DER SPIEGEL

Machtkampf um die Arktis Russlands Muskelspiele im Eismeer

Eine Militärbasis, die aussieht wie eine Raumstation, und Atom-U-Boote, die das Eis durchbrechen: Russland rüstet im Nordmeer massiv auf. Die strategische Bedeutung der Arktis wächst – beschleunigt durch die Eisschmelze.
Ein Video von Marco Kasang

Sie mutet an, wie eine Festung aus einem Science-Fiction-Film: Nagurskaja, die nördlichste Militärbasis Russlands. Die Einrichtung ist wegen ihrer Form nach einem dreiblättrigen Kleeblatt benannt. Weniger harmlos ist der Zweck der Basis: Russland rüstet im Nordpolarmeer seit Jahren massiv auf. Die Basis inklusive Fliegerhorst für nuklearfähige Kampfflugzeuge und Radarsystemen wurde 2019 gut 1300 Kilometer nördlich von Murmansk auf 14.000 Quadratmetern Fläche fertiggestellt. Im August 2020 verlängerte Russland die Start- und Landebahn. Obwohl hier Temperaturen bis zu 47 Grad unter dem Gefrierpunkt herrschen, können etwa 150 Soldaten dank großer Heizkessel das ganze Jahr über bei rund 26 Grad im Inneren leben.

Nagurskaja ist Symbol für einen geopolitischen Konflikt: Durch den Klimawandel schmelzen die Eismassen in der Region rapide – dadurch wächst die strategische Bedeutung der Arktis. Denn unter der Eisdecke lagern Schätzungen zufolge etwa 30 Prozent der weltweiten Erdgasreserven und große bisher unentdeckte Ölvorkommen. Auch Kohle und Edelmetalle werden hier vermutet. Das schwindende Eis macht die Bodenschätze leichter zugänglich. Gleichzeitig gewinnt die Route über eine eisfreie Nordostpassage an Bedeutung als alternative Wasserstraße für den Welthandel. China möchte sie für seine Vision der "neuen Seidenstraße" nutzen und investiert in Infrastruktur an der russischen Nordküste. Russland wiederum kontrolliert mit seiner Militärpräsenz die Durchfahrt und lässt sich diese von ausländischen Reedereien bezahlen. US-Außenminister Anthony Blinken sprach deshalb vergangene Woche bei der Sitzung des Arktischen Rats eine deutliche Warnung aus.

Anthony Blinken, US-Außenminister: "Wir haben beobachtet, dass Russland mit unrechtmäßigen maritimen Ansprüchen voranschreitet, besonders bei seiner Regulierung der Durchfahrt von ausländischen Schiffen auf der nördlichen Seeroute. Das widerspricht internationalem Recht. Und das ist etwas, worauf wir antworten müssen. Sollte Russland rücksichtlose oder aggressive Maßnahmen gegen unsere Interessen oder die unserer Verbündeten ergreifen, werden wir reagieren.”

Sein russischer Kollege Sergei Lawrow bekräftigte Russlands Besitzansprüche auf das Territorium und betonte, sein Land sei für die Sicherheit der Küste verantwortlich.

Sergei Lawrow, russischer Außenminister: "Es ist wichtig, dass wir die positiven Beziehungen innerhalb des Arktischen Rats ausbauen, um auch den militärischen Bereich einzuschließen. Darüber haben wir bereits gesprochen. Vor allem, indem wir den Dialog des Generalstabs über militärische Themen wiederbeleben."

Von einem Dialog kann bislang nicht die Rede sein: Russland baut seine Drohkulisse in der Arktis stetig aus. Im März gingen diese Aufnahmen viral: russische Atom-U-Boote, die das Eis durchbrechen – und damit einmal mehr Russlands Vormachtstellung im nördlichen Eismeer unterstreichen sollten. Die Vereinigten Staaten wiederum drängen Dänemark, die Verteidigungsmöglichkeiten Grönlands auszubauen. Der Konflikt könnte sich weiter hochschaukeln: Im Juli 2020 hat die Eisbedeckung in der Arktis einen historischen Tiefstand erreicht.

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