. Dafür bräuchte es einen langen Atem, kluge Konzepte, Mitgefühl - und viel Geld. Das alles interessiert Trump nicht. Er setzt allein auf den schnellen wirtschaftlichen Aufschwung, ganz so, als würde sich damit alles lösen lassen.

Das ist Trumps wirkliches, sein größtes Versagen. Amerikas Wähler müssen im November entscheiden, ob sie das weiter ertragen wollen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.