Konflikt im Kaukasus Aserbaidschan startet Militäreinsatz in Bergkarabach

Aserbaidschans Militär hat eine Offensive in der Region Bergkarabach begonnen. Das Verteidigungsministerium in Baku spricht von einer »Antiterror«-Operation gegen armenische Einheiten.
Aserbaidschanischer Checkpoint am Latschin-Korridor (Symbolbild)

Aserbaidschanischer Checkpoint am Latschin-Korridor (Symbolbild)

Foto: Karen Minasyan / AFP

Aserbaidschan geht mit einer Militäroperation gewaltsam in der Region Bergkarabach vor. Das Verteidigungsministerium in Baku sprach in einer Mitteilung von »Antiterroreinsätzen« gegen armenische Kräfte. Man wolle die »verfassungsmäßige Ordnung« in der Region wieder herstellen.

Was das bedeutet, zeigen Berichte aus Stepanakert, der Hauptstadt der zwischen beiden Ländern seit Jahrzehnten umstrittenen Region: »Im Moment stehen die Hauptstadt Stepanakert und andere Städte und Dörfer unter intensivem Beschuss«, erklärte die in Armenien ansässige Vertretung von Bergkarabach im Onlinedienst Facebook. Aserbaidschan habe eine »groß angelegte Militäroffensive« gestartet.

Dies deckt sich mit den Angaben eines Reporters der Nachrichtenagentur AFP, wonach Explosionen zu hören waren. Auch in den sozialen Medien kursieren bereits Aufnahmen, die Beschuss in der Region zeigen sollen.

In der Mitteilung  des aserbaidschanischen Verteidigungsministeriums werden nun Angriffe durch armenische Einheiten als Beleg für armenischen »Terror« gegen Aserbaidschan angeführt. Nun würden Stellungen armenischer Truppen mit »Hochpräzisionswaffen« attackiert.

Aserbaidschan will Russland und Türkei informiert haben

Die Türkei und Russland seien über das Vorgehen informiert worden, gab Baku weiter an. Die Zivilbevölkerung und -infrastruktur sei nicht Ziel des Angriffs. Es seien humanitäre Korridore zur Evakuierung von Zivilisten geöffnet worden, erklärte das aserbaidschanische Verteidigungsministerium. Unter dem Vorwand der Errichtung solcher Korridore könnte Aserbaidschan jedoch auch eine Vertreibung von Armeniern in der Region anstreben.

Hintergrund der Attacke sind nach aserbaidschanischen Angaben zwei Vorfälle vom Dienstag. Demnach sollen zunächst zwei Mitarbeiter einer Straßenbehörde durch eine Mine getötet worden sein. Beim Versuch, sich dem Ort zu nähern, soll dann ein aserbaidschanisches Militärfahrzeug eine weitere Mine überfahren haben, wodurch vier weitere aserbaidschanische Soldaten ums Leben gekommen seien.

Die aktuelle Führung der Konfliktregion um die Hauptstadt Stepanakert wies die Anschuldigungen aus Baku zurück. Die Verteidigungskräfte hielten sich an den Waffenstillstand, teilte das Verteidigungsministerium von Arzach in einer Pressemitteilung mit. Der Vorwurf, die Feuerpause gebrochen und zwei aserbaidschanische Soldaten verletzt zu haben, sei »erlogen und entspricht nicht den Tatsachen«. Armeniens Verteidigungsministerium erklärte indes, es sei weder mit militärischem Personal noch Gerät in Bergkarabach vertreten.

Russland mahnt beide Seiten, »Blutvergießen« zu beenden

Russlands Außenministeriumssprecherin Maria Zakharova forderte nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters sowohl Aserbaidschan als auch Armenien dazu auf, das »Blutvergießen« zu beenden. Russland sei besorgt über die Eskalation, Moskaus Friedenstruppen in der Region würden ihre Mission fortsetzen. Zudem teilte das russische Außenministerium mit, man stehe mit Aserbaidschan in Kontakt.

Aserbaidschan wird in dem Konflikt von der Türkei unterstützt, während Russland als traditionelle Schutzmacht Armeniens an Einfluss verliert. »Infolge der Ereignisse in der Ukraine haben sich die Möglichkeiten Russlands verändert«, sagte kürzlich Armeniens Regierungschef Paschinjan in einem Interview mit dem US-Medium »Politico«. Sein Land wolle künftig vermeiden, von äußeren Beschützern abhängig zu sein.

Bergkarabach wird von den Vereinten Nationen als Teil des aserbaidschanischen Staatsgebiets anerkannt, aber mehrheitlich von ethnischen Armeniern bewohnt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 ist die Region eine Quelle von Konflikten zwischen den beiden Nachbarn. Nach einem Krieg Anfang der Neunzigerjahre hatte zunächst Armenien die Oberhand. In einem zweiten Krieg 2020 siegte Aserbaidschan, das mit Geld aus dem Öl- und Gasgeschäft seine Streitkräfte hochgerüstet hatte. Bei Zusammenstößen vor einem Jahr wurden auf beiden Seiten etwa 300 Soldaten getötet.

Baku blockierte monatelang die Verbindung der etwa 120.000 Karabach-Armenier nach Armenien. In dem Gebiet fehlt es an Lebensmitteln und Medikamenten. Erst jüngst hatte das Rote Kreuz berichtet, dass wieder Lieferungen möglich seien. Ob diese nach den jüngsten aserbaidschanischen Angriffen fortgesetzt werden können, scheint fraglich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der Karte war die genaue Lage von Bergkarabach falsch dargestellt. Wir haben das korrigiert.

fek/ulz/col/AFP/Reuters/dpa
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