Argentiniens Wirtschaft in der Coronakrise In einem Land vor dem neunten Staatsbankrott

Argentinien steht im Kampf gegen das Virus besser da als viele seiner Nachbarstaaten. Dennoch droht ein wirtschaftlicher Kollaps. Ausgerechnet Corona könnte ein Umschuldungsabkommen nun jedoch begünstigen.
Eine Analyse von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Leben ohne Dach auf dem Kopf: In Argentinien folgt auf das Coronavirus eine Wirtschaftskrise

Leben ohne Dach auf dem Kopf: In Argentinien folgt auf das Coronavirus eine Wirtschaftskrise

Foto: EITAN ABRAMOVICH/ AFP

Der Corona-Schock ereilte Mariana Achaval, als ihr Restaurant gerade richtig gut lief. Sie hatte das Bistro "Alegra", das sie gemeinsam mit ihrer Partnerin in Buenos Aires' Szeneviertel Chacarita betreibt, erweitert und einen Sommelier sowie mehrere Kellner eingestellt. "Das Lokal ist mein Lebensprojekt", sagt die gelernte Köchin.

Dann machte das Coronavirus ihr das Geschäft kaputt. Am 20. März verhängte Präsident Alberto Fernández einige der strengsten Quarantänemaßnahmen Lateinamerikas:

  • Bis September sind sämtliche Flughäfen geschlossen.

  • Restaurants und Geschäfte mussten dichtmachen.

  • Die Einwohner der argentinischen Hauptstadt dürfen sich maximal 500 Meter von ihrem Wohnort entfernen.

"Wir wurden total überrumpelt", klagt Wirtin Achaval. "Von einem Tag auf den anderen waren wir ohne Einkommen". Wenigstens scheinen die harten Maßnahmen ihren Zweck zu erfüllen. Argentinien steht im Kampf gegen das Virus besser da als viele seiner Nachbarstaaten. Diesen Erfolg rechnen die Bürger vor allem dem Präsidenten an:

  • Während des Wahlkampfs hatten viele den ehemaligen Universitätsprofessor Fernández als Marionette von Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner verspottet, die jetzt das Amt der Vizepräsidentin bekleidet.

  • Doch der Peronist beweist sich bislang als Krisenmanager und Staatsmann; seine Zustimmungsraten liegen bei über 70 Prozent.

Ob das so bleibt, ist allerdings ungewiss. Denn Fernández muss nun eine der größten Wirtschaftkrisen der argentinischen Geschichte managen. Das Bruttoinlandsprodukt werde infolge der Coronakrise um 5,7 Prozent fallen, schätzt der Weltwährungsfonds. Besonders dramatisch sind die Folgen für die Gastronomie.

"Argentinien war schon im Februar zahlungsunfähig"

Ulrich Volz, Direktor des SOAS Centre for Sustainable Finance an der Universität London

Buenos Aires war immer berühmt für sein Nachtleben. Keine andere Stadt in Südamerika weist so viele Cafés und Restaurants pro Quadratkilometer auf. In vielen Lokalen kann man auch morgens um zwei noch ein Steak bestellen. Jetzt droht ihnen das Aus. Zehntausende Kellner, Köche und Restaurantbesitzer sind in Not.

Die Regierung ordnete zwar an, dass während der Coronakrise Festangestellte nicht entlassen werden dürfen. Der Staat zahlt ihnen einen Mindestlohn. "Aber das reicht nicht zum Überleben", klagt Wirtin Achaval. Gewerkschaften und Unternehmer fordern deshalb zusätzliche Hilfen für die Not leidende Wirtschaft. Doch die Staatskassen sind leer, und das nicht erst seit dem Ausbruch des Coronavirus. Denn neben der Pandemie hat das Land erneut mit einer Schuldenkrise zu kämpfen.

"Argentinien war schon im Februar zahlungsunfähig", sagt Professor Ulrich Volz, Direktor des SOAS Centre for Sustainable Finance an der Universität London. "Jetzt hat sich durch die Pandemie das wirtschaftliche Umfeld noch mal drastisch verschlechtert". Vor allem die Exporte sind eingebrochen. Gleichzeitig sind die Ausgaben für die Bewältigung der Coronakrise drastisch angestiegen. Volz sagt: "Der argentinische Staat hat keinen Spielraum, um die Schulden zurückzuzahlen".

Die Mittelschicht rutscht durch die Coronakrise ins Elend ab

Mehr als ein Drittel der Argentinier galt schon vor der Coronakrise als arm. Nun rutschen auch Angehörige der Mittelschicht ins Elend ab. Vor den Suppenküchen privater Hilfsorganisationen bilden sich jeden Morgen lange Schlangen. "Jetzt zu sagen, wir bedienen erst mal die Auslandsschuld, wäre politischer Sprengstoff", meint Volz.

Die Regierung schlug deshalb den privaten Gläubigern vor, Verbindlichkeiten in Höhe von 65 Milliarden Dollar umzustrukturieren:

  • Bis 2023 will das Land alle Schuldrückzahlungen einstellen.

  • Der durchschnittliche Zinssatz soll von sieben auf 2,3 Prozent gesenkt werden.

  • Gewerkschaften und Unternehmerverbände haben Präsident Fernández ihre Unterstützung versichert.

Stichtag für eine Einigung ist der 22. Mai. Wenn bis dahin keine Umschuldung gelingt, wird sich Argentinien für zahlungsunfähig erklären. Es wäre der neunte Staatsbankrott in der Geschichte.

Präsident Fernández: Der Universitätsprofessor ist in der Corona-Krise zum Staatsmann gereift

Präsident Fernández: Der Universitätsprofessor ist in der Corona-Krise zum Staatsmann gereift

Foto: Juan Ignacio Roncoroni/ EPA-EFE/ REX

Kein anderes Land ist so oft pleite gegangen. "Als Argentinien 2016 neue Anleihen ausgegeben hat, muss jedem Anleger das Risiko bewusst gewesen sein", sagt Finanzexperte Volz. Und fügt hinzu: "Die Kapitalmärkte sind vergesslich."

Viele Anleger ließen sich von dem liberalen Wirtschaftskurs des damals regierenden Konservativen Mauricio Macri blenden - zumal der Weltwährungsfond Argentinien einen neuen Milliardenkredit gewährt hatte. Volz meint: "Die Wachstumsprognosen waren viel zu optimistisch."

"Die Gläubiger sind mitverantwortlich"

Mit den Folgen muss sich nun Präsident Fernández rumschlagen. Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, muss er die Schuldenfrage lösen. Er hat Flexibilität signalisiert. "Ich glaube, dass das Angebot der Regierung ein Ausgangspunkt für Verhandlungen ist", sagt Martín Daud von der Finanzfirma Balanz, die unter anderem mit argentinischen Schuldtiteln handelt.

Gigantische Anlagefonds wie Blackrock, Fidelity und T Rowe halten den größten Teil der argentinischen Privatschulden. Daud sieht darin einen Vorteil im Vergleich zum Crash von 2001, als obskure Geierfonds versuchten, argentinisches Staatsvermögen wie Schiffe und Flugzeuge einzuklagen. "Die Mega-Fonds stehen unter enormem öffentlichen Druck", sagt Daud. Die Gläubiger "tragen eine Mitverantwortung für die argentinische Schuldenkrise und sollten sich an einer Lösung beteiligen", fordert Finanzexperte Volz.

Die Fonds haben das Angebot der Regierung zwar bislang abgelehnt, doch das muss nicht das letzte Wort sein. Denn ein erneuter Staatsbankrott wäre ein Fanal für die ganze Welt. "Wenn die Gesundheitskrise sich weiter verschärft, werden viele Länder in eine ähnliche Situation kommen wie Argentinien", sagt Volz. "Wir brauchen einen internationalen Rechtsrahmen für die Umstrukturierung von Staatsschulden."

Präsident Fernández hat unterdessen eine Lockerung der strengen Quarantänemaßnahmen signalisiert, um die Wirtschaftskrise abzumildern. Wann Restaurantbesitzerin Achaval wiedereröffnen darf, ist zwar noch nicht klar, aber sie hat jetzt Hoffnung - ein bisschen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.