Zum Abendessen in Eriwan »Die Sorge um meinen Sohn bringt mich fast um«

Wie kommt man gleichzeitig klar mit Corona und Krieg? Hier erzählt eine armenische Filmemacherin, was sie derzeit beschäftigt, besorgt und freut – gesellschaftlich, finanziell und persönlich.
Von Thore Schröder und Anush Babajanyan (Fotos)
Familie Hovsepian aus Eriwan: »Wie es weitergeht, hängt jetzt sehr davon ab, wie wir mit dem Kriegstrauma umgehen«

Familie Hovsepian aus Eriwan: »Wie es weitergeht, hängt jetzt sehr davon ab, wie wir mit dem Kriegstrauma umgehen«

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Tessa ist aufgeregt. Zur Beruhigung bekommt die Weimaraner-Hündin eine Mandarine, dann muss sie vor die Tür. Es ist kurz vor 17 Uhr, ein Sonntagabend Mitte November in Eriwan.

Aram Hovsepian, 41, hackt Zwiebeln für die Dolma, gefüllte Weinblätter. Seine Frau Maria, 39, vermengt die Zwiebeln mit Rinderhackfleisch, etwas Schweinefett und den Gewürzen, dann beginnt sie zu rollen, in erstaunlich einheitliche Größen.

»Das ist ein klassisches Gericht für unsere Region, das man so etwa auch in Georgien bekommen kann«, sagt Aram, »aber die Gewürze und das Schweinefett sind meine persönliche Note.« Zu den Weinblättern gibt es gedünstete Bohnen, den Sauermilchjoghurt Matzun, Ziegenkäse und einen großen Teller frischer Kräuter wie Estragon, Petersilie, Dill und Koriander. »Die dürfen auf keinem armenischen Essenstisch fehlen«, sagt Maria.

Maria und Aram Hovsepian in ihrer Küche: »Wir vier sind bisher zum Glück gesund geblieben«

Maria und Aram Hovsepian in ihrer Küche: »Wir vier sind bisher zum Glück gesund geblieben«

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL

Die Wohnung der Hovsepians liegt im ersten Stock eines Vier-Parteien-Hauses unweit des Ringparks. Das Zentrum der Eine-Million-Stadt ist nah, zehn Minuten zu Fuß, und auch sonst sind die wichtigsten Bezugspunkte wie die Schule der Kinder in der Nähe. Arams Eltern, ein befreundetes Paar und sein Bruder Levon samt Familie wohnen im selben Haus.

Das Wohnzimmer der 110-Quadratmeter-Wohnung ist frisch gestrichen in einem hellen Gelbton, an den Wänden hängen außer einem großen Gustav-Klimt-Druck nur wenige Bilder, die Familie hat gerade erst renoviert, muss noch fertig einrichten.

Michael, 12, klettert auf den Schrank, um dort in Ruhe lesen zu können

Michael, 12, klettert auf den Schrank, um dort in Ruhe lesen zu können

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL

Tochter Ksenia, 15, sitzt in ihrem Zimmer und zeichnet ein Bild ihres Hundes. Sohn Michael, 12, sitzt vor seinem Laptop und spielt Minecraft, gerade hat er eine Explosion programmiert. Dann klettert er auf den großen Kleiderschrank am Fenster und schlägt sein Buch auf. Gerade liest er »Per Anhalter durch die Galaxis«. »Hier oben habe ich meine Ruhe«, ruft er vom Schrank.

Lesen Sie in unserer Serie »Zum Abendessen bei...«, was Frauen weltweit bewegt. Bei diesem Essen in Jerewan erzählt die Filmemacherin Maria Hovsepian von ihrem Alltag, was sie gerade am meisten beschäftigt, besorgt und freut – politisch, finanziell und persönlich.

Maria Hovsepian hat lange an einer mehrteiligen Dokumentation über Bergkarabach gearbeitet, die Hälfte der Folgen werden nun aber nicht mehr gesendet: »Das ist im Moment zu schmerzhaft für die Menschen«

Maria Hovsepian hat lange an einer mehrteiligen Dokumentation über Bergkarabach gearbeitet, die Hälfte der Folgen werden nun aber nicht mehr gesendet: »Das ist im Moment zu schmerzhaft für die Menschen«

Foto: Anush Babajanyan

Maria Hovsepian über die aktuelle Situation: »Der Krieg ist eine Katastrophe für unser Land«

»In den vergangenen Monaten haben wir keine größeren Essen hier veranstaltet, weil wir renoviert haben, aber auch wegen der Pandemie natürlich.

Wir vier sind bisher zum Glück gesund geblieben. Aber Armenien wurde von Covid-19 insgesamt schwer getroffen, im Juni hatten wir häufig mehr als 700 Neuinfektionen pro Tag, eine Menge für ein kleines Land mit nur drei Millionen Einwohnern. Nachdem wir bis Anfang Mai einen Lockdown hatten, setzte die Regierung auf freiwillige Maßnahmen und eine allgemeine Maskenpflicht, sogar auf der Straße. Tatsächlich ist die Kurve über den Sommer abgeflacht.

Aber dann kam der Krieg. Jetzt haben wir hier viel mehr Neuinfektionen pro Tag, denn die Leute hatten natürlich andere Sorgen als Corona. Der Krieg um die Region Bergkarabach ist eine Katastrophe für unser Land. Mit dem Waffenstillstand mussten wir große Gebiete an Aserbaidschan abtreten. Und wir haben viele junge Männer verloren. Offiziell spricht das Gesundheitsministerium von 2317 Gefallenen, aber viele Soldaten werden noch vermisst, die Zahl dürfte also noch deutlich steigen.«

Die Familie beim Abendessen: Durchschnittlich verdienen die Menschen in Armenien etwa 300 Euro pro Monat, die Hovsepians gehören mit einem Nettoeinkommen von gut 1700 Euro zur Mittelschicht

Die Familie beim Abendessen: Durchschnittlich verdienen die Menschen in Armenien etwa 300 Euro pro Monat, die Hovsepians gehören mit einem Nettoeinkommen von gut 1700 Euro zur Mittelschicht

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL

Politik: »Eigentlich hatten sich viele Dinge zum Besseren entwickelt«

»Wir sprechen natürlich viel über die Folgen des Krieges. Wir Armenier sind Tiefschläge ja gewöhnt. Alle erinnern sich an den Völkermord im Ersten Weltkrieg, aber auch an den blutigen Krieg gegen Aserbaidschan in den Neunzigerjahren, den wir gewonnen haben. Im Prinzip müssen wir immer auf alles Mögliche vorbereitet sein. Natürlich weiß ich auch, dass Michael bald in das Alter kommt, in dem auch er an die Front müsste. Diese Sorge bringt mich fast um. Ich weiß nicht, wie ich damit leben könnte, wenn er in einen Krieg ziehen müsste.

So schlimm die Niederlage für unser Volk auch ist, hoffe ich, dass wir jetzt erst mal Ruhe haben. Denn wir waren seit 2018 eigentlich auf einem guten Weg. Damals gab es hier in Armenien eine Revolution. Auch ich bin auf die Straße gegangen und habe die Bewegung von Nikol Paschinian unterstützt. Er wurde Premierminister, als die alte Garde verschwand.

Seitdem ging es bergauf. Ich meine damit gar nicht so sehr das Finanzielle, das braucht ja Zeit, eher die persönliche Freiheit. Die Leute waren ganz anders motiviert, verantwortungsvoller und nicht mehr so auf sich selbst bezogen. Vorher dachten sie, gesellschaftlich würde sich eh nichts ändern und kümmerten sich vor allem um ihre persönlichen Belange. Das hat sich geändert.

Aram ist Psychotherapeut und Psychiater, bei ihm in der Klinik wurden nun auch viele Posten mit Jüngeren besetzt. Und die Ästhetik im Land hat sich verändert: Plötzlich wurden im Fernsehen auch Rock und Techno gespielt, die Mode wurde bunter.

Wie es weitergeht, hängt jetzt sehr davon ab, wie wir mit dem Kriegstrauma umgehen. Genau das ist auch Arams Aufgabe. Er bietet umsonst Therapiestunden an für Soldaten.«

Maria Hovsepian vor ihrem Haus mit der Weimeraner-Hündin Tessa

Maria Hovsepian vor ihrem Haus mit der Weimeraner-Hündin Tessa

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL

Arbeit und Geld: »Wir hatten Glück: Unser Haus ist quasi ein Erbstück«

»Durchschnittlich verdienen die Menschen in Armenien etwa 300 Euro pro Monat. Uns geht es im Vergleich zu vielen anderen Familien gut. Ich arbeite sechs Stunden pro Tag und trage etwa 40 Prozent zu unserem Einkommen bei. Mit insgesamt gut 1700 Euro Nettoeinkommen im Monat gehören wir sicher zur Mittelschicht.

Aram und ich haben Glück, dass wir während der Coronakrise beide weiter Arbeit haben. Er sogar noch mehr, denn die Sorgen der Menschen sind ja noch gewachsen. Er geht noch in die Praxis, ich bin Filmemacherin und kann für meinen Fernsehsender von zu Hause aus arbeiten. Lange habe ich an einer mehrteiligen Dokumentation über Bergkarabach gearbeitet, die Hälfte der Folgen werden wir jetzt aber nicht mehr senden, das ist im Moment zu schmerzhaft für die Menschen.

Uns geht es so gut, dass wir ein-, zweimal in der Woche eine Putzfrau beschäftigen und für die Kinder Privatunterricht bezahlen können. Das ist gerade jetzt während der Pandemie wichtig, denn der Schulunterricht funktioniert digital nicht richtig. Die beiden sind auf der russischen Schule, nebenbei lernen sie Armenisch und Englisch, außerdem kriegen sie Extraunterricht in Mathematik.

Unser Glück ist, dass Arams Großvater als verdienter Wasserbauingenieur zu Sowjetzeiten ein Apartment in der Innenstadt geschenkt bekommen hat. Das haben wir dann übernommen und mit dem Verkauf dieses Gebäude hier gekauft. Unser Haus ist also quasi ein Erbstück.

Viele unserer Bekannten stehen derzeit schlechter da. Meine gute Freundin Arpi zum Beispiel war Moderatorin bei unserem TV-Sender, doch für sie und ihren Ehemann gab es nicht genug Möglichkeiten hier in Eriwan. Heute arbeitet er als Informatiker in Berlin, sie lässt sich dort zur Pflegerin ausbilden.«

Ksenia, 15: »Vielleicht werden Ksenia und Michael in Russland studieren«

Ksenia, 15: »Vielleicht werden Ksenia und Michael in Russland studieren«

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL

Sorgen und Wünsche: »Wenn die Kinder eine gute Bildung haben wollen, müssen sie vielleicht das Land verlassen«

»Es wäre schön, wenn wir uns mehr große Reisen leisten könnten, aber das ist in Armenien sehr teuer; wenn wir ins Ausland wollen, müssen wir in der Regel fliegen. Immerhin nutzen Aram und ich die Gelegenheit unserer Dienstreisen, um gemeinsam wegzufahren, zuletzt waren wir in Rom und Berlin.

Als Familie fahren wir so oft es möglich ist auf unsere Datsche, also zu unserem Ferienhäuschen in Gokht, einem Bergdorf östlich von Eriwan. Das Grundstück dort ist seit Generationen in Besitz von Arams Familie. Viele armenische Familien haben ein zweites Zuhause auf dem Land.

Ich weiß, dass Ksenia und Michael heimatverbunden aufwachsen. Und ich weiß, dass Eriwan eine angenehme Stadt zum Leben ist; es gibt nicht viel Verkehr, das meiste kann man zu Fuß erledigen, wir haben noch nicht mal ein Auto. Aber wenn die beiden die beste Bildung haben wollen, müssen sie vielleicht das Land verlassen.

Die Jahresgebühr für manche Masterprogramme an Eriwaner Universitäten liegt bei mehr als 3000 Euro, es gibt aber auch Stipendien. Das Problem ist vielmehr, dass manche Fächer nicht das beste Niveau haben. Vielleicht werden Ksenia und Michael deshalb in Russland studieren, wir wissen es noch nicht.«

Aram Hovsepian spielt im Wohnzimmer mit Tessa

Aram Hovsepian spielt im Wohnzimmer mit Tessa

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL

Gleichberechtigung: »Das Geschlechterbild ist sehr traditionell, aber es ändert sich gerade«

»Das Geschlechterbild in Armenien ist noch sehr traditionell. Die Männer ziehen in den Krieg und gehen zur Arbeit, die Frauen kümmern sich um den Haushalt, so denken viele. Doch gerade hier in Eriwan ändert sich das.

Bei uns zu Hause ohnehin. Aram und ich haben uns auf der Universität kennengelernt. Vor 16 Jahren haben wir geheiratet, danach drei Jahre lang zusammen in einer Einzimmerwohnung gelebt. Da wäre es ja aufgefallen, wenn er sich nur bedienen lässt. Tatsächlich packt er zu Hause ordentlich mit an. Genau wie ich hilft er den Kindern bei ihren Hausaufgaben. Außerdem kocht er, deckt den Tisch und wäscht ab. Ich kann nicht klagen.

Nicht zuletzt kümmert er sich viel um Tessa. Sie ist ein junger Hund, voller Energie. Jetzt ist es dunkel, Zeit für ihren Abendspaziergang. Gleich muss er noch mal eine halbe Stunde mit ihr um den Block.« 

Fotostrecke

Zum Abendessen in Jerewan: Marias und Arams Rezept für Dolma

Foto: Anush Babajanyan / DER SPIEGEL

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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