Bekämpfung der Coronakrise »Die Welt hätte von Afrika lernen können«

Was Afrika in der Pandemie richtig macht – und warum Europa sein Bild vom Kontinent dringend korrigieren muss, sagt Aminata Touré, ehemalige Premierministerin des Senegal.
Ein Interview von Maria Stöhr
»Die Welt hätte von Afrika lernen können«, sagt die ehemalige Premierministerin Aminata Touré im SPIEGEL-Interview

»Die Welt hätte von Afrika lernen können«, sagt die ehemalige Premierministerin Aminata Touré im SPIEGEL-Interview

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Horacio Villalobos / Corbis / Getty Images

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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SPIEGEL: Frau Touré, Joe Biden wird der nächste Präsident der USA. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

Touré: Ich hoffe sehr, dass Joe Biden die USA wieder auf Spur bringt. Dass er zurückkehrt zu einer Politik, die sich auf Evidenz und Wissenschaft stützt und nicht auf Befindlichkeiten. Dass er das Ansehen Amerikas wiederherstellt und wir zurückkehren zu Dialog und internationaler Zusammenarbeit. Die USA sind eine große Nation, die aber unter Donald Trump völlig entgleiste.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Touré: Trump hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr er den Multilateralismus verachtet. Er hat – inmitten einer weltweiten Gesundheitskrise – die finanzielle Unterstützung für Organisationen in der Uno gestrichen, zum Beispiel für den Bevölkerungsfonds. Das hat direkte Folgen, etwa für die Gesundheit von Frauen in Afrika. Für sie ist es nun schwerer, an Verhütungsmittel zu kommen oder an medizinische Versorgung. Außerdem hat Trump die finanzielle Unterstützung für die Weltgesundheitsorganisation WHO gekürzt, anstatt mehr Geld in die Forschung oder die gemeinsame Entwicklung eines Impfstoffs zu investieren.

Aminata Touré
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Aminata Touré, geboren 1962, war von 2013 bis 2014 Premierministerin des Senegal. Sie war in verschiedenen Ämtern in den Vereinten Nationen aktiv und ist Mitglied im Club de Madrid. In der Vereinigung tauschen sich ehemalige Staatschefs darüber aus, wie sich gemeinsam globale Probleme lösen lassen.

SPIEGEL: Nicht nur die USA haben sich von der internationalen Zusammenarbeit abgewandt. Überall auf der Welt wurden in der Coronakrise Grenzen geschlossen, aus der Suche nach einem Impfstoff ist eine Art Wettkampf geworden.

Touré: Dabei ist das so widersinnig. Das Virus hält sich nicht an nationale Grenzen. Interessanterweise sind in dieser Krise die westlichen Staaten besonders verwundbar. Nicht etwa der afrikanische Kontinent. Zu Beginn der Krise wurden Wetten abgeschlossen, dass Covid-19 in Afrika Millionen Tote zur Folge haben würde. So ist es nie gekommen. Die Welt hätte von Afrika lernen können.

»Zu Beginn der Krise wurden Wetten abgeschlossen, dass Covid-19 in Afrika Millionen Tote zur Folge haben würde. So ist es nie gekommen.«

SPIEGEL: Was machen afrikanische Länder besser?

Touré: Die Regierungen haben Erfahrung mit Epidemien, zum Beispiel Ebola, und wie man sie in den Griff bekommt. Es wurden viele richtige und vorausschauende Entscheidungen getroffen. In Senegal etwa wurden früh die Grenzen geschlossen, früher als in vielen europäischen Staaten. Versammlungen wurden verboten, der öffentliche Nahverkehr runtergefahren. Moscheen wurden geschlossen. Das war hart für eine Bevölkerung, die zu 97 Prozent muslimisch ist.

SPIEGEL: Andererseits: In vielen afrikanischen Staaten wächst die Armut, Tagelöhner und Wanderarbeiter haben ihre Lebensgrundlagen verloren. Menschen gerade auf dem Land haben selten Zugang zu Covid-Tests oder einer Behandlung. Fachleute zweifeln an den offiziellen Corona-Zahlen.

Touré: Sicher, die Coronakrise hat den Druck auf schwache Gesundheitssysteme erhöht. Und auch auf die Wirtschaften: Gerade für junge Menschen in Afrika ist es viel schwerer geworden, einen Job zu finden. Diese Probleme müssen wir dringend angehen. Dennoch ist es Zeit für ein neues Selbstbewusstsein in Afrika. Die Regierungen sehen, dass sie in der Lage sind, ihre Probleme selbst zu meistern, dass sie unabhängig handeln können. Und das muss auch das Ziel einer internationalen Zusammenarbeit in der Zukunft sein: Dass sich Staaten gegenseitig darin unterstützen, jeweils auch eine eigene Expertise aufzubauen.

SPIEGEL: In Organisationen wie der Uno haben Staaten des globalen Südens wenig zu sagen, heißt es immer wieder.

Touré: Diese Kritik basiert auf einem gefährlichen Vorurteil, nämlich, dass der globale Norden reich und mächtig, der globale Süden arm und schwach sei. Das stimmt so nicht. Es gibt erfolgreiche Volkswirtschaften in Afrika, nehmen wir Nigeria oder Südafrika. Der afrikanische Kontinent emanzipiert sich, wird unabhängiger, was Forschung oder Medizin angeht.

SPIEGEL: Wo zum Beispiel?

Touré: Das beste Anzeichen ist die gestiegene Lebenserwartung, oder nehmen Sie die verringerte Sterblichkeit von Müttern und Kindern. Es entstehen neue Handelsbeziehungen: Der innerafrikanische Handel wächst. Die Mittelschicht wächst. Leider befassen sich internationale Medien wenig mit den Veränderungen Afrikas, sondern bleiben in Stereotypen vom armen gescheiterten Kontinent verhaften.

»Der Abstand zwischen Europa und Afrika ist kleiner geworden.«

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Touré: Die Art und Weise wie Europa auf Afrika blickt, hat mit der Realität nichts zu tun. Das Weltbild stammt aus dem Kolonialismus. Europa denkt immer noch, Afrika stecke in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrtausends fest. Dabei ist der Abstand zwischen den beiden Kontinenten kleiner geworden. Europa muss das anerkennen. Afrika ist der jüngste Kontinent der Welt – 200 Millionen junge Menschen leben hier. Aber gleichzeitig beschäftigt mich, wie diese jungen Menschen an Bildung und dann auch an Jobs kommen. Eine gemeinsame Währung in Westafrika und eine Handelszone könnten da Lösungen sein.

SPIEGEL: Wie betrifft die Klimakrise die Region Westafrika, wo Sie leben?

Touré: Oh, der Klimawandel trifft Westafrika direkt. In Senegal zum Beispiel gibt es 800 Kilometer Küste. Natürlich bereiten uns die steigenden Meeresspiegel Sorgen. Land wird überschwemmt. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, sie werden zu Vertriebenen in ihren eigenen Ländern. Die Sache ist nur: Diese Regionen, die von der Klimakrise am meisten betroffen sind, sind nicht verantwortlich für die Verschmutzung der Atmosphäre. Dafür sind die Staaten im Norden verantwortlich. Die wollen aber nicht für die Schäden aufkommen, die sie verursachen. Die Klimakrise ist deshalb ein weiteres Beispiel dafür, warum ich so froh bin, dass Joe Biden zum US-Präsident gewählt worden ist. Er wird dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten, das Trump aufkündigte.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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