Das neue Leben zurückgekehrter Arbeitsmigranten Wieder zu Hause – wo sich Dahal plötzlich fremder fühlt als in der Ferne

Zehn Millionen Arbeitsmigranten verloren zu Beginn der Pandemie ihre Jobs, viele kehrten in ihre Heimat zurück, mit leeren Händen. Wie geht es ihnen und ihren Familien jetzt, da die Geldtransfers weggebrochen sind?
Yuabraj Dahal, 43, hat 17 Jahre in Dubai gelebt und gearbeitet – und fast sein gesamtes Einkommen an seine Familie in Nepal geschickt. Nun ist er zurück in der Heimat und arbeitslos

Yuabraj Dahal, 43, hat 17 Jahre in Dubai gelebt und gearbeitet – und fast sein gesamtes Einkommen an seine Familie in Nepal geschickt. Nun ist er zurück in der Heimat und arbeitslos

Foto: Sagar Chhetri / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Laufen löst alle Sorgen, das hat Youbaraj Dahal von einem japanischen Paar in Dubai gelernt. Seitdem er zurück in Nepal ist, läuft er so viel wie nie. Vier- bis fünfmal die Woche streift er sich morgens um fünf Uhr die Schuhe über, die 15 Kilometer schafft er in knapp 70 Minuten. Sobald er lostrabt, lässt er die Gedanken frei drehen: Wo kommt als nächstes Geld her? Was, wenn wir den Kredit nicht bewilligt bekommen? Wie soll ich die Schule meines Sohnes bezahlen? Nicht immer findet er unterwegs Antworten, aber am Ende fühlt er sich wenigstens leichter.

Dahal, 43 Jahre alt, schwarze Käppi, blaues Adidas-Shirt, ist nachdenklicher geworden. 17 Jahre lebte er in Dubai, reinigte erst Hotelzimmer, checkte dann Gäste in ihre Zimmer ein. Es waren gute Jobs: Dahal traf Menschen aus aller Welt, als Eventmanager reiste er später selbst umher. Vor allem aber verdiente er genug, um seiner Familie im Osten Nepals Geld und seinen Sohn auf gute Schulen zu schicken.

Dahal mit seiner Schwägerin: »Alle sind losgezogen, um reich zu werden«

Dahal mit seiner Schwägerin: »Alle sind losgezogen, um reich zu werden«

Foto: Sagar Chhetri / DER SPIEGEL

Dieses Leben endete für ihn vor gut einem Jahr. Kurz nachdem die Pandemie die Welt lahmlegte, verlor Dahal seinen Job. Jetzt knetet er seine Hände vor einer kahlen, weißen Wand im Wohnzimmer seiner Mutter in Dharan, einer Kleinstadt neun Autostunden von Kathmandu entfernt, während er in die Handykamera spricht. Seine Antworten klingen bedacht, als müsste er sich selbst mit ihnen konfrontieren. Er sagt: »Um ehrlich zu sein: Ich bin pleite.«

Die Pandemie hat nicht nur Millionen von Menschen ihre Jobs gekostet. Sie hat auch eine Grundfaser der Globalisierung angerissen: den grenzüberschreitenden Handel mit Arbeitskraft. Nie zuvor suchten so viele Menschen gleichzeitig den Weg nach Hause wie im Frühjahr 2020 – aus Gastländern in die Pass-Heimat, aus Metropolen in Kleinstädte und Dörfer. In besonderem Maße davon betroffen waren Menschen wie Dahal: jene, die für Jobs und Perspektiven ihr Land verlassen hatten und nun gezwungen waren zurückzukehren.

Bereits im Juni 2020 warnte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vor einer »Krise in der Krise«: Zehn Millionen Arbeitsmigranten hätten infolge der Pandemie schätzungsweise ihre Jobs verloren, und zwar besonders jene, die ohnehin in prekären Verhältnissen gearbeitet hatten – als Erntehelfer in Spanien, auf dem Bau in Katar oder als Putzkraft in Saudi-Arabien. Und die nun in Länder zurückkehrten, die auch sonst mit zahlreichen Problemen kämpfen.

Arbeitsmigranten schicken häufig Geld an ihre Familien zu Hause, rund 800 Millionen Menschen in Herkunftsländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind auf die sogenannten Rücküberweisungen oder Remissen der insgesamt 164 Millionen Arbeitsmigrantinnen und -migranten weltweit angewiesen. In Summe sind die privaten Kleintransfers höher als die gesamte globale Entwicklungshilfe oder Auslandsinvestitionen.

In ihrer jüngsten Prognose rechnet die Weltbank mit einem Rückgang der Remissen um rund 14 Prozent. Das, warnten Ökonomen, könnte Familien zurück in die Armut stürzen, Kinder in Lohnarbeit zwingen und langjährige Fortschritte in Bildung und Gesundheit zunichtemachen.

Keine Nation in Südasien ist so abhängig von den Überweisungen der ausgewanderten Söhne und Töchter wie Nepal: Ein Viertel der Wirtschaftsleistung wird darüber generiert. Der Bergstaat zwischen Indien und Tibet liegt damit weltweit laut Schätzungen der Weltbank für 2020 an siebter Stelle – hinter Ländern wie Tonga, Haiti, dem Libanon.

»Alle sind losgezogen, um reich zu werden«, erinnert sich Youbaraj Dahal an seinen Aufbruch 2003. Damals war er 25, hatte seinen Bachelor in Betriebswirtschaft bestanden. Aber selbst mit guter Ausbildung sind die Löhne in Nepal niedrig, die Chancen rar. Sein Traum war es, nach Europa oder in die USA auszuwandern. Der Sprung in die Golfstaaten schien jedoch leichter. Sein Bruder war bereits in Abu Dhabi. Dahal folgte ihm.

Wie die Brüder suchen die meisten Nepalesen ihr Glück in den Golfstaaten, in Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait. Vermittlungsagenturen verdienen gut am Handel mit Arbeitskraft, für den die Suchenden oft Schulden aufnehmen. In den Gastländern werden viele ausgebeutet, dürfen ohne Erlaubnis vom Arbeitgeber den Job nicht wechseln oder das Land verlassen, auch wenn der Lohn ausbleibt. Reich wird hier niemand, aber: Egal wie mies der Job ist – wer es ins Ausland schafft, zu dem blicken die Daheimgebliebenen auf.

Youbaraj Dahal mit seiner Frau und seinem Sohn während ihrer Zeit in Dubai

Youbaraj Dahal mit seiner Frau und seinem Sohn während ihrer Zeit in Dubai

Foto: Youbaraj Dahal

Als Dahal die erste Toilette in einem Hotel in Dubai putzte, erzählt er, seien ihm die Tränen gekommen. Von einem Leben im Ausland hatte der Akademiker mehr erwartet. Mit der Zeit aber arbeitete er sich hoch, sein Englisch wurde besser. Nach drei Jahren wechselte er an den Empfang einer Luxushotelkette, managte bald ein kleines Team.

Die ersten Jahre lebten seine Frau und der Sohn mit ihm in Dubai. Den Jungen konnten sie zwar auf eine gute Schule schicken, aber zu Hause war er meistens allein, während die Eltern im Schichtbetrieb im Hotel schufteten.

Um sich besser um ihn kümmern zu können, kehrte Dahals Frau 2017 mit dem damals Achtjährigen zurück nach Nepal. Mit nur einem Job hätten sie sich das Leben in Dubai nicht leisten können. Dahal tauschte die gemeinsame Wohnung gegen ein Zimmer, das er sich mit zwei anderen teilte. Und schickte Geld nach Hause.

Dahal lebt derzeit bei seinem Bruder und hilft ihm auf dessen Farm

Dahal lebt derzeit bei seinem Bruder und hilft ihm auf dessen Farm

Foto: Sagar Chhetri / DER SPIEGEL

Allein verdiente er nun noch rund 1900 Euro im Monat, etwa 230 Euro brauchte er für Miete und Taschengeld, Essen bekam er meistens im Hotel. Gut die Hälfte des Geldes schickte Dahal an seine Eltern und Geschwister. Vom Rest zahlte seine Frau die Wohnung in Kathmandu und eine bessere Privatschule für den Sohn.

75 Prozent der privaten Remissen weltweit fließen laut Uno in den alltäglichen Bedarf. Familien kaufen damit Nahrung, bezahlen Arztrechnungen oder Schulgeld. Wo staatliche Sozialsysteme scheitern, schaffen die Remissen Ausgleich – auch in Krisen, auch während einer Pandemie.

»Regierungen haben die Bedeutung von Rücküberweisungen verstanden«, sagt die Ökonomin und Migrationsexpertin Deepali Fernandes von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) – und dementsprechend reagiert. Geldtransferanbieter blieben trotz Lockdowns geöffnet, Länder wie Pakistan oder Sri Lanka gewährten Steuernachlässe auf eingehende Summen, Regierungen lockerten Transferbedingungen.

Im besten Fall, so Fernandes, helfe die Pandemie die Zahlungen zu formalisieren und Transferkosten zu senken – etwa weil mehr Menschen notgedrungen auf digitale Anbieter wechseln und Regierungen diese fördern.

Was aber ist mit jenen, die gar nichts senden können – weil sie nun arbeitslos im Ausland festsitzen oder in die Heimat zurückgekehrt sind?

»Ich habe alles verloren«, sagt Dahal

»Ich habe alles verloren«, sagt Dahal

Foto: Sagar Chhetri / DER SPIEGEL

Eigentlich wollte Dahal in Dubai bleiben, bis sein Sohn die zehnte Klasse beendet hätte, also wenigstens bis 2025. Nun kann er nicht mal das Schulgeld bezahlen. Schon ein paar Monate nach seiner Rückkehr begann die Familie auf teure Lebensmittel wie Tomaten oder Zwiebeln zu verzichten, Bratöl wurde rationiert, Dahal versuchte, weniger zu essen.

Als die Schulen Ende Februar wieder öffneten, gingen seine Frau und der inzwischen elfjährige Sohn zurück nach Kathmandu, um das Schuljahr zu beenden; die Wohnung, das Essen und die Schulgebühren zahlt derzeit Dahals Bruder – mindestens 120 Euro im Monat. Durga Prasad Dahal arbeitete selbst 22 Jahre in den Golfstaaten, bevor er in Nepal die Hühnerfarm seines verstorbenen Vaters übernahm. Dahal gab ihm damals Starthilfe.

Dass er mit leeren Händen nach Hause zurückkehren musste, nagt an Dahal. »Ich habe alles verloren«, sagt er. Am Ende des Schuljahres wird er seinen Sohn in die öffentliche Schule in Dharan versetzen lassen. Ohne sein Einkommen müssen nun alle sparen.

Wie findet man sich wieder in die Gesellschaft ein, die man kaum noch kennt? Dahal hilft regelmäßig einem 100 Jahre alten Mann in der Nachbarschaft

Wie findet man sich wieder in die Gesellschaft ein, die man kaum noch kennt? Dahal hilft regelmäßig einem 100 Jahre alten Mann in der Nachbarschaft

Foto: Sagar Chhetri / DER SPIEGEL

Die Frage der Rückkehr und Reintegration war bisher eine Familienangelegenheit. Inzwischen hat sie an politischer Bedeutung gewonnen, sagt Yubraj Nepal. Der Mann, der so ähnlich heißt wie Dahal und seine Heimat im Nachnamen trägt, leitet das Center for Migration and International Relations (CMIR), eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte von Arbeitsmigranten und -migrantinnen einsetzt. »Wenn wir keine Perspektiven für Rückkehrer schaffen, haben wir ein Problem«, sagt Nepal.

77 Prozent gaben bei einer Umfrage der Uno-Sonderorganisation IFAD unter 652 Heimkehrenden in Nepal an, bleiben zu wollen. Einige werden sich die Vermittlungsgebühren kein zweites Mal leisten können, haben deswegen noch immer Schulden. Andere waren lange genug fort oder schätzen in Krisenzeiten das Gefühl von Heimat.

Nepals Regierung erklärte den Kampf gegen Arbeitslosigkeit bereits im Mai 2020 zur Priorität. Nationale Jobprogramme für junge Menschen wurden seitdem auf Rückkehrer ausgeweitet, Ausbildungsinitiativen und Kreditanreize für Heimgekehrte sollen 700.000 Jobs schaffen. Schwierig in Zeiten einer Pandemie.

Diesen Laden hatte Dahal nach seiner Rückkehr in seiner Heimat Dharan, Nepal, eröffnet. Kürzlich musste er ihn wieder verkaufen – er hatte keinen weiteren Kredit von der Bank bekommen

Diesen Laden hatte Dahal nach seiner Rückkehr in seiner Heimat Dharan, Nepal, eröffnet. Kürzlich musste er ihn wieder verkaufen – er hatte keinen weiteren Kredit von der Bank bekommen

Foto: Sagar Chhetri / DER SPIEGEL

Im Herbst lieh Dahal sich umgerechnet mehr als 700 Euro von der Nichte seiner Frau, mietete eine kleine Ladenfläche, um Kleider zu verkaufen: T-Shirts, Windjacken, kurze Hosen. Mit einem weiteren Kredit wollte er in das Sortiment investieren und über die Runden kommen, aber die Bank wies ihn ab. »Sie sagen, sie hätten schon zu viele Kredite vergeben. Ich verstehe es nicht. Vielleicht ist es auch Diskriminierung, vielleicht fehlen mir einfach die richtigen Kontakte?«, fragt sich Dahal.

Immerhin war er 17 Jahre kein aktiver Teil dieser Gesellschaft. Eine ganze Generation ist seitdem herangewachsen, die Dahal nicht kennt. Das ist die andere Seite der Rückkehr: nach Hause kommen und sich fremder fühlen als im Ausland. Die Regeln der Gesellschaft neu lernen müssen – auch den Nepotismus. In Nepal, sagt Dahal, kostet alles Geld. Wer nicht bestechen kann, bleibt arm. Wer arm ist, kann nicht bestechen. Er spricht zwar besser Englisch als die meisten im Ort, aber der Glanz des Geldverdieners ist abgeblättert. Sogar Verwandte würden ihn mit weniger Respekt behandeln.

Dafür hilft Dahal, wo er kann. Für einen Nachbarn ging er monatelang einkaufen, brachte dem alten Mann Medizin und Lebensmittel, bis dieser vor einigen Wochen verstarb. Und als der Vater eines Freundes ins Krankenhaus eingeliefert wurde, begleitete er ihn. Wer dazugehören will, muss sich einbringen, findet Dahal. Und fühlt sich manchmal trotzdem einsam.

Den Laden hat er im Februar wieder verkauft, an Ideen mangelt es ihm aber nicht. Mit Freunden versucht er sich jetzt als Grundstücks- und Immobilienmakler. Er könnte sich auch vorstellen, ein Restaurant zu eröffnen. Das Ausprobieren und Neuanfangen gehört längst zu seinen Kernkompetenzen.

Die Widerstandskraft und Kreativität der Rückkehrenden könnte am Ende allen zugutekommen. Herkunftsländer wie Indien oder Sri Lanka versuchen, aus dem Potenzial der Rückkehrenden zu schöpfen, indem sie deren Kompetenzen bei der Einreise systematischer erheben.

Laufen, damit sich die Sorgen mal leichter anfühlen: Vier- bis fünfmal die Woche streift sich Dahal morgens um fünf Uhr die Schuhe über, läuft 15 Kilometer in rund einer Stunde

Laufen, damit sich die Sorgen mal leichter anfühlen: Vier- bis fünfmal die Woche streift sich Dahal morgens um fünf Uhr die Schuhe über, läuft 15 Kilometer in rund einer Stunde

Foto: Sagar Chhetri / DER SPIEGEL

Ob die Rückkehrer wirklich bleiben, hängt letztlich von vielen Faktoren ab. Jobs entstehen nicht über Nacht, und der Traum von einem anderen, besseren Leben hat Menschen schon immer in die Ferne gezogen. Migration bleibt darüber hinaus ein wichtiger Entwicklungstreiber für alle Seiten – auch für die Gastländer, in denen die Bevölkerungszahlen zurückgehen und Arbeitskräfte fehlen.

Die Pandemie jedoch habe den Druck erhöht, die Bedingungen für Arbeitsmigration fairer zu gestalten, beobachtet Nilim Baruah vom Asien- und Pazifik-Büro der ILO. Seit überfüllte Sammelunterkünfte und enge Fabrikhallen weltweit zu Corona-Hotspots geworden waren, würden die Lebensbedingungen von Arbeitsmigrantinnen und -migranten auch in Südasien ernster genommen. »Länder wie Singapur, Malaysia oder Thailand haben verstanden, dass alle Menschen gesundheitlich versorgt werden müssen und unterscheiden bei Impfkampagnen nicht zwischen Migranten und Einheimischen.«

Youbaraj Dahal hätte noch ein paar Verbesserungsideen. Lohngleichheit beispielsweise, unabhängig vom Herkunftsland. Das aber sind für ihn Sorgen von gestern. Dahal will Zeit mit seiner Familie verbringen, wieder Teil einer Gemeinschaft sein. Seine Zeit im Ausland ist vorbei.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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