Armenier fliehen aus Bergkarabach »Eine Tragödie für unser Volk«

Vor der Übergabe an Aserbaidschan verlassen Tausende Armenier die Region Kelbadschar in Bergkarabach. Viele zünden ihre Häuser an, um dem Feind nichts zu lassen.
Aus Bergkarabach berichtet Thore Schröder
Brennendes Haus in Bergkarabach

Brennendes Haus in Bergkarabach

Foto:

Johanna-Maria Fritz / Ostkreuz

Er könne sich nicht dazu durchringen, es seinen Nachbarn nachzutun, sagt Aram Petrosian: »Meine Hand vermag es einfach nicht.«

Der armenische Lehrer wohnt in der Provinz Kelbadschar, die nach dem verlorenen Krieg in Bergkarabach an Aserbaidschan übergeben wird. Viele der fliehenden Bewohner zünden ihre Häuser an, um dem Feind nichts zu überlassen.

Aram Petrosian bringt das nicht übers Herz, aber er hat zumindest mitgenommen, was er konnte. Möbel, Regenrinnen, Türen und Kisten voller Geschirr stapeln sich auf der Ladefläche seines GAZ-Lasters aus sowjetischer Produktion. »Es ist bereits die zweite Fuhre«, sagt der 49-Jährige, »der Rest unserer Sachen ist schon drüben.«

»Was jetzt werden soll, wissen wir nicht«

Drüben – das ist jenseits der Passstraße auf dem Gebiet der Republik Armenien, wohin nun Tausende Landsleute aus der Provinz Karabach geflohen sind. Aram Petrosians Familie hat in Artik Unterschlupf gefunden, einem kleinen Ort im Nordwesten.

Petrosian ist wütend, wütend auf die Russen, die seiner Meinung nach den Armenier im Konflikt mit Aserbaidschan nicht genügend beigestanden hätten, und auf die Aserbaidschaner sowieso, »das sind ja gar keine Menschen«.

Der Hass, der aus den Worten des Pädagogen spricht, gärt seit dem Zerfall des Zarenreichs vor hundert Jahren und ist mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den Neunzigerjahren eskaliert. Beide Seiten, Armenier und Aserbaidschaner, stehen sich in tiefer Abneigung gegenüber. Und überschütten sich mit Vorwürfen. Der nun von Aserbaidschan gewonnene Krieg ist bloß die jüngste, aber wohl kaum die letzte Episode dieser Feindschaft.

Vor 20 Jahren war Artik nach Kelbadschar gekommen, um nach dem ersten Krieg örtliche Schule aufzubauen. Zuvor waren rund 60.000 Aserbaidschaner von den siegreichen Armeniern binnen weniger Tage vertrieben worden. Die Berichte der fliehenden Familien, die, teils unter Beschuss, im Spätwinter 1993 über eine verschneite Passstraße entkommen mussten, klingen grausam. Nun sinnen die siegreichen Machthaber in Baku auf Geschichtsbereinigung und Revanche.

Fotostrecke

Bergkarabach

Foto: Thore Schröder

Petrosian betritt ein letztes Mal sein Zuhause. Auf dem Boden steht Wasser, es tropft von der Decke. »Wir haben die Leitungen und Tanks demontiert«, erklärt er, füllt sich ein großes Glas mit Maulbeerwodka ein und stürzt es herunter: »Das hilft, zumindest ein bisschen.«

Im Dorf Nor Erkej haben die Petrosians lange in einer bescheidenden Hütte gehaust, sechs Kinder großgezogen, vor zwei Jahren kaufte sich das Ehepaar ein großes Grundstück am Fluss. Das gelbgefärbte Laub der Weiden und Walnussbäume leuchtet im Herbstlicht, als sich Aram Petrosian verabschieden muss von seinem Stück kaukasischem Paradies: »Ich wollte hier ein Ausflugslokal bauen, habe Kirschen- und Apfelbäume gepflanzt. Wir haben uns schwer verschuldet.«

Dann schließt er die Tür seines Hauses ein letztes Mal ab und fängt an zu zittern. Tränen schießen in seine Augen, er wischt sich den Rotz aus dem bärtigen Gesicht. »Niemand hat uns informiert, keiner hat uns geholfen. Was jetzt werden soll, wissen wir nicht.«

Knapp einen Kilometer entfernt, an der Zufahrt zum Kloster Dadivank, haben zu diesem Zeitpunkt bereits russische Soldaten ihre Posten bezogen. Das Waffenstillstandsabkommen regelt ihre Entsendung, auf den Panzern prangt ein gelbes Kürzel, das für Mirotvorcheskie Sily, also Friedenstruppen, steht. Ob sie die Hauptstraße in Zukunft auch für die Durchfahrt der Armenier sichern werden, ist noch unklar. Zumindest der Schutz der christlichen Stätten scheint garantiert. 

Tausende Menschen strömen am vergangenen Wochenende noch einmal in das Kloster Dadivank, ein Konvent aus dem 9. Jahrhundert. Sona Harutiunian, die Besitzerin eines Schönheitssalons in der Hauptstadt Jerewan, ist mit ihrer Tochter Astrik gekommen. Jetzt zünden die beiden Kerzen an und beten. Die Mutter sagt: »Dass wir diesen Ort wieder verlieren, ist eine Tragödie für unser Volk. Jetzt verstehe ich, wie sich meine Urgroßmutter gefühlt hat im Genozid.«

Aus den Worten Harutiunians spricht die tiefe Enttäuschung über den Verlust von großen Teilen Bergkarabachs. Auch die Aserbaidschaner hatten in diesem Krieg zivile Opfer zu beklagen. Doch nun fühlen sie sich als Sieger. Es ist in diesem Moment nur schwer vorstellbar, wie die beiden Seiten zu einem friedlichen Miteinander finden sollen.

Manche Besucher im Kloster Dadivank irren mit feuchten Augen umher, andere schießen noch mal ein Selfie. Einige der kunstvoll gefertigten Kreuzsteine, die auf Armenisch Chatschkar heißen, wurden bereits aus den Wänden gebrochen. Vater Hovhannes Hovhannisian, Vorsteher des Klosters, versichert in einer improvisierten Pressekonferenz: »Wir werden Dadivank nicht den Türken geben, niemals.«

Ein Zwischenreich ohne Kontrolle und Kompetenz

Der bullige Gottesmann, der kürzlich mit einer Kalaschnikow posierte, war nach dem Krieg 1993 als einer der drei ersten Armenier in das Kloster zurückgekehrt. »Seitdem habe ich hier den Wiederaufbau geleitet und selbst Stein auf Stein gesetzt.« Er werde bleiben, sagt Vater Hovhannes: »Notfalls bis zu meinem Ende. Für Gott ist nichts unmöglich.«

Kelbadschar ist in diesen Novembertagen ein Zwischenreich ohne klare Kontrolle und Kompetenzen. Am Rand der Hauptstraße, die dem Flusslauf des Tartars folgt, schlagen Männer Brennholz mit Kettensägen. Selbst die Natur will man dem Feind nicht übergeben. An den Häuserwänden stehen Trotzlosungen und Verwünschungen in holprigem Englisch: »We will back« und »Welcome to Hell, Aliev«.  

Vrej Fahradian und seine Frau Lilit räumen gerade den Geflügelstall, als wir ihr Grundstück betreten. Das Ehepaar war frisch verheiratet, als sie vor 20 Jahren hierher zogen. Vrej war Sportlehrer, seine Frau Bibliothekarin in der örtlichen Schule.

Nun wickelt Fahradian einen in Benzin getränkten Lappen um einen Stock und zündet die Stube seines Hauses an. Nach wenigen Minuten schlagen die Flammen meterhoch aus den Fenstern, dann beginnen die Mauersteine bedrohlich zu knacken. Fahradian nimmt mit seinem Handy ein Video auf. Er fängt an, lautlos zu weinen, eilt mit großen Schritten zum Auto. Kein Blick zurück.

Seine Frau steht nun einsam inmitten von Helfern vor den Ruinen ihrer Existenz. Putin und Paschinjan seien dafür verantwortlich, sagt sie leise über die Machthaber von Russland und Armenien: »Sie haben unser Land weggegeben.« Dann beißt sie auf den Rücken ihrer rechten Hand, um das Schluchzen zu unterdrücken.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die zeitgleiche Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten