Anschlag in Afghanistan Eine schwarze Stunde für Amerika – und für Joe Biden

Aus der Krise wird eine Katastrophe: Der Anschlag am Flughafen in Kabul mit mindestens 13 toten US-Soldaten sorgt in Amerika für Entsetzen. Schon fordern die ersten Republikaner den Rücktritt des Präsidenten.
Von Roland Nelles, Washington
US-Präsident Joe Biden: Schweigeminute für die Gefallenen

US-Präsident Joe Biden: Schweigeminute für die Gefallenen

Foto: JONATHAN ERNST / REUTERS

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Die Fahnen in der Hauptstadt Washington wehen auf halbmast, der Präsident beugt sich bei einer Schweigeminute im Gebet auf sein Pult. Der Anschlag auf den Flughafen in Kabul, bei dem mindestens 13 US-Soldaten getötet wurden, ist für Joe Biden die wohl schwerste Stunde in seiner bisherigen Amtszeit.

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Mit bebender Stimme verspricht der Präsident, die mutmaßlichen Drahtzieher des Anschlags, die Anführer der Terrorgruppe Isis-K, zu bestrafen. »Wir werden euch jagen, und wir werden euch dafür bezahlen lassen«, sagt Biden in East Room des Weißen Hauses in die Kameras. Die getöteten Soldaten nennt er »Helden«: In einer hochgefährlichen Mission hätten sie ihr Leben geopfert, um andere Menschenleben zu retten.

Der Präsident wirkt traurig und wütend, aber auch müde und angespannt. Der Anschlag in Kabul hat die seit Tagen herrschende Krise am Flughafen von Kabul in eine Katastrophe verwandelt. In 20 Jahren Krieg in Afghanistan haben die Amerikaner nur selten so viele Soldaten an einem einzigen Tag verloren.

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Biden setzen die Toten und das allgemeine Chaos bei diesem Abzug unter enormen Druck. Schon kurz nach dem Anschlag fordern die ersten Republikaner im Kongress Bidens Absetzung. Die Senatorin Marsha Blackburn, eine glühende Anhängerin von Ex-Präsident Donald Trump, verkündet, Joe Biden und alle anderen Verantwortlichen in der Regierung müssten entweder sofort zurücktreten oder ihrer Ämter enthoben werden.

Es sind schrille Töne an einem Tag der Trauer. In der Vor-Trump-Ära hätten sich Amerikas Politiker normalerweise nach einem vergleichbaren Ereignis wenigstens für einige Stunden solche parteipolitischen Kommentare verkniffen. Doch in Washington ist nichts mehr normal, schon gar nicht beim täglichen Grabenkampf zwischen Republikanern und Demokraten.

Bidens Patzer

Die Republikaner sehen in der Afghanistankrise ihre Chance, den Präsidenten anzuzählen. Sie stellen ihn als alten, überforderten Mann dar, der eigentlich lieber daheim im Schaukelstuhl sitzen sollte, als das mächtigste Land der Erde zu regieren.

Tatsächlich unterlaufen Biden immer wieder unnötige Patzer. Als er bei seinem Auftritt vor der Presse beginnt, eine Liste mit Fragestellern abzuarbeiten, die ihm sein Team zusammengestellt hat, kommt so ein Moment.

Etwas ungelenk formuliert Biden da, er sei »instruiert worden«, eine Reporterin von NBC für eine Frage dranzunehmen. Prompt löst das in den sozialen Medien wütende Reaktionen aus. »Ist das ein Witz? Wer hat denn hier wirklich das Sagen?«, fragt die republikanische Abgeordnete Claudia Tenney empört und fordert Bidens Impeachment , die Amtsenthebung. Donald Trump Junior, der Sohn des Ex-Präsidenten, zürnt: »So sieht Schwäche aus.«

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Den Abzug hält Biden für unausweichlich

Dabei will Biden nach dem Anschlag eigentlich Entschlossenheit demonstrieren. Immer wieder versucht er bei seinem kurzen Auftritt im Weißen Haus die Entscheidung zum Afghanistan-Abzug zu rechtfertigen. Für ihn sei klar, dass er das lange Engagement der USA in Afghanistan genau wegen solcher blutigen Anschläge beenden wolle, sagt Biden. Er fühle sich in seiner Meinung bestätigt. Bereits zuvor hatte Biden mehrfach erklärt, er wolle keine weiteren Eltern von getöteten amerikanischen Soldaten mehr anrufen müssen, um sie zu trösten.

Den Abzug nach 20 Jahren Krieg hält Biden für unausweichlich. Er sei nie der Ansicht gewesen, dass es sinnvoll sei, amerikanische Soldaten zu opfern, um in Afghanistan die Demokratie zu etablieren, so Biden. »Das Land war in seiner Geschichte nie geeint, es besteht aus vielen unterschiedlichen Stämmen, die nie miteinander ausgekommen sind.«

»Wir werden die Evakuierungen fortsetzen.«

US-Präsident Biden

Wie bereits zu Anfang der Woche kündigt Biden an, den Abzug der US-Truppen wie geplant am 31. August beenden zu wollen. »Das wird durchgezogen. Wir lassen uns nicht von Terroristen abschrecken«, sagt er. Und: »Wir werden unsere Mission nicht anhalten. Wir werden die Evakuierungen fortsetzen.«

Er schließe nicht aus, die Truppenstärke am Flughafen kurzzeitig noch einmal zu erhöhen, um so die Sicherheitslage zu verbessern, so der Präsident. Dies habe er den Kommandeuren vor Ort angeboten. Sie hätten jedoch bislang keinen zusätzlichen Truppenbedarf angemeldet. Sicher sei aber, so Biden, dass jeder weitere Angriff am Flughafen mit einer schnellen und harten Reaktion beantwortet werde.

Mehr Drohnenschläge gegen Terroristen?

Was der Präsident damit genau meint, ließ er offen. Bidens Ankündigungen deuten aber darauf hin, dass das US-Militär schon jetzt Vergeltungsschläge gegen die Anführer der Terrorgruppe Isis-K vorbereitet. Denkbar sind etwa Drohnen- oder Bombenangriffe auf Ausbildungslager und Kommandozentralen der Organisation. Ob die US-Geheimdienste allerdings wissen, wo sich die Terroristen wirklich aufhalten: unklar.

Eine ganz andere Frage ist derweil, ob Biden die vielen Pleiten und das Chaos bei der Evakuierung mittel- bis langfristig weiter schaden werden. Auch wenn viele Amerikaner nun über das Durcheinander und die Toten entsetzt sind, unterstützt doch eine große Mehrheit weiterhin im Grundsatz den Abzug. Der Präsident kann darauf hoffen, dass das Kapitel Afghanistan so in den nächsten Monaten mehr und mehr in Vergessenheit gerät.

In Washington wird derzeit immer wieder an den Abzug der USA aus dem Libanon in den Achtzigerjahren erinnert. Damals kamen 250 Marinesoldaten bei einem Terroranschlag in Beirut ums Leben. Der damalige Präsident Ronald Reagan entschied daraufhin, den US-Einsatz in dem Bürgerkriegsland sofort zu beenden. Seiner Popularität tat dies später keinen Abbruch.

Auf einen solchen Effekt hofft wohl auch Biden. Es könnte für ihn allerdings problematisch werden, wenn auch nach dem Abzug der US-Truppen vom Kabuler Flughafen zahlreiche amerikanische Staatsbürger in Kabul zurückbleiben sollten. Genaue Zahlen dazu kennt wohl niemand. Käme es zu Geiselnahmen oder Terroranschlägen auf diese Amerikaner, würde dafür mit Sicherheit erneut Biden verantwortlich gemacht.

Laut Biden arbeitet seine Regierung derzeit mit den Taliban an einer Lösung, um auch nach dem 31. August US-Bürger und frühere afghanische Mitarbeiter der Streitkräfte aus dem Land zu bringen. Dazu würden Gespräche mit den Taliban geführt, sagte Biden.

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