Proteste vor dem Weißen Haus "Unser Blut, unser Schweiß, unsere Tränen"

Die Nationalgarde ist abgezogen, die brennenden Autos sind gelöscht. Trotzdem demonstrieren immer noch viele Menschen in der US-Hauptstadt. Wie geht es nun weiter mit der Protestbewegung?
Aus Washington D.C. berichtet Daniel C. Schmidt
Straßenzug mit "Black Lives Matter"-Slogan in Washington

Straßenzug mit "Black Lives Matter"-Slogan in Washington

Foto: Tasos Katopodis/ Getty Images/ AFP

Es ist ein schwüler Abend in Washington, als ein halb nackter Mann vor die St. John's Episcopal Church nahe dem Weißen Haus tritt und trauert.

Malcolm sei sein Name, sagt der Mann, wie Malcolm X. Er sieht jugendlich aus, ist mindestens zwei Meter groß, mit breiten Schultern. Schweiß tropft ihm von der Stirn. Um seinen Hals und seine Brust windet sich eine lange, massive Eisenkette, silbern und mit einem Schloss verriegelt. So, sagt er zu einem Passanten und guckt dabei an seinem nackten, edelstahlbehangenen Oberkörper herunter, seien Weiße in diesem Land reich geworden, durch Ausbeutung und Unterdrückung.

Demonstranten in der Nähe des Weißen Hauses: Der Streit geht jetzt erst richtig los

Demonstranten in der Nähe des Weißen Hauses: Der Streit geht jetzt erst richtig los

Foto: JOSE LUIS MAGANA/ AFP

Auf der anderen Straßenseite, am provisorischen Sicherheitszaum am Park vorm Weißen Haus, verdichtet sich langsam das Gedränge. Gleich geht wieder ein Protestmarsch los. Fast alle tragen Maske, nur mit dem Mindestabstand nimmt man es nicht so genau. Hier geht es um größere Dinge als eine globale Pandemie: ein amerikanisches Erwachen im besten Fall, zumindest aber ein gesellschaftliches Aufrütteln.

Die Vereinigten Staaten, Sklaverei, Rassismus - es ist ein langes, schmerzvolles Kapitel, das vor allem im Alltag und institutionell unaufgearbeitet geblieben ist. George Floyd ist seit zwei Wochen tot, und eigentlich geht der Streit darüber gerade erst richtig los, warum sich jetzt wirklich etwas ändern muss.

"White America hält alles in der Hand"

Malcolm, der Mann mit der Eisenkette, marschiert an diesem Abend zum ersten Mal mit. Er ist hier, sagt er, weil es selbst heute noch beinah unmöglich sei für Schwarze in Amerika, auch nur das Notwendigste zu erlangen: ein vernünftiges Auskommen, um zu überleben. Die Chance auf ein bezahlbares Leben. Ist das wirklich zu viel verlangt?, fragt Malcolm.

"White America hält alles in der Hand. Die haben sogar ihre Gesichter auf die Dollarscheine gedruckt, um uns daran zu erinnern", sagt er und verschwindet in der Menge.

An der Querstraße, die sie entlanglaufen, sind seit ein paar Tagen sechzehn Buchstaben auf den Asphalt gepinselt, überdimensional und gelb leuchtend, die in ihrer wuchtigen Botschaft wie eine Polizeiramme auf das Weiße Haus zulaufen: BLACK LIVES MATTER.

Über den Schriftzug auf der 16th Street, der Straße, die direkt zu Trumps Haustür führt, rollen an diesem Abend Skateboards und Fahrräder, Kinder rennen umher, in der Ferne klingt Soulmusik aus Lautsprechern. Hier und da stehen kleine Gruppen, lachen, halten selbst gebastelte Plakate in der Hand. Der Starbucks-Laden an der Ecke hat die Fenster mit Sperrholzplatten verriegelt und auch ein Schild angebracht: "We're open!", wir haben geöffnet.

"I can't breathe"-Shirts für 20 Dollar

Auf den Bürgersteigen sind Stände aufgebaut. Das T-Shirt mit "I can't breathe"-Schriftzug kostet 20 Dollar. Food-Trucks verkaufen Vanille- und Schokoladeneis, Milchshakes, Sandwiches, Cheeseburger. Die Polizei hält sich zurück.

Vor ein paar Tagen noch sind hier Scheiben eingeschmissen worden. Autos brannten, Tränengas flog, Helikopter kreisten über den aufgebrachten Demonstranten. Der Secret Service brachte den Präsidenten in den Schutzraum unterm West Wing.

Jetzt, an diesem sonnigen Abend, wirkt die Zufahrt zum Weißen Haus wie eine Mischung aus Pilgerstätte und Spielstraße.

Um Antworten zu finden, wie es jetzt weitergehen kann mit der Protestbewegung, die vor Trumps Amtssitz etwas an Dringlichkeit verloren hat, muss man vielleicht woanders suchen.

Zwei Tage vor George Floyds Beerdigung steht Yejide Orunmila, 42, von der African People's Socialist Party, in einem kleinen Park, zehn Minuten vom Weißen Haus entfernt, bei einer Kundgebung vor einem jungen, bunt durchmischten Publikum. "Ihr braucht nicht in unsere Nachbarschaften kommen, um uns zu erzählen, dass Black Lives Matter", sagt sie auf der improvisierten Bühne ins Mikrofon. "Ihr müsst in die weißen Viertel gehen und euch mit euren Müttern und Vätern hinsetzen und darüber reden, was hier falsch läuft."

"Bessere Aufsicht über die Polizei"

Die Polizei nennt sie im Gespräch nach dem Auftritt the standing army in Amerikas schwarzen Vierteln, das stehende Heer, bewaffnet und allzeit bereit zum Einsatz. Wenn es nach ihr ginge, würde sich das System jetzt nicht ändern, sondern zerstört und durch ein besseres ersetzt: mit mehr Geld für Infrastruktur, Bildung, Gesundheitswesen und Wohnungsbau in Schwarzen Nachbarschaften.

Polizist bei einem Protestmarsch in New York

Polizist bei einem Protestmarsch in New York

Foto: IDRIS SOLOMON/ REUTERS

"Wir sollten nicht um kostenlose Schulen und Universitäten betteln müssen", sagt Orunmila. "Wenn wir offen reden, sollten wir noch nicht einmal Steuern zahlen müssen. Unser Blut, Schweiß und Tränen sind in den Aufbau dieses Landes geflossen."

"Es gibt auch gute Cops - dieser Satz bleibt irrelevant, wenn sich das System an sich nicht ändert", sagt Jennifer Blemur, 33. "Außerdem brauchen wir bessere Aufsicht und mehr Transparenz im Polizeiwesen." Sie steht als Rednerin auf der gleichen Bühne wie Yejide Orunmila. In ihrer Hand hält Blemur ein Pappschild mit einer simplen Botschaft: "VOTE PERIOD", geht wählen. Punkt.

"Defund the police" ist ein Slogan mit wenig Inhalt

Sie ist Vorsitzende der Jungen Demokraten in D.C., aufgewachsen in einer vorwiegend Schwarzen Nachbarschaft in Brooklyn. Da, sagt sie, sei ihr kaum Rassismus begegnet. Erst später, am College, sei ihr bewusst geworden, dass gewisse Türen für Afroamerikaner verschlossen sind.

Beim Krönungsparteitag wird sie diesen Sommer als Delegierte für Joe Biden als Präsidentschaftskandidat stimmen, und trotzdem sagt sie nach ihrer Rede, dass sie viele Menschen kenne, die von ihm als Kandidaten nicht begeistert seien. Er sei jemand, der die alteingesessene Seite der Partei verkörpere.

Um die Mitte der Partei nicht zu vergraulen, hat Biden sich, wie auch Donald Trump, bereits gegen den Slogan der Stunde, "Defund the police", ausgesprochen.

Noch sind diese drei Worte bloß eine Forderung mit wenig Inhalt. Was es praktisch bedeuten würde, wenn man Polizeibehörden ihr Budget entzieht, kommt auch auf den Ort und Zustand der jeweiligen Behörde an.

Trotzdem: Die Forderung sei ein erster Schritt in einer größeren Debatte, findet Yejide Orunmila. Aber eins, sagt sie, würden selbst geringere Budgets nicht ändern können: "Die rassistische Natur von Polizeigewalt."

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