Armenien nach dem Waffenstillstandsabkommen Ein Volk in Schmerz und Zorn

Nach dem Waffenstillstand mit Aserbaidschan brechen in Eriwan Krawalle aus. Viele Armenier sehen das Nachgeben im Krieg um Bergkarabach als unerträgliche Peinigung.
Aus Jerewan berichtet Thore Schröder
Proteste im armenischen Parlamentsgebäude gegen das Waffenstillstandsabkommen mit Aserbaidschan

Proteste im armenischen Parlamentsgebäude gegen das Waffenstillstandsabkommen mit Aserbaidschan

Foto: Dmitri Lovetsky / dpa

Gerade wurde der Mob aus dem Sitzungssaal des armenischen Parlaments vertrieben, die Türen sind schon mit Draht gesichert, da erklärt Hrach Galestjan noch einmal seine Sicht der Dinge: Nikol Paschinjan sei in der Revolution vor zwei Jahren nur Premier geworden, um jetzt das Land zu verraten: "Auf dem Schlachtfeld sind wir unbesiegt. Wir hatten noch viele Reserven."

Galestjan, ein 30-Jähriger in Trainingsjacke, der sagt, er arbeite "im Fracking-Business", klingt radikal, aber so oder so ähnlich wie er denken viele Armenier, nachdem Premier Paschinjan am späten Montagabend sein Volk über eine Waffenstillstandsabmachung unterrichtet hat. Viele Menschen im Land sind davon furchtbar überrascht worden.

Hunderte stürmten daraufhin den Regierungssitz am Platz der Republik und die Volksvertretung, junge Männer in Kunstlederjacken und Tarnhosen schlugen Parlamentspräsident Ararat Mirzoyan zusammen und plünderten die Abgeordnetenbüros. Die Polizei ließ sie lange gewähren, als hätten auch die Beamten Verständnis für diese Äußerung des Volkszorns.

Hrach Galestjan: "Wir hatten noch viele Reserven"

Hrach Galestjan: "Wir hatten noch viele Reserven"

Foto: Thore Schröder

Paschinjan hatte mit dem Präsidenten von Aserbaidschan Ilham Alijew unter Vermittlung von Kremlchef Wladimir Putin eine Vereinbarung getroffen, die die Entsendung von 1960 russischen Friedenssoldaten in die umkämpfte Region Bergkarabach vorsieht – dazu vor allem umfangreiche territoriale Zugeständnisse.

Nach mehr als sechs Wochen schwerer Gefechte werden damit nicht nur weite Teile Bergkarabachs Aserbaidschan zugeschlagen, auch an die Exklave angrenzende Regionen sollen künftig von Baku aus regiert werden, zusätzlich erhält das Land eine über armenisches Gebiet verlaufende Verbindung in die Exklave Nachitschewan – und damit: einen Korridor zur Türkei. Ankara könnte dazu eigene Friedenstruppen stellen, das dürfte die Peinigung perfekt machen.

Während das Abkommen in Baku auf der Straße gefeiert wird, sieht man auf Eriwans Straßen am Dienstag: erregte Diskussionen, Streit und niedergeschlagene Blicke.

Armenien hatte Karabach und das Umland in einem blutigen Krieg in den Neunzigerjahren erobert und damals Tausende Aserbaidschaner von dort vertrieben. Vielen der 145.000 armenischen Bewohner der Region droht nun ein ähnliches Schicksal, viele sind bereits geflüchtet. 

Artsach, wie Bergkarabach auf armenisch genannt wird, hat für das Volk eine fast heilige Bedeutung. Der Historiker Vahran Ter-Matevosyan von der American University of Yerevan erklärt: "Dieses Abkommen ist eine Tragödie biblischen Ausmaßes." Karabach sei einer der wenigen Orte, wo Armenier seit Jahrhunderten durchgehend gelebt hätten.

"Tragisch ist jetzt vor allem die Art, wie dieses Dokument zustande gekommen ist. Es ist erniedrigend und spiegelt die Realität nicht wider", so der Historiker. Premier Paschinjan habe weder seine Regierung noch das Parlament oder den Präsidenten informiert. Entsprechend überrascht und empört zeigte sich am Dienstag Staatsoberhaupt Armen Sarkissjan: "Ich habe aus der Presse davon erfahren. Konsultationen oder Diskussionen gab es nicht."  

Diskussion auf dem Platz der Republik in Eriwan

Diskussion auf dem Platz der Republik in Eriwan

Foto: Thore Schröder

"Sechs Wochen lang haben wir Siegesparolen gehört, dann war plötzlich alles verloren", beschreibt eine junge Frau die Stimmung am Dienstagnachmittag im Zentrum von Eriwan.

Viele Armenier begreifen den Karabachkonflikt auch als Überlebenskampf gegen das Nachbarland Aserbaidschan und dessen Verbündeten Türkei, das den Genozid von 1915 nie anerkannt hat: Staatspräsident Reccep Tayyip Erdoğan ist für sie ein neuer Hitler; der Krieg der Turkvolk-Allianz diene ethnischer Säuberung, letztlich einem neuen Völkermord, so hört man es in diesen Tagen von Taxifahrern, Politikern und jungen Mädchen.

Die türkische Unterstützung war tatsächlich ein wesentlicher Faktor für den aserbaidschanischen Vormarsch seit Ende September. Ankara hatte moderne Killerdrohnen geschickt und wohl auch bedient, außerdem syrische Söldner eingesetzt, vor allem an vorderster Front.

"Militärisch hätte dieser Konflikt längst entschieden sein müssen, aber die Armenier kennen das Terrain und kämpfen fanatisch um ihren Boden"

Militärexperte Witold Repetowicz

Umzingelt, alleingelassen und militärisch weit unterlegen – dieser Eindruck hatte sich seit dem Beginn des aserbaidschanischen Überraschungsangriffs bei den Armeniern festgesetzt. In den ersten Kriegstagen starben besonders viele junge Armenier der Artsach-Verteidigungsarmee und der regulären armenischen Truppen, auch unter den Attacken von Drohnen oder durch Streumunition.

"Militärisch hätte dieser Konflikt längst entschieden sein müssen, aber die Armenier kennen das Terrain und kämpfen fanatisch um ihren Boden", analysierte schon eine Woche vor der Quasi-Kapitulation der polnische Militärexperte Witold Repetowicz in Stepanakert, der Hauptstadt Karabachs.

Zu diesem Zeitpunkt tobte bereits die Schlacht um das nahegelegene Schuscha (armenisch Schuschi). Doch auch der Fall der Stadt, die kulturell und strategisch für beide Seiten von enormer Bedeutung ist, war für viele Armenier zuletzt kein Grund zum Aufgeben, wurde vielmehr geleugnet.

Vier seiner Freunde seien auf dem Eriwaner Heldenfriedhof von Jerablur bereits beerdigt, sagt Hrach Galestjan. "Doch wir waren noch nicht am Ende. Auch wir hätten alle noch in die Schlacht ziehen können", sagt er und zeigt auf die jungen Männer, die am frühen Dienstagmorgen im Parlament neben ihm stehen, "leider hat uns niemand gefragt."

Premier Paschinjan erklärte sein Einverständnis mit dem Druck der Armee, der verheerenden Lage. Die Zugeständnisse seien auch für ihn "unsagbar schmerzhaft". Sicher ist, dass er damit zumindest weitere armenische Verluste gestoppt hat. Zuletzt lagen diese bei angeblich 1300 Mann, schätzungsweise aber noch wesentlich höher.

Der Heldenfriedhof in Jerablur: So gut wie jeder in dem Dreimillionenstaat kennt einen Soldaten, der gefallen ist

Der Heldenfriedhof in Jerablur: So gut wie jeder in dem Dreimillionenstaat kennt einen Soldaten, der gefallen ist

Foto: Thore Schröder

Fast jede Familie in dem Dreimillionenstaat hat ein Opfer zu beklagen, zumindest kennt so gut wie jeder einen Soldaten, der gefallen ist. In Jerablur trieben Männer in den Wochen mit Spitzhacken und Presslufthämmern ständig neue Gräber in den felsigen Boden, daneben türmten sich die Blumengebinde; jeden Tag erklangen aufs Neue die Jammerschreie der Mütter, Schwestern und Geliebten. Über den Straßen des Landes flatterten Banner mit den Namen der Toten.

Niemand in Armenien konnte sich zuletzt mehr dem kollektiven Schmerz des Krieges entziehen, doch gleichzeitig war die blutige Vergangenheit der Region von Bergkarabach gerade den Jungen Verpflichtung. 

Rafi hatte einen Beinschuss, hätte aber bald wieder aufs Schlachtfeld gekonnt - und gewollt

Rafi hatte einen Beinschuss, hätte aber bald wieder aufs Schlachtfeld gekonnt - und gewollt

Foto: Thore Schröder

Stolz zeigt der 53-jährige Teppichhändler Aram Astvatsatrjan im Zentrum von Eriwan am Dienstag ein Video seines Sohnes. Er selbst ist Veteran des Neunzigerjahrekrieges, auf seinem Smartphone läuft nun ein Film des 20-jährigen Rafi, auf einem Lazarettbett, breit grinsend. 

Vor zwei Wochen habe Rafi einen Beinschuss abbekommen, erzählt der Vater. "Aber jetzt war er ja schon in der Reha. Bald hätte er wieder in die Schlacht ziehen können."

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